«ICH WOHNE seit 1982 hier in Malans. Zuvor habe ich zehn Jahre in Zürich gelebt, ich muss sagen: am falschen Ort, in Witikon. Für 1500 Franken kriegte man dort damals noch eine Maisonnettewohnung mit einer grossen Terrasse mit Blick auf den See. In einem Block. Ich war 1967 in die Schweiz zurückgekehrt, nachdem ich hatte einsehen müssen, dass ich als Musiker nirgends hinkomme. Ich rutschte innerhalb von zwei Monaten in einen Beruf, von dem ich nicht einmal gewusst hatte, dass es ihn gibt. Ich wurde Werbetexter und verdiente damit gutes Geld. 1977 habe ich mich selbständig gemacht.
Irgendwann hat mich dann der Traum, Musiker zu sein, wieder eingeholt. Und nachdem ich zehn Jahre lang auf der Terrasse in Witikon auf und ab gegangen war, merkte ich auch, dass ich mich in Zürich nicht wirklich daheim fühlte. Ich schrieb einem Freund, der Häuser im Bündnerland besitzt, schrieb ihm: Paul, ich habe Heimweh, hast Du eine Wohnung für mich, in der es auch meiner Stadtzürcher Frau gefallen könnte? Ich spürte, dass ich eigentlich ein Bergler war, dass ich mich mit Graubünden wieder versöhnen könnte, von wo ich 25 Jahre zuvor weggezogen war, weil mir alles so eng und so steinig und so verbrettert vorkam. Geboren worden bin ich in Poschiavo. Mit acht Jahren wurde mein Vater nach Landquart versetzt. Er war bei der Bahn. Ich bin in einer Dreizimmerwohnung gross geworden, in einem Bähnler-Block, in dem es dauernd irgendwelchen Krach unter den Bewohnern gab.
Dieses Haus ist ungefähr 350 Jahre alt, die Plantas haben es gebaut. Es ist eines der herrschaftlichen Häuser im Dorfkern von Malans. Von diesen Fenstern aus sieht man ins Rheintal bis hin zu den hässlichen Hochhäusern von Chur. Das Haus wurde 1974 von Rudolf Olgiati umgebaut. Eigentlich sollten es Ferienwohnungen werden, darum ist das Haus auch so furchtbar ausgenutzt. Es ist bis unters Dach voller Wohnungen, hat keinen Stauraum, keinen Estrich, nichts. Für Ferienwohnungen gab es aber bessere Lagen, näher beim Skilift, und so gab man die Wohnungen an Dauermieter ab.
Unter uns wohnt der eine Sohn des Besitzers mit seiner Frau und drei Kindern. Da hören wir voneinander schon mal was, da ist nur dieser Holzboden dazwischen. Aber weil wir einander gut mögen, macht das nichts. Saxophon üben könnte ich hier aber nicht, ich würde mich gestört fühlen. Ich mich. Weil ich damit die anderen störte. Ich habe in einem anderen Haus im Dorf ein Arbeits- und Übungszimmer; um zu überleben, arbeite ich noch immer auch für die Werbung. Die Musik hat jetzt zwar wieder mehr Platz in meinem Leben. Doch die Musik, die ich mache, ist etwas randständig, entsprechend gering sind die Auftrittsmöglichkeiten und die Gagen. Wo sie anzusiedeln ist? Irgendwo zwischen neuer Musik und Jazz, etwas näher an der neuen Musik, würde ich sagen, nur ist sie nicht notiert.
Die Wohnung hat drei Zimmer. Dieses hier ist mit Abstand das grösste, und es wirkt mit seinen dreieinhalb Metern Höhe noch grösser als die 40 Quadratmeter, die es ist. Hier drin tun wir das, was eine Kleinfamilie, die wir sind, halt so tut. Hier sitzen wir, lesen, hören Musik, der Bub schaut vielleicht im Fernsehen etwas über Kopfhörer. Es ist der Raum, in dem man sich nach getaner Arbeit aufhält. Früher hatte ich den Arbeitsraum im gleichen Haus. Am Anfang fand ich es lässig, dass ich von der Wohnung schnell hinaufgehen und schnell etwas arbeiten konnte. Heute weiss ich, dass es ein Segen ist, einen Arbeitsweg zu haben, wenn auch einen kurzen. Man hat eine ganz andere Haltung seiner Sache gegenüber, wenn man sie nicht im Pyjama verrichten kann, wenn man dazu aus dem Haus muss.
Im Ausland habe ich, als einer, der sich mit den unterschiedlichsten Jobs über Wasser hielt, immer sehr einfach gewohnt. In Hamburg lebte ich einmal ein Jahr lang in einem Bunker aus der Kriegszeit, ohne Fenster. Ein andermal hatte ich dann aber wieder bei einer alten Dame ein wunderschönes Zimmer mit Blick auf die Elbe. In Finnland bekam man meist mit dem Job auch gleich ein Zimmer, da wohnte ich etwa beim Besitzer einer Tankstelle oder was es dann gerade war.
Ich habe einmal in der hohlen Staumauer auf dem Gotthard gespielt. Die Situation in der feuchten Grotte der Lucendro-Staumauer hat mich anfänglich extrem verängstigt, ich bin klaustrophob und habe Höhenangst. Die Kammern der Mauer sind etwa 200 Meter lang und um die 80 Meter hoch, gigantische Kathedralen. Aber vom Sound her habe ich am Leib noch nie so etwas erlebt.
Das Baritonsaxophon, das grössere der beiden Instrumente, ist ein schönes altes Stück, ein Selmer von 1947. Zwei Leute, die in Luzern ein Blashaus haben, fanden es in einem Pfandleihhaus in Chicago. Das Bild, das hinter dem Saxophon hängt, ist eine Radierung von Martin Disler, er hat sie uns geschenkt. Er war ein Freund von uns, Götti von Luca, unserem Sohn. Die Einrichtung der Wohnung ist ein Sammelsurium, entstanden während des 25jährigen Zusammenlebens mit meiner Frau Anita. Sie war Grafikerin, sehr talentiert, hat sich mit dem Gehabe der Werbebranche aber schwergetan. Nun kümmert sie sich um alles hier, wir sind ein intaktes Dreieck.
Wenn ich einen Wunsch offen hätte, dann wünschte ich mir eine Siebenzimmer-Dachwohnung in Rom, mit viel Grün auf der Terrasse. Wieso Rom? Die Vorstellung gefällt mir einfach. Rom hat einen wunderbaren Himmel, gross und weit. Oder vielleicht doch lieber New York? Paris? Stockholm?»