NZZ Folio 11/91 - Thema: Kinder am Rand   Inhaltsverzeichnis

Portfolio -- Blinde mit Weitsicht

Von Beat Ammann

«Para hoy, para hoooy . . .» - «Für heute, für heute, nur noch wenige für heute . . .» Der Ruf schwarzbebrillter Gestalten mit bunten Loszetteln auf der Brust gehörte einst zu den akustischen Erkennungszeichen Madrids, damals, als es noch möglich war, den Verkehrslärm zu übertönen.

Heute sitzen die Losverkäuferinnen und -verkäufer eher in braunen Minikiosken und halten feste Öffnungszeiten ein. Sie rufen nicht mehr, und die Lose hängen an Schnüren ordentlich aufgereiht hinter Glas. Eine Tafel mit den Gewinnzahlen des laufenden Monats steht ans Fenster gelehnt; täglich - ausser am Wochenende - kommt eine neue Reihe von fünf Ziffern hinzu, handgeschrieben, oft krakelig. An den grossen Kreuzungen in Madrid finden sich gelegentlich gleich mehrere dieser Häuschen mit dem weissen Schriftzug Once. Once ist die Organización Nacional de Ciegos Españoles, die Nationale Blindenorganisation.

In den Metrostationen stehen sie noch wie früher, die Verkäufer mit der schwarzen Brille, betasten das Geld, greifen vor sich auf der Brust nach einem Los; manchmal hallt in den Gängen gar ihr altes Signal, das ungeduldige Pochen des weissen Stöckchens, das sich in den Lärm der Züge und der Rolltreppen und in das Echo von hundert hektischen Füssen mischt.

Die Once, gegründet 1938, ist ein Hilfswerk eigener Kategorie. Dieses Jahr wird sie Lose für umgerechnet gut vier Milliarden Franken verkaufen. Rund die Hälfte davon wird als Gewinn wieder ausbezahlt. Sie deckt damit nach eigenen Angaben acht Prozent des Lotteriegeschäftes in Spanien ab, dessen Bewohner weltweit zu den eifrigsten Spielern - und Verlierern - gehören. Die Once besitzt ausserdem eine eigene Radiokette mit über 110 Sendern, die auch die Losziehung direkt überträgt, sie besitzt eine Nachrichtenagentur und hält Beteiligungen unter anderem an Zeitungen, einer Fernsehstation, zwei Grossbanken und zwei Baufirmen.

Die Once hat rund 40 000 sehbehinderte und blinde Mitglieder; sie beschäftigt über 28 000 Personen, unter ihnen auch viele mit anderen Behinderungen. Nach Angaben des Präsidenten, José María Arroyo, belaufen sich ihre Sozialleistungen 1991 auf umgerechnet ungefähr 350 Millionen Franken. Und der Umsatz übertrifft - zum Beispiel - jenen der staatlichen Eisenbahngesellschaft Renfe bei weitem. Ihre wirtschaftliche Macht verdankt die Organisation der staatlichen Konzessionierung des cupón, des Loses. Verwaltet und gemehrt wird diese Macht von einem Manager modernen Zuschnitts, von Miguel Durán, alias el bastón - der (Blinden-)Stock - alias Al Cupone. Dieser Übername verrät - mitunter widerwilligen - Respekt und viel Kritik; in der Once hiesse es: Neid und Missgunst. Dass eine Körperschaft des öffentlichen Rechts mit einer vom Staat verliehenen Lotteriekonzession auf dem Markt wie ein Privatunternehmen auftritt, erscheint vielen als Missbrauch einer privilegierten Position. Vor allem der energische Vorstoss der Once auf den Medienmarkt weckte verschiedenenorts Unbehagen, besonders unter privaten Konkurrenten. Die Blindenorganisation erwarb vor kurzem 70 Prozent der schwachbrüstigen Tageszeitung «El Independiente». Auf einen bissigen Leitartikel von «El País» reagierte die Once auf eine Weise, welche wenig geeignet war, die geäusserten Befürchtungen zu zerstreuen: mit einem ungezeichneten Leitartikel im nicht mehr ganz unabhängigen «Independiente».

Die Once begründet solche Grossinvestitionen in erster Linie mit der Notwendigkeit zu diversifizieren, um ihrer eigentlichen Aufgabe nachkommen zu können, nämlich Sehbehinderten und Blinden das Leben zu erleichtern; der cupón allein genüge hierfür nicht mehr. Zudem schaffe sie auf diese Weise Arbeitsplätze für Behinderte; seit die Once am Kapital des «Independiente» beteiligt ist - sie war es schon früher mit acht Prozent - arbeiten Blinde etwa in der dortigen Telefonzentrale. Ferner sei der Organisation daran gelegen, dass die Öffentlichkeit mit Themen, die für Behinderte bedeutsam seien, konfrontiert werde. Das Argument lässt den Willen erkennen, tatsächlich auf den Kurs der Zeitung einzuwirken.

Für 100 Peseten (ungefähr Fr. 1.40) erstehen Hunderttausende jeden Tag neu ein buntes Los, das bei fünf richtigen Ziffern 2,5 Millionen Peseten (etwa 35 000 Franken) einbringt. Am Freitag wird für 200 Peseten das grosse Los, der cuponazo, verkauft, wobei ein Maximalgewinn von 2 Millionen Franken lockt. Jeden Freitag setzt die Once im Schnitt zehn Millionen cuponazos ab: statistisch spielt jeder vierte Spanier mit.

In den dreissiger Jahren hatten Blinde in Selbsthilfe begonnen, mittels Tombola Geld zu beschaffen. Daraus ging der cupón pro-ciegos, das Blindenlos, hervor. Doch verlor der alte cupón an Attraktivität, als nach der Liberalisierung des Glücksspiels Casinos, Bingo-Hallen und glucksende Automaten mit bunten Lichtern neuen Kitzel verhiessen, bis 1984 dann der neue cupón, landesweit vereinheitlicht, mit steigenden Gewinnsummen erschien. Die Once, im Gleichschritt mit einer schnell wachsenden spanischen Wirtschaft, hat Boomjahre hinter sich. Sie schoss, wie manche meinen, ein bisschen zu sehr ins Kraut. Unbestritten aber bleibt, dass die Once den Blinden unschätzbare Dienste erweist, so dass ihnen unter den Behinderten eine bevorzugte Stellung zukommt. Medizinische Betreuung, Ausbildung, Bibliotheken, Informationszentren, Sportmöglichkeiten, zwei Druckereien für Bücher in Braille-Schrift - und für den cupón -, über 150 000 Stunden Tonbänder mit vorgelesener Literatur, eine Fachbibliothek zum Thema Blindheit, Hilfe für Alte, Freizeiteinrichtungen, Kurse, Ferien, Stipendien: die Once hat es und bietet all dies an und noch mehr. Seit 1989 unterstützt eine Stiftung, die Fundación Once, gewisse Betriebe, die Arbeitsplätze für Blinde und ausdrücklich auch für andere Behinderte schaffen. Sie widmet sich ferner der Beseitigung von architektonischen Hindernissen, die die Bewegungsfreiheit von Behinderten einschränken, und der Förderung neuer Techniken, die die Folgen einer Behinderung zu lindern vermögen.

Die Once und ihr cupón sind eine omnipräsente Institution des spanischen Alltags, die Figur mit dem weissen Stock und die vier in Rechtecken invers gesetzten Buchstaben ein Markenzeichen, so bekannt wie der Schriftzug von Coca-Cola oder Marlboro. Behinderte gehören zum spanischen Strassenbild, dank der Once meist nicht als Bettler, sondern an prominenten Stellen als Losverkäufer. Und welcher Sofasportler nördlich und östlich der Pyrenäen kennt nicht mindestens das gelb-schwarze Trikot Marino Lejarretas dank Fernsehübertragungen von Vuelta, Giro und Tour de France . . .? Eben, er fährt für das Team Once.


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