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Tuff Kid vom Gundeli
Sie nennen sich Bone, Ice oder Tuff Kid, und sie messen sich in Breakdance-Battles - manchmal bis die Knochen splittern.
Von Markus Storrer
Als 1985 die New York City Breakers an Ronald Reagans Geburtstag auftraten, war es fürs Erste gelaufen: Breakdance war tot.
Vorangegangen war ein riesiger Boom. Es schien, als hätte die ganze Welt nur noch eines im Kopf, nämlich sich auf demselben zu drehen. Filme wie «Wild Style» und Musikvideos der Rock Steady Crew brachten Anfang 1983 den amerikanischen Ghettotanz auch nach Europa. Die Jugendzeitschrift «Bravo» schenkte Neuabonnenten ein Paar weisse Handschuhe, damals unentbehrliches Accessoire für Breaker. Im deutschen Fernsehen lief der Kurs «Breakdance - mach mit, bleib fit».
Anlässlich der Schlusszeremonie der Olympischen Spiele in Los Angeles breakten über 100 Kids zu Lionel Richies Schnulze «All Night Long». Und sogar Majestäten holten sich ein Stück jugendlicher Frische in ihre Schlösser: Sowohl der Prinz von Bahrain wie auch Queen Elizabeth luden junge Breaker zur Audienz. Ende 1984 hatte die Welt dann genug vom Modetanz. So schnell war noch keine Jugendkultur verbraten worden.
Fast zwanzig Jahre später wirkt dieser Ausverkauf immer noch nach. Breakdance hat das Image eines längst vergangenen Trends. Burim ist 16-jährig, seine Eltern kommen aus Albanien, er sagt: «Breakdance ist etwas Besonderes. Das müssen wir den Leuten zeigen.»
Zusammen mit seinem älteren Bruder Iljaz stiess er vor etwa zwei Jahren auf Breakdance. Die beiden gingen häufig inlineskaten auf dem Vorplatz des Basler Jugendhauses Gundeli. Dort sahen sie Breaker ihre akrobatischen Moves üben. Wie zum Beispiel Drehungen im einarmigen Handstand, einen der schwierigsten Tricks überhaupt, im Fachjargon «1990» genannt. «Wir wollten sofort auch 1990s ziehen, aber die anderen sagten, wir sollen zuerst einmal die Basics üben», sagt Iljaz.
Die Basics, das sind Toprock und Footwork, die Tanzschritte im Stehen und am Boden. Iljaz und Burim lernten von den älteren Breakern den Sixstep, bei dem man in sechs Schritten die Beine um den Oberkörper laufen lässt, der auf den Armen abgestützt wird. Sie erfuhren, dass Breakdance ein Begriff der Medien ist und ihr Tanz eigentlich B-Boying heisst, wobei B für Break steht. Und dass jene Tänze, bei denen die Boys aussehen wie durchgeknallte Roboter oder Verkehrspolizisten auf Speed, kein B-Boying sind, sondern Popping und Locking. Iljaz und Burim gaben sich neue Namen: Illroc und Bone. Sie übten Freezes, bei denen man in den unmöglichsten Stellungen für einen Moment erstarrt. Und sie lernten Powermoves, die akrobatischen Elemente im B-Boying, wie eben den 1990er. «Eigentlich haben wir bis vor einem halben Jahr fast nur Powermoves trainiert. Heute versuchen wir, auch vermehrt zu tanzen», sagt der 17-jährige Illroc.
«Wenn du jung bist, willst du fliegen», sagt Remy Burger. Er habe auch erst spät realisiert, dass es beim B-Boying eigentlich ums Tanzen gehe. Mit seinen 28 Jahren ist Remy schon fast ein Grossvater in der Szene. Er ist Mitglied der Berner Breakcrew Spartanic Rockers, einer Gruppe, die zu den ältesten der Schweiz gehört. Gegründet wurden die Spartanics 1986 von Andreas «Ice» Thommen, zu einer Zeit, als Breakdance unendlich out war. Andreas «Monty» Laireiter stiess noch im selben Jahr dazu, Remy folgte 1993.
Die Spartanic Rockers trainieren bis heute. Zweimal in der Woche treffen sie sich in einem Jugendhaus, falls ihnen der Beruf Zeit lässt. Remy hat einen Doktorabschluss in Chemie, arbeitet aber als Webpublisher. Monty (31) ist Autodiagnostiker, und Ice (30) leitet eine Business Unit in einer Werbeagentur. Weil er sich auf seinen Job konzentrieren wollte, hörte Ice für zehn Jahre auf mit Breakdance. «Aber ich wurde etwas unförmig», sagt er und zeigt auf sein Bäuchlein. Anstatt in ein Fitnessstudio zu gehen, kehrte er zurück in die vertraute Welt des B-Boying.
Die Spartanic Rockers sind eine wahre Wissensbibliothek in Sachen Breakdance. Seit 1996 - als erste Gruppe in Europa - stellen sie ihr Know-how auch im Internet zur Verfügung (www.spartanic.ch). Die Präsenz im World Wide Web hat der Berner Gruppe internationalen Zuwachs beschert. Ein paar Breaker aus Tokio gehören nun fest zur Crew. Kaum ein Tanzschritt, den die Spartanics nicht kennen würden. Sie haben die gesamte Entwicklung des Tanzes miterlebt. Im Verlauf der Jahre wurde B-Boying immer akrobatischer, und die Breaker wurden immer vielseitiger. «Früher konnte man einfach einen Move besonders gut - zum Beispiel Windmill oder Headspin -, und dafür war man bekannt», sagt Remy. Mittlerweile hängen die Breaker ein akrobatisches Kunststück an das andere - B-Boying ist ein Extremsport geworden. Eher tänzerisch orientierte Breaker fordern immer wieder, dass wenigstens der Takt der Musik eingehalten werden soll.
Bis Mitte der neunziger Jahre wurde B-Boying vor allem in Europa am Leben erhalten. Und nicht etwa in den USA, wie man meinen könnte. Die helvetischen Breaker mischten international munter mit: «Die Schweiz war lange Zeit eine Macht im Breakdance», sagt Monty, und Remy fügt an: «Heute ist das Niveau in der Schweiz leider nicht mehr so hoch. Nur noch wenige können an der Weltspitze mithalten.»
Der Basler Tuff Kid ist einer dieser wenigen. Tuff Kid heisst bürgerlich Coskun Erdogandan, ist türkischer Abstammung und 22 Jahre alt. Seit er die Schule verlassen hat, lebt er vom Breakdance. Mit Shows, Kursen und Foto-Shootings hält er sich finanziell über Wasser. Gerade hat er sein erstes eigenes Video produziert, das er nun bis nach China verkaufen will. Tuff Kid ist nur 1 Meter 68 gross - ein Vorteil im Breaken - und gilt als einer der besten Powermover der Welt.
Auch er kam damals über das Jugendhaus zum B-Boying: «Als ich dort Leute breaken sah, wusste ich sofort: Das ist mein Ding. Die richtige Mischung aus Tanz und Sport.» Tuff Kid begann fanatisch zu trainieren, bis zu acht Stunden am Tag. Sein Ziel war es, der Beste zu werden: «Ich wollte die anderen kaputtmachen. Denn das ist B-Boying: die anderen in einem Battle zu besiegen.» Heute, nach unzähligen gewonnenen Schlachten, verspürt Tuff Kid diese Lust am Wettkampf immer noch, wenn auch nicht mehr so stark. Er hat sich genügend Respekt verschafft in der Szene.
Schon seit je ist der Battle ein zentrales Element im B-Boying. Der Legende nach sollen in den siebziger Jahren die Gangs in der New Yorker Bronx ihre Waffen durch Breakdance ersetzt haben, um gewaltlos gegeneinander zu kämpfen. Heute battlen die Breaker vor allem an organisierten Wettkämpfen. Zwei Gruppen stehen sich gegenüber und schicken nacheinander einen Tänzer in die Mitte. Ziel ist es, den Gegner zu überbieten, ihn tänzerisch fertigzumachen. Es gibt nur eine Regel: man darf den Gegner nicht anfassen.
Der grösste Breaker-Wettkampf der Welt ist der in Deutschland stattfindende «Battle Of The Year» (BOTY). Der Anlass steht für den Aufschwung, den B-Boying in den letzten fünf Jahren erlebt hat. Am BOTY 2001 nahmen Gruppen aus 14 Ländern teil, rund 10 000 Zuschauer verfolgten das Spektakel. 1999 gewannen die Spartanic Rockers am BOTY den Preis für die beste Show, gemeinsam mit ihren Freunden aus Japan. Eine Woche übten sie zusammen in Tokio, eine Woche in der Schweiz. Dazwischen studierte man die Show getrennt ein, mit Hilfe einer Videoaufzeichnung.
Die schweizerische Ausscheidung für den BOTY wird dieses Jahr erstmals von Remy organisiert. Der Anlass soll familiärer werden, nachdem er die letzten drei Jahre unverhältnismässig aufgeblasen worden ist. Remy will wieder näher an die Tanzszene. Keine bekifften Kopfnicker, wie man sie zu Hunderten an Hip-Hop-Parties sieht, die haben so wenig mit Breaken zu tun.
B-Boying ist zwar neben Writing (Graffiti), DJing (Scratchen) und MCing (Rap) eines der vier Elemente der traditionellen Hip-Hop-Kultur. Doch diese vier Elemente separieren sich je länger, je mehr. «An einer sogenannten Hip-Hop-Party kannst du nicht mehr tanzen. Die Interessen und die Musik sind zu unterschiedlich geworden», sagt Remy. Illroc erfuhr erst eine Weile nachdem er mit Tanzen begonnen hatte, dass B-Boying zum Hip-Hop gehört: «Ich dachte, Breaken ist Breaken, das hat nichts mit Hip-Hop-Musik zu tun.» Denn wenn er tanzt, dann tut er das zum Sound des Funks. Es sind die schnellen Breakbeat-Passagen von Künstlern wie James Brown, Jimmy Castor Bunch oder The Incredible Bongo Band, welche den B-Boy antreiben. Illroc steckt mitten in der Ausbildung zum Elektromonteur. «Wenn ich mit der Lehre fertig bin, will ich nur noch tanzen», sagt er, und dafür trainiert er fast täglich. Braucht er Ansporn, schaut er sich ein Breakdance-Video an. Als Videos noch unerschwinglich waren, gab es für B-Boys kaum eine Möglichkeit, sich neue Bewegungen abzuschauen. Es war verpönt, die Moves von anderen zu kopieren, in der Breakersprache «biten» genannt. Wer es doch tat, verlor an Respekt.
Heute übernehmen Breakdance-Videos oft den Trainerjob. Biten ist zur Regel geworden. Die Zeitlupe hilft enorm, die schnellen Bewegungsabläufe zu erfassen. Das hat zu einem viel höheren Standard geführt. Andererseits haben die Videos das Breaken uniform gemacht. «Individualität ist nur noch für kurze Zeit möglich. Du kannst die Leute mit einem neuen Move vielleicht einmal schocken. Aber eine Woche später machen es die nächsten schon nach», sagt Ice, das müsse man halt akzeptieren. Kid Freeze, eine amerikanische Breakerlegende, sprach einmal von «Videobanditen». Was man auf diesen Videos mitunter zu sehen bekommt, ist Artistik der höheren Schule. Zum Beispiel dieser Move: Ein Breaker hält sich, auf eine Hand gestützt, knapp über dem Boden und dreht sich im Kreis. Dabei zieht er auch noch Hose und T-Shirt aus, bis er nur noch mit Unterhosen bekleidet wieder auf die Beine kommt. B-Boying könnte ohne Probleme auch im Zirkus Knie aufgeführt werden.
Was zu beweisen ist: Dieses Jahr finden sich neben Elefanten, Trapezkünstlern und Clowns auch vier Breaker der ungarischen Gruppe Enemy Squad im Programm des Nationalzirkus. Dem Publikum gefällt die Show der weiss gekleideten Tänzer. Beim Headspin - dem Drehen auf dem Kopf - geht jeweils ein Raunen durch die Ränge, und es wird geklatscht. Dabei ist dieser Move uralt und nicht einmal speziell schwierig. Doch der Laie würdigt beim Breakdance eben nur das Spektakel und nicht das technische Raffinement. Das kränkt den B-Boy.
Tuff Kid beispielsweise hat letztes Jahr noch bei einem Tanztheater mitgewirkt, welches sein Stück «Airtrack» in Basel und Zürich aufführte. Diese Saison ist er nicht mehr dabei, denn die Choreographin wollte Breakdance vermehrt mit Ballett und Jazztanz mischen. Tuff Kid passt das überhaupt nicht, er will es den Leuten erst noch zeigen. All die Skills, die er sich in hartem Training erarbeitet hat. Tuff Kid war eben vier Monate an der Schulter verletzt gewesen. Was genau es war, weiss er nicht. Er war nicht beim Arzt.
«Wenn jemand trotz einer Verletzung immer noch breakt, dann sieht man, dass er mit Herz tanzt», findet ein Breakerkumpel von Illroc. Die Bänder von Illrocs linker Schulter sind angerissen. Er breakt trotzdem weiter. «Halt mehr mit der anderen Hand. Mehr Styles und so. Wenn meine Muskeln warm sind, merke ich es nicht mehr.» Illroc hat sich schon mal beide Daumen und den Fuss gebrochen. Noch im Gips ging er bereits wieder ins Jugi Gundeli zum Training.
Illroc tanzt erst seit zweieinhalb Jahren. Bei den Spartanics, die seit über einem Jahrzehnt aktiv sind, ist die Liste der Verletzungen ungleich länger: Wasser im Knie, Schleimbeutelentzündung, gebrochener Daumen, Knochenhautentzündung, Muskelriss, chronisch entzündete Handgelenke. Und Zerrungen, selbstverständlich. Ice laboriert derzeit an einer Arthrose, Remy hat die Bänder am Fuss gerissen, und Montys Schultergelenk ist so abgenützt, dass er an ein künstliches Gelenk denken muss. Ausserdem ist bei Monty - dem Headspin-Spezialist - die ganze Wirbelsäule verdreht.
Würden sich die Breaker richtig aufwärmen vor dem Tanzen, gäbe es weniger Verletzungen. Aber sie tun es kaum. Im Backstagebereich der Freestyle Session im Basler Club Propaganda dehnen nur wenige der rund 50 Teilnehmer ihren Körper. Zu zappelig und ungeduldig sind sie. Die Stimmung ist freundlich, man kennt sich. Auch Illroc nimmt mit seiner Gruppe Ruffnec an diesem Battle teil, trotz kaputter Schulter. Im Hauptsaal geben Breaker aus dem Publikum eine Kostprobe ihres Könnens. Auf einer Leinwand läuft das Video von Tuff Kid. Er ist der Organisator der Freestyle Session, deren Konzept er aus den Staaten importiert hat. Als Zuschauer sind auch Remy und Monty anwesend.
Als der Battle losgeht, spürt man sofort die Energie, die im Breakdance steckt. Blitzschnell ziehen die Tänzer ihre Styles, lassen sich auf Knie, Ellbogen, Schulter fallen, verharren in Positionen, die einen am Gesetz der Schwerkraft zweifeln lassen. Jene der Gruppe, die gerade nicht tanzen, feuern ihren Kumpel an oder versuchen den Gegner mit Gesten runterzuputzen. Immer wieder der Griff zwischen die eigenen Beine. Wer breakt, muss bluffen, cool sein, stark tun; B-Boying ist von jeher ein Tanz der Jungs.
Remy ist vom Gebotenen nicht beeindruckt. Er vermisst die Individualität und neu kreierte Moves. So weit zufrieden ist Tuff Kid, auch wenn er gerne ein paar Besucher mehr hätte. Illroc dagegen ist masslos enttäuscht. Er ist gleich in der ersten Runde ausgeschieden. Beim nächsten Battle tanzt er dann nicht mehr nur mit Herz, sondern auch mit einer gesunden Schulter.
Markus Storrer, Zürich, ist Redaktor beim Fernsehen DRS.
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