NZZ Folio 04/01 - Thema: Pillen   Inhaltsverzeichnis

Der Pillen lange Schatten

Nebenwirkungen beim Menschen, der ohne Beipackzettel zur Welt kommt.

Von Lilli Binzegger

Ein wenig ist das doch wie bei den Fragebogen, die man für die Einreise in die USA auszufüllen hat, wenn man bereits im Flugzeug nach Amerika sitzt: Sind Sie Terrorist? Kommunist? Ein Junkie? Wahnsinnig? Wenn ja, dann bleiben Sie, wo Sie sind. Sonst blüht Ihnen was.

Den Beipackzettel der Kopfwehtabletten lesen Sie, wenn überhaupt, wahrscheinlich ja auch erst, nachdem Sie sie schon geschluckt haben. Das ist auch gut so. Wer will denn schon wissen, dass er sein Kopfweh womöglich gegen Magen-Darm-Beschwerden, Magen-Darm-Blutungen, Haut- und Schleimhautreizungen oder ein Ödem mit Atemnot eintauscht. Schliesslich ist einem reales Kopfweh näher als ein fernes Zwölffingerdarmgeschwür. Es ist immer noch früh genug, sich Gedanken zu machen, wenn das Mittel, das Sie zum Beispiel gegen mildes Kopfweh, mildes Fieber oder milde Oberbauchschmerzen eingenommen haben, heftiges Kopfweh, heftiges Fieber und heftige Oberbauchschmerzen verursacht. Dann allerdings setzen Sie das Medikament sofort ab, und Sie müssen zum Arzt.

Soweit die Kurzrezension des Beipackzettels des unschuldigen rezeptfreien Schmerz- und Fiebermittels Dolocyl, der schönsten aller Kopfwehtabletten (leuchtendes Pink), ohne die ich keinen Schritt aus dem Haus tue. Denn warum sollte ausgerechnet ich jener Minderheit angehören, der sie neben dem Guten noch Schlechtes antun.

Es gibt nichts ohne Risiken und Nebenwirkungen, das ganze Leben ist voll davon, und es sind nicht nur solche, deren Nebenwirkung die Schnellsprecher in der Fernsehwerbung zum Sekundentarif sind. Die gravierendste Nebenwirkung des Lebens ist der Tod. Den gilt es ein Leben lang zu vermeiden, indem man nicht bei Rot über die Strasse geht und sich bei Blitzschlag nicht unter den falschen Baum setzt. Wer leben will, muss essen. Wer isst, riskiert Herzinfarkt, Löcher im Hirn, Pickel im Gesicht. Wer Pickel hat, riskiert Einsamkeit, wer einsam ist, isst nicht mehr oder erst recht. Wer nicht isst, kann nicht leben. Wer erst recht isst . . .

Und das alles ohne Arzt oder Apotheker und ohne die leintuchgrossen mehrsprachigen Beipackzettel, in die sich im mehrsprachigen Land die Tropfen und Pillen und Salben verheddern, mit denen wir diese Leiden des Lebens mehr oder weniger effektvoll angehen, bis wir ihnen zum Schluss dann doch erliegen.

Ich kannte einen Mann, der vor fünf Jahren mit 85 Jahren starb, an Herzversagen am ersten schönen Frühlingstag, an dem er nochmals alle seine Kräfte zusammennahm. Er beendete sein Leben mit einem letzten Gang durch Haus und Hof.

Er hatte über Jahre zunehmend an Altersbeschwerden gelitten. Das Stubenbuffet war mit immer mehr Medikamentenschachteln belegt. Er bekam vom Arzt, der ihn durchaus in bester Absicht und auch einfühlsam behandelte, Mittel zur Langzeitbehandlung seiner Angina pectoris und solche, die ihm die akuten Anfälle von Herzenge erleichterten. Er nahm Mittel gegen die Schmerzen in seinen abgenutzten Gelenken, die ihm die Magenwände angriffen, und ein Mittel, das diese Nebenwirkung behob, ihn aber verstopfte. Er bekam ein Mittel gegen die Ansammlung von Wasser in seinem Körper, das ihm Schwindel und Übelkeit bereitete. Er bekam Mittel gegen den Schwindel und die Übelkeit, die ihn müde und zugleich schlaflos machten. Er bekam Mittel gegen diese Schlaflosigkeit, davon hatte er am Morgen einen sturmen Kopf. Er verlor jeden Lebenswillen, und seine Angehörigen gaben ihm, damit sich sein Gemüt aufhelle, Johanniskrauttee, der die Wirkung der Mittel gegen den Bluthochdruck beeinträchtigte, was sie damals aber nicht wussten.

Zweifellos hat die Gesamtheit der Medikamente gegen seine Leiden und jener gegen die Nebenwirkungen dieser Medikamente sein Leiden insgesamt gemildert und ihn ein paar Monate länger auf der Erde weilen lassen. Vielleicht hätte sein Herz sonst schon an einem der vorangegangenen Frühlinge zu schlagen aufgehört, bei einem früheren Gang durch den Hof.

Man würde nicht vermuten, dass etwas wie Johanniskraut Nebenwirkungen haben kann, aber eigentlich liegt es nahe, dass etwas, das hoch wirksam sein kann gegen ein so schwieriges Leiden wie Depression, auch unerwünschte Wirkungen hat. Die Natur ist vielleicht blauäugiger, aber nicht harmloser als die Chemie. Man hatte schon länger gewusst, dass es die Haut lichtempfindlicher macht, und heute weiss man, dass es neben den Mitteln gegen den Bluthochdruck auch jene gegen die Abstossung von Fremdorganen beeinträchtigen kann. Selbst auf die sanfte Kamille kann man allergisch reagieren, und auch auf den besänftigenden Baldrian sollten stillende Mütter verzichten, obwohl davon ja vermutlich nur das Baby einschläft.

Bei fast allen Medikamenten ist unter den Kontraindikationen die Allergie gegen einen ihrer Wirkstoffe aufgeführt. Vor allergischer Reaktion warnen auch die Mittel gegen Allergien. Bloss lässt sich nur herausfinden, ob man allergisch darauf reagiert, wenn man sie nimmt. Da ist man am Ende womöglich doppelt gesegnet.

Leiden Sie unter Depressionen? An einer Zwangserkrankung? Unter Panik- und Angstzuständen? Nehmen Sie Anafranil. Es gehört zur Gruppe der trizyklischen Antidepressiva, und mit Glück werden Sie geheilt. Wenn nicht, dann rutschen Depression und Angstzustände für die Zeit ihrer Wirkung in der Hierarchie der Leiden wenigstens nach unten. Sie werden sie als noch die kleineren Übel erleben, weil Sie das Gefühl, unter Strom zu stehen, ein Gefühl, dem sich alle anderen Empfindungen unterordnen, schlicht wahnsinnig macht - dieses Kribbeln an sämtlichen Nerven selbst dort, wo Sie gar keine zu haben meinten. Das alles habe ich bei jemandem von nahem miterlebt. Da ist es wohl kein Trost, dass diese Nebenwirkungen gemäss Beipackzettel bei längerem Gebrauch eventuell verschwinden, denn bis dahin hätten Sie sich längst zerfleischt. Sie halten das Zeug wie zuvor womöglich schon das Prozac und das Efexor und das Deroxat und wie sie alle heissen auch beim Erstgebrauch nicht aus.

Heitern Sie sich lieber mit der Lektüre des Beipackzettels auf. Dort erfahren Sie, was Ihnen alles erspart bleibt, wenn Sie die Pillen in der Schachtel lassen. Nämlich: Benommenheit, Müdigkeit, Schwindel, Ruhelosigkeit, Mundtrockenheit, verschwommenes Sehen, Kopfschmerzen, Herzklopfen, Übelkeit und Schweissausbrüche. Sodann Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, Zittern, Gewichtszunahme, gesteigerter Appetit, Sexualstörungen, unangenehmer Geschmack und Ohrensausen. Augenblicklich zum Arzt schliesslich müssten Sie, wenn Folgendes aufträte: Gelbsucht, Jucken oder Rötung, starkes Fieber, Halsschmerzen, Muskelschwäche oder Muskelsteifheit, Muskelkrämpfe, Schwierigkeiten beim Wasserlassen, Herzklopfen, Herzjagen, Krampfanfälle, Schwellen der Brüste und Austreten von Milch, Halluzinationen, Verwirrtheit und Delirium.

Austreten von Milch, Halluzinationen, Verwirrtheit, Delirium. Und zum Schluss steht da noch: «Falls Sie ausser den erwähnten noch andere Nebenwirkungen feststellen, wenden Sie sich an den Arzt.»

Bloss: welche könnten das denn noch sein?

Aber es gibt auch harmlosere Mittel. Ich bin derzeit gerade nichtpraktizierende Nichtraucherin und würde von den Glimmstengeln (Nebenwirkung: Tod und Teufel) gern wieder wegkommen. Nikotinkaugummi soll mir dabei helfen. Da riskiert man lediglich Schwindel, Kopfschmerz, Übelkeit und Entzündungen in Mund und Hals. Und - immer noch gemäss Beipackzettel - dass einem die dritten Zähne am Kaugummi kleben bleiben. Und nicht etwa umgekehrt.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.