MÜHSAM IST DAS MEISTE zu lesen, was wir als Verlautbarung, Gebrauchsanweisung, Brief oder Schriftsatz auf den Tisch bekommen, und vieles in der Zeitung auch. Warum? Weil es an einer Kultur des leserfreundlichen Schreibens mangelt. Weil es allzu vielen Schreibern an der Fähigkeit oder an dem Willen fehlt, sich in die Lage dessen zu versetzen, der das alles lesen soll. Die meisten Schreiber geben sich damit zufrieden, von der Grammatik korrekten Gebrauch zu machen. Das soll ja sein und ist nichts Geringes; genug ist es nicht. Denn die Grammatik lässt Satzgebilde zu, die den Leser entweder ärgern oder aus dem Text torpedieren. Auf der Basis der korrekten Grammatik fängt die Arbeit des Schreibers überhaupt erst an.
Eine der tückischsten Regeln ist die Erlaubnis, zwischen das Substantiv und seinen Artikel nicht nur ein oder zwei Adjektive zu schieben, das ginge ja noch - sondern Wörter aller Art in beliebiger Zahl, vorangestellte Attribute. Da spricht also die «Basler Zeitung» von einem Unbehagen nach der grossen Bankenfusion und stellt diesem Gefühl 13 Wörter voran: «Das von einzelnen UBS-Leuten geäusserte - von den Personalverbänden auch auf Grund vieler Anfragen konstatierte -» (und nun folgt es:) Unbehagen. Die «Frankfurter Allgemeine» präsentiert einen Gegenstand mit einer so langen Vorgeschichte, dass sie 15 Wörter braucht, um zur Sache zu kommen: «Das unter dem Dauerbeschuss tatsächlich auf die Bauform eines Bollwerks mit Kasematten-Sockel und Zyklopenmauern geschrumpfte», aha - und schon darf der Leser erfahren, was denn unter dem Beschuss geschrumpft ist: das Haus.
Ist der Schreiber da nicht einem schlimmen Missverständnis aufgesessen? Hat er den Umstand, dass er selber sein Subjekt längst kennt, fahrlässig auf den Leser projiziert, der doch 15 Wörter lang eben davon keine Ahnung hat? Der Schreiber weiss so viel über das Haus, nur leider nichts von der Psychologie des Lesens, und so packt er sein Wissen mitsamt den Kasematten an die dümmste mögliche Stelle: 15 Wörter der detaillierten Beschreibung einer ungenannten Sache, ein Rätsel aus 34 Silben. Wenn der Leser endlich erfährt, um welches Ding es sich handelt, dann soll er also - ja, was soll er eigentlich?
Soll er zurücklesen, das Ganze noch mal? Er denkt gar nicht daran. Nur Liebes- und Erpresserbriefe haben die Chance, zweimal gelesen zu werden. Wenn der Schreiber aufs Zurücklesen spekuliert, ist er also weltfremd; hochmütig sowieso. Oder soll der Leser die 15 Wörter aus dem Kurzzeitgedächtnis abrufen, um sie nachträglich auf das sinnstiftende Hauptwort «Haus» zu beziehen? Das kann er nicht: Nur für 6 Wörter reicht bei mässig angespannten, also typischen Lesern das Gedächtnis aus - Ergebnis einer exakten Wissenschaft namens Verständlichkeitsforschung; und 6 Wörter auch nur, wenn sie kurz und geläufig sind, also gerade nicht «Kasematten-Sockel» heissen.
Könnte aber der Durchschnittsleser tatsächlich 15 Wörter speichern, bis sich das Rätsel ihrer Zuordnung löst, so wäre es immer noch eine Zumutung, ihn auf solche Filethäkelei zu verweisen, durch Maschen rückwärts, obwohl alle Leser der Welt nur vorwärts lesen wollen. Artikel, Substantiv und all die Attribute hätten für einen kompletten Hauptsatz ausgereicht: «Das Haus ist unter dem Dauerbeschuss tatsächlich auf die Bauform eines Bollwerks . . . geschrumpft»; hilfsweise für einen angehängten Nebensatz (« . . . jenes Haus, das unter dem Dauerbeschuss . . . geschrumpft ist»); oder für ein sogenanntes satzwertiges Partizip («Das Haus, unter dem Dauerbeschuss . . . auf die Bauform . . . geschrumpft, hat . . .»). In allen drei Fällen hätte der Leser erst die Sache kennengelernt und dann ihre näheren Eigenschaften. Jede andere Reihenfolge ist ein leider von der Grammatik sanktionierter Krampf (fünf Wörter zwischen ein und Krampf, gerade noch zumutbar; besser natürlich: . . . ein Krampf, den die Grammatik leider sanktioniert).
Doch da gibt es eine ausgleichende Gerechtigkeit. Bei dem Salto rückwärts, den die Attributen-Kette dem Leser aufnötigt, hat nämlich nicht selten der Schreiber seinerseits die Orientierung verloren. In der NZZ: Rudolph Giuliani, der wiedergewählte Bürgermeister von New York, «profitierte von der in seiner Amtszeit zurückgegangenen Kriminalität» (vier Attribute). Er profitierte also von der Kriminalität? Nein: vom Rückgang der Kriminalität hat er profitiert. Im Fernsehen DRS: «Die japanische Regierung will eine von Japan ausgehende Rezession der Weltwirtschaft verhindern» - nur drei Attribute und doch Unsinn durch sie: Geht denn eine Rezession von Japan aus? Nein, eben dies will die Regierung ja vermeiden - verhindern, dass von Japan eine Rezession ausgeht.
Wenn gehäufte vorangestellte Attribute immer den Leser ohrfeigen und manchmal die Logik: So bietet sich für alle Schreiber an, solche Attribute nur spärlich zuzulassen, vielleicht sogar radikal auf sie zu verzichten. Irritierend für Leser sind sie immer, und Kraft geben sie der Sprache nie. «Die von mir mit heissem Bemühen durchaus studierte Philosophie», so beginnt der «Faust» bekanntlich nicht, und Jesus hat nicht gepredigt: «Selig sind die das Erdreich dereinst besitzen werdenden Sanftmütigen», sondern: «Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.»