Jesse Owens und Carl Lewis - zwei amerikanische Karrieren, zweimal der Mythos vom schnellsten Menschen aller Zeiten und zweimal der Versuch, olympisches Gold in Geld zu verwandeln. Zwischen dem einen und dem andern liegt ein halbes Jahrhundert und damit die Verschmelzung von Amateurismus und Berufsathletentum, gleichsam die Lösung der olympischen Gewissensfrage. Trotz Gemeinsamkeiten überwiegen aber Kontraste. Die Geschichte des Schulversagers Jesse Owens ist die Chronik eines Lebens, das innert Tagen schicksalhaft zur Legende wurde. Die Geschichte von Carl Lewis ist die Chronik einer minuziös geplanten Selbstinszenierung, die Geschichte eines Erfolgsathleten, der allen Anstrengungen zum Trotz unbeliebt geblieben ist. Owens und Lewis: zweimal die Ausnahme von der Regel, zwei Fallstudien über Sportler und deren Vermarktung.
Dean Cromwell, der honorable Leichtathletik-Vordenker der University of Southern California, wurde zum Philosophen, als er in seiner Studie «Championship Techniques» nach den Ursachen des Sprintwunders forschte. «Der Neger», schrieb Cromwell, «ist dem weissen Athleten überlegen, weil er dem Primitiven nähersteht. Vor nicht allzu langer Zeit brauchte er seine muskuläre Energie noch im Überlebenskampf des Dschungels.» Nun liesse sich darüber streiten, welchen Dschungel Cromwell vor über 50 Jahren meinte, doch der Mann traf fraglos den Nerv seiner Zeit. Als James Cleveland Owens zwischen dem 2. und dem 9. August 1936 als vierfacher Olympiasieger der XI. Kolossalspiele von Berlin zum «All American Hero» avancierte, wollte das Unfassbare erklärt werden, und am bequemsten war eben schon damals der Griff in die Mottenkiste der Weltbilder. «Der helle Schein des Zaubers schimmert über der Heldentat dieses amerikanischen Negers, der auf einer von Nazis besetzten Schaubühne dem Diktator das Rampenlicht stahl», urteilte die «Cleveland Call and Post». Sie brachte auf den Punkt, was die «New York Times» auf der Titelseite nur andeuten mochte. Es ging um mehr als den sportlichen Höhenflug eines begnadeten Geradeausläufers.
Anlässlich der mit über 40 Millionen Reichsmark inszenierten Berliner Leistungsschau bewährte sich Owens als Branchenleader eines Geschäfts, das auf einem in vielerlei Hinsicht holprigen Untergrund aus zerstossenem Ziegelschotter, feingekörnter Kohlenschlacke, einem Schuss Dachziegelmehl und «roter Erde» (aus Aachen) über die Bühne gehen musste. Die Leichtathletik war noch keine Wissenschaft. Statt windkanalerprobten Kunststoffs klebte dem Durchschnittssprinter geländegängiges Lederschuhwerk an den Füssen. Beim Start waren die Abstosslöcher mit einer Unkrauthacke auszuheben, und wenn, wie in Berlin, einmal der Regen fiel, verwandelte sich die «Kampfbahn» in Morast.
Dessen ungeachtet entschwebte der feingliedrige Collegestudent seinen Gegnern mit zeitloser Grazie. Über 100 m egalisierte er den Weltrekord in 10,3 Sekunden. Das Weitsprungduell gegen den deutschen Blondschopf Lutz Long wurde von Leni Riefenstahls Kameraleuten filmisch ins Groteske stilisiert. Auch über 200 m flog Owens als Erster ins Ziel, und als zentrales Mitglied führt er tags darauf die Staffel zu einem resistenten Weltrekord. Man kann es dabei als Detail von Owens' olympischer Erfolgsgeschichte werten, wenn sich am Tag der Triumphe leises Unbehagen auf der Teppichetage breitmachte: Ein Assistent des deutschen Aussenministers von Ribbentrop äusserte entgegen der auf Versöhnlichkeit angelegten PR-Strategie sein Befremden darüber, dass die USA «Nicht-Menschen wie Owens und die anderen Neger unter ihrer Flagge starten liessen». Auf den Rängen jedoch jubelte auch Deutschland dem jüngsten US-Idol zu, das vom örtlichen Zigarettenfabrikanten Reemtsma bereits für eine Werbekampagne verwertet, aber selbstredend nicht entlöhnt werden durfte.
Sport und Geld - die Subsistenzfrage brach mit Schicksalsgewalt herein in das Leben des Amateurs (und Nichtrauchers), der auf den Plakatwänden des Broadways und in der Wochenschau gefeiert und im Handumdrehen zum Umsatzfaktor wurde. Phantastische Offerten kamen aus den Zentren der amerikanischen Unterhaltungsindustrie, derweil Owens und sein Team vom Olympischen Komitee der USA (AOC) und der Amateur Athletic Union wie Zuchtvieh auf eine postolympische Tour durch Europa gejagt wurden und dabei mit ansehen durften, wie die Vordenker des Amateurismus jeweils 15 Prozent der Zuschauereinnahmen für sich verbuchten.
Unter der traditionsverbundenen Ägide des Selfmademillionärs und AOC-Präsidenten Avery Brundage, der das wettkampfmässige Geldverdienen zum Sakrileg und die Politik im Stadion zum Hirngespinst erklärte, blieb der finanzielle Gewinn dem Sportler, sofern er Sportler bleiben wollte, strengstens verwehrt. Die Gralshüter der «ethischen Sauberkeit» (Brundage) kannten keine Gnade, wenn ein Verstoss gegen den Amateurparagraphen 26 ruchbar wurde. Schon 1913 war der Fünf- und Zehnkampf-Olympiasieger Jim Thorpe vom Bannstrahl auf Lebenszeit getroffen worden, weil er der Inquisition die (honorarfreie) Teilnahme an ein paar Baseball-Profispielen gestanden hatte. Ähnliches sollte Jahre später Paavo Nurmi widerfahren: der Finne musste bitter dafür büssen, dass er seinen athletischen Erfolg nicht mit materiellem Notstand bezahlen mochte.
Obwohl die Verwalter des olympischen Gedankenguts der Wirklichkeit schon damals hinterherliefen, hatten sie mit ihren Praktiken einen gewissen Erfolg: In den USA etwa war es den Universitäten offiziell nicht wie heute erlaubt, die Leichtathletikteams mittels lukrativer Sportstipendien aufzustocken. Wenn in den dreissiger Jahren dennoch von «Track scholarships» gemunkelt wurde, dann in dem Sinn, dass sich der begabte Nachwuchs die Semestergebühren in Selbstbeschäftigungsprogrammen verdienen durfte. Jesse Owens zum Beispiel vertrieb sich die Zeit neben der Bahn gezwungenermassen als Tischputzer in der College-Cafeteria, als Überwacher des «Warenlifts» (für schwarze Passagiere) und nachts als Tankwart an «Alonzo Wright's Sohio Service Station» in seinem Wohnort Cleveland. Da er seiner bereits vorolympischen Popularität zudem ein paar grosszügige Spesenverträge verdankte - als Entgelt für Vortragsreihen an einer High-School -, war er finanziell weit besser gestellt als die ungezählten schwarzen Collegesportler, die sich als billige Arbeitskräfte von ihren Rektoren verdingen liessen. Umgekehrt freilich durften die Universitäten das Talent ihrer berühmtesten Sprösslinge ungehindert umsetzen: Gerade Owens war ein Beispiel dafür, wie sich an Collegemeetings die Kassen füllen liessen. Nachdem er am 25. Mai 1935 in Ann Arbor innert 75 Minuten vier Weltrekorde pulverisiert hatte, war sein Name allein Garant für durchschnittlich 6500 zahlende Zuschauer.
Wenn sich der unterbezahlte Laufästhet deshalb bereits im August 1936 zu einer ausserathletischen Laufbahn entschloss und damit den heiligen Zorn der um einen Zusatzverdienst geprellten Funktionärszunft auf sich zog, dann zeigte sich darin nur die Dynamik des Amateursports, der seine Stars naturgemäss von sich weg oder ins Unterholz illegaler Selbstversorgung trieb. Der professionell betriebene Amateurismus «unter dem Tisch» hatte Bestand bis weit in die siebziger und sogar achtziger Jahre, obschon der dannzumal längst zum IOK-Präsidenten erkorene Avery Brundage, der letzte Amateur, unentwegt befand: «Der Gewinn des Sportlers ist sein Wohlbehagen, sein Ziel der Zeitvertreib.»
Als auf einträglicheren Zeitvertreib bedachter Aussteiger folgte Owens einer Tradition. Johnny Weissmüller, der Goldmedaillenschwimmer von 1924 und 1928, hatte seine körperlichen Talente der Filmindustrie vermietet als unartikulierter Leinwand-Tarzan und «Jungle Jim». Buster Crabbe, ein unlängst verstorbener Spitzenschwimmer von 1932, gab sein Jurastudium auf und verwirklichte sich fortan als Einheitscharakter in profilierten Heldenserien wie «Kaspa, der Löwenmensch», «Thunda, der Dschungelmann» oder «Flash Gordon». Eine durchaus ähnliche Laufbahn mochte Jesse Owens vorgeschwebt haben, als ihm die Paramount Pictures im Herbst 1936 ein ganzes Bündel an Filmrollen in B-Pictures unterbreiteten. Nicht genug damit: Ein kalifornisches Orchester lockte den Nichttänzer mit 25 000 Dollar für zwei Wochen «tap dancing». Satte 40 000 Dollar in bar versprach der Agent des amerikanischen Entertainers Eddie Cantor, wenn sich der Olympiasieger dazu bewegen liesse, für zweieinhalb Monate in Radio- und Bühnenshows vor ein Mikrophon zu treten. Am Ende wurden Owens' unmittelbare Salärchancen von der «New York Times» auf 100 000 Dollar hochgerechnet.
Die Ehrenrunde ins Unterhaltungsgeschäft konfrontierte den Sprinter indes mit unverhofften Hürden - und Abgründen. Vom vermeintlich schnellen Geld blieb nicht mehr übrig als ein Haufen flüchtiger Versprechungen: Die Cantor-Offerte war ohne Cantors Wissen zustande gekommen. Auch Paramount liess nichts mehr von sich hören. Ein Konkurrenzangebot der Twentieth Century Fox für den Streifen «Charlie Chan goes to the Olympics» löste sich ebenfalls in Nichts auf, und für Owens entstand die paradoxe Situation, dass ihm alle Welt die Hand schütteln, aber niemand eine dauerhafte Stelle offerieren wollte.
Owens' Agent Marty Forkins verschaffte seinem Klienten dennoch eine respektable Stange Geld, indem er ihn als Bankettattraktion von Harlems «Cotton Club» gegen Eintritt einer erlesenen Kundschaft vorführte. Auf dem Inseratenmarkt verkaufte Owens seinen Ruhm und Namen dem Meistbietenden, wobei sich das Interesse auf den Sektor «schwarzer» Zeitungen und Unternehmen beschränkte. Bis zum Jahreswechsel kamen so aus den verschiedensten Ad-hoc-Aktivitäten doch rund 26 000 Dollar zusammen, wie die Steuerfahndungsbehörde dem in Fiskusfragen allzu unbeschwerten Berufsmann später vorrechnen sollte. Jedenfalls gehörte Owens zu jener exklusiven Einkommensklasse, die in den USA damals gerade ein knappes Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachte. Doch die Summen verdampften schneller, als sie verdient waren, und der Olympiasieger spurtete weiter von einem Job zum andern.
Ein Vertrag mit den «Consolidated Radio Artists» machte ihn zum bestbezahlten Bandleader ohne Musikgehör. Als Nachtklub-Entertainer in Harlems «Savoy Ballroom» stolperte er Abend für Abend über die Synkopen des Swing. Schliesslich versuchte er sich als Promoter eines professionellen Basketballteams, das dank Owens' sorglosem Management der gewerbliche «sudden death» ereilte. Rund 100 000 Dollar versickerten nebenbei in der defizitären «Jesse Owens Dry Cleaning Company», derweil der Firmenbesitzer selber an karnevalesken Schaukämpfen gegen Baseballstars, Radiosprecher, übergewichtige Barpianisten, Lastwagen und für 2000 Dollar sogar gegen ein kubanisches Rennpferd namens Julio McCaw rannte (und siegte). Owens scheiterte der Reihe nach als Kleiderverkäufer, Sportartikelunternehmer, Versicherungsagent, Hotelrepräsentant und Personal(sous)chef beim Automobil- und Bomberhersteller Ford. Im Mai 1939 war «The World's Fastest Human» beim amerikanischen Bundesgericht als Bankrotteur verzeichnet. Owens wäre nicht der erste schwarze Spitzenleichtathlet (ohne Schulabschluss) gewesen, der von höchsten Höhen umweglos ins Nichts gefallen wäre. Da die Rassenschranken im amerikanischen Professionalsport erst nach dem Zweiten Weltkrieg fielen und die US-Administration ihren erfolgreichsten schwarzen Vorkämpfern noch keine Posten zuschanzte, darbten Olympiasieger wie Eddie Tolan, Mack Robinson oder Cornelius Johnson zeitlebens am Rande des Existenzminimums. Owens entging diesem Schicksal, weil seine Karriere aus purem historischem Zufall an der Nahtstelle von Sport und Politik verlief. An seinem Idolwert änderte sich trotz gewerblichen Schlappen nichts, und Owens sollte sich gerade dann als gesellschaftlicher Tranquilizer erweisen, als die Nation den Bedarf danach verspürte.
Bezeichnenderweise katapultierte der kalte Krieg den einst erfolglosen Wahlhelfer der Republikaner mitten in die Avantgarde von amerikanischen Erzdemokraten wie dem FBI-Direktor J. Edgar Hoover oder dem Kommunistenjäger Joseph R. McCarthy. Als Paradebeispiel des Durchbeissers, als wandelndes Symbol verwirklichter Chancengleichheit wurde der vom mausarmen Farmerssohn zur Berühmtheit aufgestiegene Athlet vom State Department um die halbe Welt geschickt. Owens' Botschaft war einfach und einleuchtend: «Walk together, talk together», lautete sein Versöhnlichkeitscredo, das in Zeiten ideologischer Verwirrung den Konsens beschwor.
Owens war kein Mann, der widersprach, kein Scharfmacher, auch wenn er den Kreml mit dem Führerhauptquartier verglich. Sein «All American»-Image diente ihm zur Selbstsanierung, dessen war er sich bewusst. Er vertrat ein starkes Amerika, und deshalb vertrat er später auch die Atlantic Richfield Company, Schieffelin, Sears, Johnson & Johnson, US Rubber, United Fruit und Ford bis weit in die siebziger Jahre. Das amerikanische Fachmagazin «Sports Illustrated» bezeichnete ihn kurz vor seinem Tod am 31. März 1980 als «Idealkombination aus Wanderprediger, PR-Mann, freundlichem Händeschüttler und evangelistischem Small-talker». Nach geschäftlichen Misserfolgen war Owens berufsmässig zum «guten Beispiel» geworden und damit zur Reizfigur einer neuen Generation von Schwarzen, die den Sport nicht als Chance, sondern als Falle sahen. Den radikalen Ideen von 1968 hielt das alternde Idol ein simples Programm entgegen: «Wenn der Schwarze im heutigen Amerika keinen Erfolg hat, dann deshalb, weil er das Scheitern selber wählte.» Owens erkannte nicht, dass seine Laufbahn mehr gewesen war als die Summe eigener Anstrengungen. Während er zu Beginn der siebziger Jahre unbeirrt die Aufstiegsmöglichkeiten des Sports besang, verwies der Soziologe Harry Edwards auf die Fakten: Von den drei Millionen Schwarzen zwischen 13 und 22 Jahren, die eine Sportkarriere anstrebten, sollten am Ende gerade 900 im Profibetrieb überleben können. Edwards' Fazit: «Die Chance, von einem Meteoriten getroffen zu werden, ist grösser.»
Frederick Carlton Lewis gehört zu den Auserwählten. Sein Aufstieg fiel in die Zeit von Owens' Tod, und er ging einher mit einer gleichsam kopernikanischen Wende, die die Leichtathletik insgesamt erfasste. 1981 wurde der Römer Advokat Primo Nebiolo an die Spitze des internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) gewählt, der unter der Führung des Vorgängers Adriaan Paulen noch mit einer Halbtagssekretärin kostendeckend gewirtschaftet hatte. Heute umfasst der Londoner Hauptsitz Dutzende von Angestellten, derweil Nebiolo selber ein millionenschweres Imperium verwaltet. Gleich nach Beendigung der ersten Weltmeisterschaften von Helsinki im Jahr 1983 brachte ein Vierjahresvertrag mit dem Vermarktungsmulti ISL 20 Millionen Dollar auf die IAAF-Konten. Die Olympischen Spiele 1988 in Seoul bescherten ihr weitere 80 Millionen Dollar aus Fernseh- und Sponsorengeldern. Inzwischen liegt Nebiolos Fachleuten ein neuer Vertrag der European Broadcasting Union (EBU) vor, welcher der IAAF in den nächsten vier Jahren 91 Millionen garantiert.
Unter dem Überdruck der Geldströme war das Amateurstatut nicht mehr zu halten. Bereits Ende der siebziger Jahre drängten sich Sportpromoter wie Mark «the shark» McCormack in die Szene. Spitzenathleten vom Marktwert eines Sebastian Coe liefen um Jahreslöhne in der Höhe von 300 000 Dollar. An der Session von Baden-Baden (1981) trug das Internationale Olympische Komitee (IOK) deshalb nur aktuellen Entwicklungen Rechnung, als es das sogenannte Trust-Fund-System einführte, das von Verbänden kontrollierte Umwegzahlungen auf überwachte Athletenkonten, aber keine Direktgagen zuliess. Die IAAF übernahm die zur Totgeburt bestimmte Regelung im Jahr darauf, ehe das IOK an seiner 91. Session in Lausanne (1986) den Amateurparagraphen faktisch endgültig über Bord warf.
Das seit 1980 vom früheren Franco-Anhänger Juan Antonio Samaranch gelenkte Nervenzentrum des Olympismus hatte sich in der Zwischenzeit ebenfalls zum Grossunternehmen gewandelt. Noch in den sechziger Jahren lebte das IOK nach dem 300-Millionen-Lire-Defizit der Römer Spiele von der Hand in den Mund. 1990 verfügte es bei einem Vermögen von 118 Millionen Dollar über einen Jahreshaushalt von 20 Millionen Dollar, woraus allein 8 Millionen auf jährliche Lohnzahlungen und 2 Millionen auf die unentbehrlichen Luxusreisen der auf Lebenszeit versorgten Mitglieder entfielen. Die von Price Waterhouse geprüften Bücher dokumentieren den Boom: Seit den Spielen von Mexiko 1968 explodierten die Fernseheinnahmen von 10 Millionen Dollar auf 633 Millionen Dollar für Barcelona 1992.
Nimmt man diese Zahlen zur Kenntnis, ist Carl Lewis, Jahrgang 1961, ein wahres Kind seiner Zeit. Sechs Telefone, der fernbedienbare Fernseher mit Riesenbildschirm, ein elektronischer Sprachübersetzer für Reisen, Videospiele, eine Schlafzimmerbeleuchtung, die sich durch Pfeifen regulieren lässt, chinesisches Kristall, ein BMW 735i Turbo, Samuraischwerter, französische Renaissancekunst und die neuste Ausgabe von «USA Today» gehörten bereits zum Inventar seiner in Houston gelegenen viktorianischen Kitschvilla, noch bevor er vierfacher Olympiasieger von Los Angeles wurde. Lewis war, wie Owens, ein früh diagnostizierter Sonderfall, doch sein Potential trug noch schneller Früchte.
Wie er selber in seinem als Biographie getarnten Rundumschlag «Inside Track» vorrechnet, wurden ihm die ersten Startgelder (300 Dollar) schon 1980 entrichtet. Der Schuhfabrikant Adidas vergütete dem aufstrebenden 19jährigen Collegekandidaten damals 5000 Dollar pro Jahr. Ein Jahr später nahm ihn das US-Grossunternehmen Nike exklusiv für mehr als eine Handvoll Dollar auf die Lohnliste. Das Amateurreglement hinderte den Sportartikelkonzern in keiner Weise daran, den Statutenverstoss schriftlich festzuhalten: 200 000 Dollar Basisgehalt, verteilt auf vier Jahre; 17 500 Dollar Weltrekordbonus; 10 000 Dollar Prämie für die Nummer 1 der Weltrangliste; Olympiagold gleich 40 000 Dollar. Von verdeckten Geschäften nahmen offizielle Stellen keine Notiz. Auch der Marathon-Crack Roberto Salazar rannte als Nike-Repräsentant mit dem Rückenwind von 750 000 Dollar Fixum für drei Saisons. Anderseits gab es Athleten wie den ehemaligen deutschen Weltklassezehnkämpfer Siegfried Wentz, der noch Mitte der achtziger Jahre in einem Zeitungsinserat nach Mäzenen suchte.
Wenn mit Owens der (Schein-)Amateurismus zu Grabe getragen wurde, dann steht Carl Lewis für den angebotsorientierten Leistungssport-Freihandel, der seiner inneren Logik gemäss ein Haushaltsdefizit der Wettkampfveranstalter hervorbringen musste. Innert weniger Jahre versechsfachte sich das Basisstartgeld des in Europa erwünschten Zuschauermagneten auf heute 60 000 Dollar pro Meeting, derweil auch andere Spitzenathleten profitieren: der absolute Rekord wird derzeit vom Stabhochspringer Sergei Bubka gehalten, der sich einen Weltrekord mit einem Taggeld von insgesamt 290 000 Dollar honorieren liess. Die Reaganomics der Leichtathletik wurden für Lewis und seinen Manager Joe Douglas zum ersten Prinzip. Ein 1981 formulierter Vierjahresplan gab dem Ernährer des «Santa Monica Track Club» folgenden Auftrag:
1. Meetingangebote sind wegen der Medienpräsenz vor allem aus Los Angeles und New York anzunehmen. 2. Abschluss eines grossen Sponsorenvertrags erst nach den Olympischen Spielen von 1984. Douglas: «Wir wollen, dass Carl mit einem grossen US-Konzern identifiziert wird, so wie O. J. Simpson mit Hertz und Bob Hope mit Texaco.» 3. Vorbereitung der nacholympischen Karriere durch gezielte Aktivitäten wie Schauspiel- und Gesangsunterricht. 4. Nach grossen Leistungen auf der Bahn müssen Emotionen gezeigt werden. 5. Schaffung sportübergreifender Publicity durch Interviews in exklusiven Fernsehsendungen und Magazinen wie «Esquire», «Newsweek», «Time», oder «Ebony». Douglas: «Carl soll von allen geliebt werden.»
Aber Carl erreichte das Gegenteil. In den USA wird bis heute nicht goutiert, dass sich der «neue Owens» in braunweissgefleckten Schlangenlederstiefeln und kaftanähnlichen Pelzumhängen zum Renaissancemenschen ausrief, der trotz unerspriesslichen Ausflügen in die Schauspielerei und das Mode- und Musikgeschäft den definitiven Erfolg versprach. «Kalkül statt Courage», lautete das vernichtende Fazit der PR-Branche zu Lewis' Versuch, sich ein weltmännisches Image zu schneidern. Und Douglas' Ankündigung, man werde sich punkto Jahreseinkommen an Michael Jackson orientieren müssen (damals 5,5 Millionen Dollar pro Jahr von Pepsi), weckte in der amerikanischen Werbewirtschaft ebenfalls keine Begeisterung. 1985 zog sich sogar Nike zurück. Lewis erlebte seinen geschäftlichen Schwächeanfall bezeichnenderweise im Moment grösster sportlicher Erfolge. Seither ist es dem sechsfachen Olympiasieger aus mittelständischem Hause nicht gelungen, auch nur einen amerikanischen Sponsor an Land zu ziehen.
Für das US-Magazin «Time» war Lewis einst der «totale Athlet», für seine Gegner und das amerikanische Publikum blieb er ein rätselhafter Snob. In vielem liest sich seine auf dem Reissbrett entworfene Strategie wie die Antwort auf die Fehler seines ungebrochen populären Vorläufers. Was Owens nicht durch eigene Kraft geschafft hatte, versuchte Lewis mittels einer selbstverordneten Lebensregie. Doch das Programm stellte sich als Fehlschlag heraus, wenn man es an den Möglichkeiten eines Athleten misst, der im Fernsehzeitalter nun schon seit elf Jahren höchste Leistungsqualität beweist.
Dahinter verbirgt sich auch ein strukturelles Problem: Die Leichtathletik lag in den USA nach der letztjährigen WM gerade noch an 19. Stelle des Sportarten-Rankings; Lewis selber gehörte trotz einem neuen (und seinem bisher einträglichsten) Vertrag mit dem japanischen Elektronikkonzern Panasonic nicht einmal zu den «Top twenty» der amerikanischen Sport-Grossverdiener. Dass er das Image des geldversessenen Genussmenschen dennoch nicht los wird, ist die bekannte Ironie seiner Lebensgeschichte. Owens gelang es trotz wiederholtem Steuerbetrug und einem ausschweifenden Privatleben nicht, die eigene Legende zu zerstören. Lewis predigt nur das Gute, doch niemand glaubt es ihm: «Carl - die Geschichte eines amerikanischen Helden» kam noch 1984 in 175 000 Exemplaren auf den Biographienmarkt. Sie ist als Ladenhüter verstaubt.
Roger Köppel ist Mitarbeiter der Sportredaktion der NZZ.