NZZ Folio 03/95 - Thema: Mit den Augen   Inhaltsverzeichnis

Augenweiden

Der Voyeur - Selbstportrait eines Künstlers.

Von Berthold Rothschild

HOCHVEREHRTER HERR UNTERSUCHUNGSRICHTER! Sie haben mich vorführen lassen, nachdem Klagen laut geworden sind, ich würde andere Menschen ausspionieren, hätte ihnen nachgestellt, um sie auszuforschen. Man habe mich dabei ertappt, ja mehrere Zeugen hätten mich wiederholt beobachtet, wie ich meinerseits andere unablässig beobachtet hätte, schamlos hineingezielt mit scharfen Augen ins Leben fremder Menschen, ohne jeden Auftrag, ein Spanner sei ich, ein perverser Voyeur und eine heimtückische Gefahr für die öffentliche Sitte und Ordnung.

Geschätzter Herr Richter! Ich werde Ihnen die Abklärung leicht machen und den Sachverhalt nicht bestreiten. Es stimmt, ich bin ein leidenschaftlicher, Sie dürfen sogar schreiben: ein fanatischer Beobachter, ein unermüdlicher Augenflaneur. Ich sehe nicht nur, ich schaue und lauere - unablässig, wenn es meine Zeit erlaubt. Wie ein Ornithologe kann ich stundenlang sitzen und harren, stehen und warten und meine Sinne spitzen, um den Teil der Natur zu erforschen, den ich mir ausgewählt habe: die Menschen nämlich, ihr Tun und Treiben, ihr Sein und Lassen rund um dasjenige, was ich ihr Geheimnis nenne.

Ich kann Ihnen ohne Scheu verraten, worum es sich bei diesem Geheimnis handelt: um das Sein der Menschen dort, wo sie sich unbeobachtet wähnen. Auch Sie, hochgeehrter Herr Untersuchungsrichter, sind Herr einer geheimen Welt, und ich würde viel dafür hergeben, diese zu ergründen. Zu sehen, wenn Sie - ganz unbeobachtet - vor dem Spiegel stehen, wenn Sie den Koffer packen, wenn Ihnen das Tram vor der Nase wegfährt, wenn Sie sich in der Nase bohren, die Nägel schneiden, den Hintern abwischen - und dergleichen mehr. Für mich ein Augenschmaus mit unendlich vielen Gängen.

Dabei muss ich aber sogleich eines klarstellen: Es geht mir keineswegs nur um die Vorgänge und Verrichtungen am Körper und seinen als erogen bezeichneten Zonen, auch nicht in erster Linie - mir als Mann - um weibliche Geheimnisse. Gewiss, ursprünglich war es vor allem der Reiz des züchtig Verhüllten gewesen, der sich in meinen Augen festgesetzt und meine Neugier erregt hatte. Aber dann weitete sich der Bereich des Geheimnisvollen aus, weil ich entdeckte, dass die Menschen viel mehr verbergen als nur gerade ihre genitale Scham. Und tatsächlich: seither liegt die Schönheit stets im Auge des Betrachters. Das hatte schon der grosse Seelenvoyeur Sigmund Freud erkannt: das dem Sexualobjekt entlegenste Organ, das Auge nämlich, komme durch die besondere Qualität der Erregung, deren Anlass wir am Sexualobjekt als Schönheit bezeichnen, in die Lage, gereizt zu werden. Mein Auge und in seinem Schlepptau alle meine Sinne werden gereizt durch alles, was in der vermeintlichen Unbeobachtetheit sich tut. Jeder Verdacht auf ein Geheimnis entzündet meinen Blick und kann meine Neugierde in stille Raserei verwandeln. Und das Geheimnis wird noch erregender durch seine Nähe zur Banalität - nicht etwa durch seine Ausserordentlichkeit.

Früher, als Jüngling schon, war ich gebannt etwa durch die Bilder eines Degas oder eines Renoir, auf denen sich waschende Baigneuses zeigten, oder von Ingres' berühmtem «Türkischen Bad». Hier offenbarte sich mir eine Welt, die ich nie gesehen hatte, nie hatte sehen dürfen. Aber bald schon merkte ich, dass dies meiner Schaugier nicht genügen konnte. Denn diese Maler (heute könnten es auch begabte Fotografen sein)hatten die Bilder schon vor mir gesehen, und ihre Modelle werden gewusst haben, dass sie ihre Intimität zur Verfügung stellten. Zudem sind diese Bilder bereits öffentliches, ja kultiviertes Gut geworden. Die Grenzen zwischen öffentlich, privat und intim sind zwar fliessend, aber ich habe festgestellt, dass es eine unsichtbare Schranke gibt, hinter der sich die Menschen in der vermeintlichen Unbeobachtetheit anders gebärden; so, als stünden sie hinter dem Vorhang ihres sonst so freimütig mitgeteilten Lebens. Im Autostau etwa, beim Warten auf den Zug, in «toten» Zeitzwischenräumen aller Art.

Mein Kult, nein, ich muss sagen: meine Wissenschaft bedarf der Einsamkeit und der flüchtigen Einmaligkeit. Deshalb kann ich auch den platten Lustgewinn beim Betrachten einer Peep-Show oder eines Pin-ups nicht nachempfinden. Und noch weniger muss ich Ihnen von der Verflachung und Vulgarisierung des Schautriebs durch die Zerstörung der Intimität am Fernsehen berichten. Das Wissen der Beobachteten um die Beobachtung und ihre Bereitschaft, sich zur Schau zu stellen, beraubt mich jeden Antriebs. Nicht aus Prüderie, denn prüde bin ich wahrlich nicht; aber ich lasse mir meine hungrigen Sinne nicht von irgendwelchen Agenten mästen. Und ebensowenig, gelehrter Herr Richter, liegt mir die Verwendung von Ferngläsern, Kameras, von modernen Infrarotgeräten gar, wie sie manche der mir fälschlicherweise zugeordneten Triebgenossen verwenden. Mein einziges zugelassenes Hilfsmittel ist, wenn man es denn so nennen will, die Nacht. Sie nämlich gibt den beobachteten Menschen das Gefühl noch grösserer Intimität und hüllt mich in ihr sanftes Dunkel. Und aus ihr treten die Objekte meiner Neugierde im konzentrierten Licht wie auf eine Bühne.

Selbst die Tarnkappe würde ich mir versagen, denn mit ihr wäre mir ein Passepartout verliehen, der mich meiner Gespanntheit berauben würde. Auch ginge mir dabei der kostbare Kitzel verloren, erwischt werden zu können. Nicht erwischt bei einer Untat, sondern in einem grundsätzlicheren Sinn, der die Beobachterliebe jäh zerstört. Als kultivierter Jurist kennen Sie sicher Friedrich Dürrenmatts «Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter» und seine lakonische Feststellung: «Zu jedem Beobachteten gehöre ein Beobachtendes, das, werde es von jenem Beobachteten beobachtet, selbst ein Beobachtetes werde, eine banale logische Wechselwirkung, die jedoch, werde sie in die Wirklichkeit transportiert, sich bedrohlich auswirke . . .»

Ganz unabhängig von der ins Auge gefassten Intimszene stellt sich von mir zur anderen, beobachteten Person eine köstliche Verbindung, ja fast ein Stück Liebe her: ein Geheimbund, von dem die andere, der andere nichts weiss. Mein Blick vermählt sich mit dem Geschauten, und ich selbst spüre mich heftig in meinen Augen und ihrer Hirnleinwand, so als wäre meine ganze Existenz im Brennpunkt meines Sehens gebündelt. Aus Anlass des im Augen-Blick Erhaschten dränge ich mich sozusagen mir selber auf - nie aber mich den anderen. Darum ist es im übrigen ein himmelschreiendes Unrecht, wenn Sexologen und Kriminologen unsereinen mit den sogenannten Exhibitionisten in einen Topf werfen: Diese zwingen die Mitmenschen ungefragt zum Betrachten von Dingen, die sie erschrecken oder beschämen könnten. Ich aber nehme nur, was man mir - ohne Absicht, zugegeben - zeigt.

Es scheint mir fast beleidigend, Ihnen versichern zu müssen, dass ich noch nie daran gedacht habe, mir das Geschaute zu erzwingen, nie bin ich in fremde Gärten eingedrungen, nie habe ich Löcher in Wände gebohrt oder Vorhänge beiseite gezogen. Allerdings gestehe ich freimütig, dass meine Phantasie sich ganz frenetisch aktivieren lässt, wenn ich mir vorstelle, was sich dahinter alles sehen liesse.

Verzeihen Sie, ehrwürdiger Herr Richter, ich habe längst bemerkt, wie Sie unter dem Pult mit einem Fuss die Socke am andern Fuss rauf- und runterschieben, und es ist mir auch nicht entgangen, wie Sie immer wieder, kaum hörbar, mit der Zunge gegen den oberen rechten Backenzahn schnalzen. Vielleicht ein Loch? Das interessiert mich brennend. Ob Sie schon einen Termin bei Ihrer Zahnärztin haben? Ob Sie sich vorher mit After-shave einreiben, um Ihren Mundgeruch zu überdecken? Ob Sie Ihre Socken selber waschen? Ob Sie auch jeden Abend daran riechen, ob es noch angeht? Gewiss, ich sehe auch, wie sorgfältig abgestimmt Ihr Hemd und die Krawatte ausgewählt sind - aber das interessiert mich kaum: es ist ja bereits zur Schau gestellt und damit der Intimität, die allein mich fasziniert, entzogen.

Das Schauverbot begleitet uns seit früher Kindheit, sobald die Erwachsenen vermuten, dass wir verstehen, was wir beobachten. Sie reden in fremden Sprachen (pas devant les enfants) und schliessen uns von Szenen aus, die «nichts für kleine Kinder» sind. Die Mythen des Schauverbots gehören zum Menschengeschlecht seit Urzeiten. Lots Frau erstarrt vor Neugier zur Salzsäule, der Anblick der gorgonischen Medusa versteinert die Menschen, und weh dem, der die Büchse der Pandora öffnet! Kann man sich wirklich darüber wundern, dass Geheimnisse gelüftet werden wollen? Dank der möglichen Entdeckung werden sie ja erst zum Geheimnis. Und gibt es nicht zahlreiche und hochgeachtete Berufsstände, die sich mit der Aufdeckung von Geheimnissen beschäftigen? Sie selbst, Herr Untersuchungsrichter, die Ethnologen, die Journalisten, die Psychoanalytikerinnen, die Menschen- und Naturforscher jeglicher Gattung?

Nun, ich betreibe dasselbe Geschäft, ohne Gebrauch öffentlicher Mittel, ohne Bezahlung und ohne jegliche Verwendung des Entdeckten - ausser für mich selbst und meine Phantasien, ganz einfach schauend, entdeckend, das Entdeckte umkreisend und liebkosend. Ganz anders als Sie alle, von den Paparazzi am englischen Königshof bis zu den bewunderten Geheimagenten und Kriminologen, habe ich nie im entferntesten an eine Verwertung meiner Entdeckungen gedacht.

Und nun sollen Sie, hochgeachteter Herr Untersuchungsrichter, Klage gegen mich erheben. Ich muss Ihnen, bei allem Respekt, gestehen, dass ich auf Ihre Anklageformulierung neugierig warte. Werden Sie mich der «Erregung öffentlichen Ärgernisses» bezichtigen? Wo doch gerade die Sphäre der Öffentlichkeit mein Interesse lahmlegt. Oder des «Schamfriedensbruchs»? Der «Verletzung der Privat- und Intimsphäre»? Wo es doch den Beobachteten stets genügte, den Vorhang zu ziehen oder das Licht zu löschen. Werden Sie mich psychiatrisch begutachten lassen? «Unersättliche Neugier», «exzessiver Schautrieb», mag die Diagnose lauten; zum Triebtäter allerdings dürfte es nicht reichen, denn meine Tat, das Schauen nämlich, befleissigt sich der allergrössten Zurückhaltung, einer sie ja erst konstituierenden Wahrung der Distanz.

Ehrwürdiger Herr Untersuchungsrichter, ich betrachte mich als ewigen und leidenschaftlichen Zuschauer. Was vielleicht so privat und unerheblich, wie es scheint, gar nicht ist. Sagte nicht Hannah Arendt über den grossen Philosophen Kant: «Er ist überzeugt, dass die Welt ohne den Menschen eine Wüste wäre, und ohne den Menschen heisst für ihn: ohne Zuschauer.»

Berthold Rothschild lebt in Zürich und führt dort eine Praxis als Psychiater und Psychoanalytiker.


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