NZZ Folio 08/91 - Thema: Wege der Schweiz   Inhaltsverzeichnis

Wunderblock -- Zutodeerfunden

Von Lilli Binzegger

Die Schreibmaschine hat als Arbeitsgerät schreibender Wesen in ihrer Entwicklung einen ersten Höhepunkt mit der Einführung der Umschalttaste, einen zweiten mit der Elektrifizierung und ihre Vollendung mit dem Kugelkopf und der Korrekturtaste erreicht. Letzteres in den späten sechziger Jahren. Statt der sich verheddernden Typen war da eine flink hüpfende Kugel, das Korrekturband hatte den Traum von der Sünde ohne Reue wahrgemacht. Die Schreibmaschine der sechziger Jahre war ein Wunderwerk menschlicher Erfindungsgabe. Doch hat man sie leider weitererfunden.

Die Schreibmaschine ist zum hysterischen Wesen geworden, das spitze Schreie ausstösst, wenn man es berührt ? als ob man es unzüchtig berühre ?, und wild blinkt und eine Menge nutzloser Dinge tut und diese womöglich noch speichert. Die Tastatur endet jetzt beidseits mit unnützen Zeichen, so dass, weil die Rücklauftaste auch nicht mehr ist, wo sie war, sich an jede Zeile eine Hieroglyphe anfügt. Die Maschine mittet ein, nur weil man zu stark ausgeatmet hat, schreibt rechtsbündig, linksflatterig, fett, gross, schräg oder schreibt nicht.

Bloss zum klaglosen fortlaufenden Schreiben, wozu man es sich eigentlich hält, ist sich das Ding zu gut. Als tauglicher Schreibcomputer ist es bei aller Allüre aber zu schlecht. Die Schreibmaschine der neunziger Jahre ist, kurz, nicht mehr Fisch und noch nicht Vogel. Und statt dem schreibenden Menschen ein ebenbürtiger Partner zu sein, mit dem sich ? als wenigstens das Schreiben noch Lärm machen durfte ? um Gedanken und um Schreibweisen feilschen und mit dem sich auch einmal handfest streiten liess, hält sie sich den armen schreibenden Menschen als Therapeuten in ihrem Selbstfindungsprozess.


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