NZZ Folio 07/97 - Thema: Aus Eis und Schnee   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Bei 30 ºC zu lesen

Von Lilli Binzegger

Schnee ist nicht nur eine Sache des Winters, das weiss jeder, der auf einer früh- oder spätsommerlichen Wanderung in den Bergen schon unversehens von ihm überrascht worden ist oder sich gar in die Höhen des ewigen Schnees vorgewagt hat. Und Eis ist es erst recht nicht, nimmt es doch beispielsweise, wie die Ausgabe von Meyers Konversationslexikon von 1907 schreibt, «erheblichen Anteil an der Bildung der Erdrinde», weshalb es «in diesem Sinne zu den Gesteinen zu rechnen» sei. Zu keiner Zeit auch gibt man sich dem Genuss eisgekühlter Dinge lieber hin als im Sommer, der hoffentlich auf seinem Höhepunkt ist, wenn Ihnen dieses Heft in die Hände gerät. Sonst legen Sie es bitte so lange zur Seite.

Schnee und Eis, der Stoff, aus dem Phantasien sind. Paul Auster lässt in seiner «New York Trilogy» den Protagonisten Blue in einem Magazin folgende Geschichte lesen: In den französischen Alpen wurde ein junger Mann, Vater eines kleinen Sohns, von einer Lawine unauffindbar verschüttet. Zwanzig Jahre danach fuhr der Sohn nicht weit von der Stelle entfernt Ski und stiess an einem Gletscherrand auf einen unversehrten Körper im Eis. Als der junge Mann sich bückte und der Leiche ins Gesicht sah, hatte er «den deutlichen und erschreckenden Eindruck, sich selbst zu betrachten». Wie jemandem auf der andren Seite eines dicken Fensters sah er seinem Vater ins Gesicht, der jung war, jünger als er selbst.

Die Geschichte ist selbstverständlich ebenso Fiktion wie im selben Roman jene des in einem Iglu eingeschlossenen Arktisforschers, dessen Atem sich an den Wänden festfror, bis sie ihn zu erdrücken drohten. Dass Eis und Kälte einem zum ewigen Leben verhelfen, hat uns aber der reale Ötzi gezeigt, den die Gletscher der Ötztaler Alpen während 5000 Jahren jung erhielten.

Als ich vor Jahren in einem Artikel Meyers Lexikon mit dem Eintrag zitierte, am 4. Dezember 1892 sei zu Glashütte i. S. die grösste je beobachtete Schneeflocke niedergegangen, sie habe nämlich 12 cm Durchmesser gehabt, wurde das Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos «über den Schwachsinn» sehr bös. Den Glauben an die grosse Flocke habe ich mir dennoch bewahrt. Doch ist mir seither klar, dass Schnee und Eis eine ernsthafte Angelegenheit sind.


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