Man muss sich das im echten Leben vorstellen: Da stellt jemand einen Tisch auf, packt das Brett und die Figuren aus, ruft auf die Strasse: «Wer spielt mit?» – und zweieinhalb Sekunden später sitzen dort drei Fremde, sagen nicht mal Hallo und warten darauf, dass man endlich würfelt.
Aber de.games.yahoo.com gibt es nicht im echten Leben, sondern im Internet. An einem Mittag um viertel vor zwei sind 82 542 Spieler online, weltweit, das steht rechts oben auf der Seite, genug Menschen für eine Stadt. Sie messen sich in Schach, Domino, Scrabble und 136 weiteren Spielen, von denen viele so gar nicht zum Computer passen wollen. Es ist die Gegenwelt zu «Killzone» und «Monster Hunter». Manche Spiele kennt man nur noch aus der Schulzeit. Wer mittun will, klickt auf ein Spiel, sucht sich einen sogenannten Spielraum aus (deutsch oder international) und schaut nach einem freien Platz. Oder man lädt Leute an seinen eigenen Tisch. Der Gastgeber legt die Regeln fest: wie viele Spieler, wie viel Zeit pro Zug und so weiter.
Ich wähle Scrabble. Zum Gastgeben bin ich am Anfang zu schüchtern, ich setze mich zu einem Typen, der sich frizzi_84 nennt, vielleicht ist es auch eine Frau oder ein Haustier, man kennt hier nur die Übernamen. Ich habe mich big_points genannt, das soll meine Ambitionen unterstreichen. Aber frizzi_84 legt «Neumonde», verbraucht dabei alle seine Buchstaben und schlägt mich am Ende haushoch. Wenigstens ist er/sie/es nett. Frizzi sagt erst Hallo und am Ende Tschüss, und als mir ewig kein Wort einfällt, schreibt Frizzi: «versuch doch reh». Man kann sich mit dem Gegner beim Spielen auch unterhalten. Wenn auch nur stumm, in Kleinbuchstaben und ohne Zeichensetzung.
Beim Scrabble verloren, und das a) als Schreiberling, b) gegen einen Gegner, der viel jünger ist, jedenfalls wenn die 84 im Übernamen für das Geburtsjahr steht, und dann komme ich c) nicht mal von selbst auf «Reh»: eine Schmach. Im «17 und 4» will ich alles wiedergutmachen. (Bei Yahoo heisst es Blackjack – das haben früher in der grossen Pause die Leute gesagt, die sich wichtig machen wollten.) Die ersten Runden gehen noch daneben, weil ich es gleich mit drei Gegnern zu tun habe (imja_45, isa3581, sugar_berger), weil ich das Spiel zuerst nicht überblicke und weil der Umgangston etwas merkwürdig ist. Also, es gibt keinen. Wir vier setzen uns wortlos hin und spielen wortlos. In einem echten Wohnzimmer würde man einander was zu trinken anbieten und nach der Gesundheit fragen, doch hier herrscht meditative Ruhe. Wortlos verlassen wir alle den Tisch nach dem Spiel, jeder für sich irgendwohin, vielleicht an einen anderen Tisch, vielleicht zu einem anderen Spiel, die Leute wechseln ihre Plätze so schnell wie Tauben ihre Futterstelle auf einer belebten Piazza. Denselben Übernamen sehe ich nie zweimal.
Dann das erste Erfolgserlebnis: Aus 1000 Dollar mache ich 10 100 Dollar. Strenggenommen spielt man «17 und 4» nur gegen den Geber, in diesem Fall also gegen den Computer, aber die Ehre verlangt natürlich nach dem grössten Erfolg am Tisch. Meine neuen Mitspieler fnky_420 und joe25nick krebsen um null herum. Ansonsten schweigen auch sie. Weil ich in einen internationalen Spielraum gegangen bin, weiss ich nicht einmal, woher sie kommen. Wer sind sie? Wer bin ich? Wer ist der Mensch, der als big_points auf digitalen Spielbrettern in Chicago und Singapur eingeblendet wird? Keiner ist da, der mich meiner wahren Identität versichert.
Plötzlich ist es 17 Uhr 56: Auch Zeit scheint es nicht mehr zu geben. Zum ersten Mal im Leben begehre ich eine Flatrate. Inzwischen sind 147 489 Spieler online. Jetzt zum Schiffeversenken. Mutig geworden, eröffne ich einen eigenen Tisch. Übermütig geworden, setze ich mich gleichzeitig zu «Mensch ärgere dich nicht» («Eile mit Weile»). Beim Schiffeversenken habe ich drei Minuten pro Zug, bei «Mensch ärgere dich nicht» nur 30 Sekunden. Das Telefon klingelt. Kann nicht. Ich muss aufs Klo. Kann nicht. Es gibt keinen Pausenknopf. Ich zerbombe die Flotte von hexe27676, die zum ersten Mal spielt und schreibt, sie sei grad auf Arbeit. Ich frage: «das geht?» (für ordentliche Grammatik ist keine Zeit). Sie antwortet: «jo». Ich frage: «kein chef in der nähe oder wie?» Sie antwortet nicht. Sie verschwindet, ohne das Spiel zu beenden. Womöglich dachte sie, ich sei ihr Chef. Hier könnte ja jeder jeder sein. Bei «Mensch ärgere dich nicht» ärgere ich mich. Im entscheidenden Moment schlägt mich ronnyjenke mit einem Glückswurf. Dabei kommt aus dem Computer ein Geräusch, wie wenn Oliver Hardy im Film auf den Hintern fällt. Am Ende gewinnt magoscha2000. Sie: «jippii, cu». Ich: «gratulation». Ronnyjenke: «ok tschau». Manche Leute mögen in dieser Welt etwas mundfaul sein, aber nett sind sie alle, und das sind um 19 Uhr 47 immerhin 160 668.
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, was hinter der netten Fassade steckt.
In der nächsten Partie von «Mensch ärgere dich nicht» frage ich, ob man sich hier auch mal anfreundet, und zwischen zwei Zügen schreibt pelle0112 zurück: «zu mir hat einer mal miststück gesagt, nur weil ich ihn rausgeschmissen habe. hexe21 musste ihn sogar vom tisch ausschliessen.» Elamich72 bestätigt: «ich hatte auch mal so eine blöde kuh, die hatte bestimmt ihre tage.» Sich die Namen zu merken, bringe nichts: Diese Leute hätten viele Übernamen. Und zu den Rüpeln gebe es noch Betrüger, die nur dank irgendwelcher Schummelsoftware gewinnen. Pelle0112 ist empört: Auch ihm habe das mal jemand unterstellt. Auch Elamich72 ist empört, verrät aber ein Geheimnis: Mit der rechten Maustaste so lange auf «Würfeln» klicken, bis die gewünschte Zahl fällt. Habe sie mal gehört. Würde sie natürlich nie machen. (Aber es funktioniert tatsächlich.)
Die militant Anständigen ereifern sich in Diskussionsforen, die zu den Yahoo-Spielen gehören: etwa über die «Betrüger und Manipulatoren bei Scrabble». Das seien «Psychopathen, die spielen lassen, statt dass sie sich einer Herausforderung stellen». Ihr Trick sei ein Zusatzprogramm: Man tippt seine Buchstaben ein, das Programm durchsucht ein Archiv und spuckt ein paar passende Wörter aus. Die Spielerin Biggi hat sich zum Beispiel die Statistik von zer0_destr0yer angeschaut und listet auf, dass er innert dreier Minuten fünf Scrabble-Spiele für sich entschieden hat: «du scheinst schneller zu gewinnen, als manche start klicken können», schimpft Biggi.
Es ist nicht leicht, sich Menschen vorzustellen, die mit eigens angeschaffter Software ihre Gegner bei Scrabble und «Mensch ärgere dich nicht» linken – auf der Jagd nach Punkten, die zu nichts wirklich gut sind. Es ist aber sowieso nicht leicht, sich Menschen vorzustellen, die bei Yahoo im Internet spielen. Um 1 Uhr 11 in der Nacht sind es weltweit 173 888 Spieler, die nichts tun, als anderen Leuten an ihren Tischen beim Würfeln und Figurenrücken zuzugucken. Ich frage nichtsfaenger, warum er das tut. Antwort: «habe schon den ganzen tag selber gespielt.» Dann schreibt er irgendwas vom Wetter und fragt, wo wir so wohnen. Einer macht gerade Urlaub in Seattle, eine kommt aus der Pestalozzistrasse in München. Das ist etwa zwei Kilometer von meinem Computer entfernt.
Diesmal bleibe ich über zwei Stunden in derselben Runde. In der Nacht werden die Leute gesprächiger. Sie witzeln über ihre Städte, ihre Kinder und ihr Würfelpech, in manchen Momenten ist es wie mit Freunden zu Hause. Nur warum sie um 4 Uhr 17 nicht im Bett liegen, will mir keiner sagen. Vielleicht müssen sie am Morgen nicht aufstehen, und das ist ihnen peinlich. Oder sie stellen sich selbst die Frage gar nicht. Es ist schwierig, mit dem Spielen aufzuhören.
Gerade als wir uns alle richtig gern haben, kommt es zum Eclat. Das Programm spinnt, oder ich bin schon so müde, dass ich etwas falsch mache, jedenfalls wollen meine Figuren nicht mehr vom Fleck, und meine Mitspieler bezichtigen mich des Betrugs. Ich beteuere, es sei alles nur ein Missverständnis, aber innert einer Minute stehen sie alle vom Tisch auf und gehen, trotzig und geschlossen wie eine beleidigte Opposition.
Es ist 5 Uhr 12 am Morgen, 185 260 Spieler sind online, aber bei «Mensch ärgere dich nicht» bin ich nun ganz allein.
Marc Schürmann ist freier Journalist. Er lebt in München.