«WER EINMAL WIRKLICH hungern musste, isst alles, was irgendwie essbar ist. Zimperlich ist der nicht mehr.» Sergei Kosyrew, 41, Marketingdirektor einer Wodkabrennerei in der Kleinstadt Tschernogolowka bei Moskau, hat Hunger zwar noch nicht selbst erfahren, selbst in den schlimmsten Zeiten war die Versorgung im elitären Raketenabwehrkorps erträglich. Doch beim Militär hat er Dinge erlebt, die ihn auch heute noch beschäftigen.
Während des Bürgerkriegs in Tadschikistan kamen Soldaten um, weil ihre Führer Angst hatten, Entscheidungen zu treffen. «Überall stösst man auf Verrat und Schweinereien», sagt Kosyrew. Die Seuche, überall Schmiergeld zu verlangen, habe selbst grundehrliche Menschen angesteckt und sei allgemein Usus geworden.
Seit Generationen hat die Familie Kosyrews Offiziere hervorgebracht. Der Urgrossvater diente in der zaristischen Armee auf Sachalin, der Vater perfektionierte die Raketenrüstung. Eine andere als die Offiziersschule kam für Kosyrew also gar nicht erst in Frage. In Schitomir in der Ukraine machte er eine Ausbildung zum Funkelektroniker, und kaum hatte er sein Diplom in der Tasche, schickte man ihn zum Raketenabwehrkorps.
Damals hat er an alles geglaubt: an die Partei, an eine strahlende Zukunft und an internationale Solidarität. «So hat man es uns beigebracht», sagt er und hofft damit, seinen blinden Glauben und den von Millionen seiner Altersgenossen erklären zu können.
Er hätte im Krieg in Tadschikistan umkommen können. Den Befehl zum Einrücken in die Reserve hatte er schon in der Tasche. Obwohl es nicht nötig war, flog er nach Duschanbe, um eine dienstliche Angelegenheit zu klären. Dabei geriet er zufällig unter den Beschuss islamischer Partisanen. Zurück auf dem Stützpunkt, leerte er ein Wasserglas Wodka in einem Zug. Bei jedem Schluck spürte er, wie der Wodka seine Nerven beruhigte. Jetzt trinkt er fast gar nicht mehr, obwohl er, wenn es ihn gelüstete, in Wodka baden könnte. Gleich nach dem Abschied von der Armee schlug ein Kollege ihm vor, in der Alkoholfirma Ost-Alko zu arbeiten. Die zu ihr gehörige Wodkabrennerei in der Kleinstadt Tschernogolowka bei Moskau hatte erst vor kurzem den Betrieb aufgenommen, und zwar in den Räumlichkeiten einer ehemaligen Gemüsefabrik. Kosyrew bekam eine Stelle in der Vertriebsabteilung. Ihm war gleich klar, dass er ohne Weiterbildung nichts werden konnte. So studierte er neben der Arbeit Marketing.
Sein Unternehmen setzte auf Klasse und Kunden mit Ansprüchen. Russland ertrank damals in billigem Wodka ungewisser Herkunft, die Neureichen suchten Wodka von geprüfter Qualität und fanden ihn in kurzer Zeit im gebrannten Wasser aus Tschernogolowka. Sie waren davon überzeugt, dass sie nicht erblinden, nicht ihre Potenz einbüssen und auch nicht in Depressionen verfallen, wenn sie ihn trinken. An dem relativ hohen Preis scheinen sie sich nicht zu stören. Der Wodka aus dem kleinen Tschernogolowka hat heute im Grossraum Moskau einen Marktanteil von über 30 Prozent. Die durstigen Kehlen der Hauptstadt leeren tagtäglich über zwei Millionen Flaschen.
Schlank und durchtrainiert, wirkt Kosyrew sehr jung für sein Alter. Seine Gesten sind heftig und zugleich kontrolliert. Als die Absatzzahlen nach der russischen Finanzkrise von 1998 immer schlechter geworden waren, wurde er mit der Aufgabe betraut, eine neue Marketingstrategie zu erarbeiten. Kosyrew baute ein flächendeckendes Netz von gut instruierten Vertretern auf und erschloss neue Exportmärkte, etwa in Deutschland oder in Israel.
An das Zivilleben hat er sich längst gewöhnt, ja er bedauert die Kollegen, die beim Militär geblieben sind und sich mit einem Dasein ohne Perspektive abgefunden haben. Nur eines hasst er in seinem neuen Leben als Manager: die russischen Bürokraten. Die seien durchtrieben, sagt er, scharf auf Schmiergeld, verschlossen. Im Landwirtschaftsministerium müsse er jeden neuen Namen des auf dem Markt eingeführten Wodkas bestätigen lassen. Bei der Moskauer Verwaltung gelte es, eine Lizenz für den Grosshandelsbetrieb zu beantragen, in der Zollverwaltung eine Exportlizenz. Vom Ministerium für Landwirtschaft braucht er wiederum die für die eigene Produktion erforderliche Spiritusquote. Dabei, meint Kosyrew, würden die Bürokraten vor Hass und Neid schier platzen. Dank den Schmiergeldern hätten sie selber zwar ebenfalls ein sagenhaftes Einkommen, aber sie müssen es verheimlichen. Die Einnahmen Kosyrews aus der Fabrik sind legal, und so kann er seelenruhig einen Mercedes 600 fahren.
Kosyrew ist ein moderner Manager und trinkt selbst nicht über den Durst. Den Alkoholismus der Russen sieht er gelassen. «Russland ist abhängig vom Wodka. Sollte es einmal keinen Wodka auf dem Markt geben, wird es zu ernsten Problemen kommen.» Kosyrew erinnert an den vergeblichen Feldzug Gorbatschews gegen den Alkohol. Greift Kosyrew einmal zum Wodkagläschen, dann genügen ihm 100?150 Gramm, und die trüben ihm die Sinne nicht mehr als gewünscht. In Russland, sagt er, muss man trinken, das bewahre einen davor, verrückt zu werden. Für Sergei ist klar: «Einen reineren Alkohol als den russischen Wodka gibt es nicht und wird es nicht so schnell geben.»