DER FORTSCHRITT – wohin führt uns der eigentlich? Fort von hier? Irgendwohin? «Fort musst du, deine Uhr ist abgelaufen!», ruft Tell dem Vogt entgegen. Auch in der Fortbewegung bedeutet die erste Silbe nur «weg von hier», und der Wurmfortsatz am Blinddarm macht das Wort nicht edler.
Wann und warum kam es dazu, dass der Fortschritt ausgerechnet und ausschliesslich einen Schritt voran oder nach oben bezeichnen soll, einer besseren Zukunft entgegen? Es war vermutlich Kant, der dem «Fort» die Weihe gab, indem er die Aufgabe der Menschheit «im Fortschreiten zur sittlichen Vollkommenheit» sah. Da hatte er das Fortschreiten positiv besetzt und damit der Technikbegeisterung des 19. Jahrhunderts das Schlagwort geliefert: Der Triumphzug der Dampfmaschine liess sich so beschreiben und ebenso die sozialistische Vision einer idealen Gesellschaft. Naturgesetzlich entwickle sich die Geschichte, predigte Karl Marx, hin zum Paradies der schöpferischen Arbeit und des Überflusses für alle.
Über dreierlei wurde dabei wenig nachgedacht. Zum Beispiel darüber, dass im Reich der Künste von Fortschritt nie die Rede sein kann. Wie schrieb Stendhal 1822? «Trotz der Vervollkommnung aller Dinge besass Homer vor 2700 Jahren mehr Talent als heute Lord Byron.»
Oder darüber, dass im Reich der Moral der Fortschritt mitunter merkwürdige Gesichter zeigt. Als Fortschritt mindestens gedacht war ja einst die Folter: Nicht mehr mit der Willkür der Mächtigen sollte ein Angeklagter bestraft werden können, sondern nur noch, wenn er ein Geständnis abgelegt hatte, wie im Inquisitionsprozess gefordert. «War der Geist böswillig, so blieb nichts übrig, als sich an den Körper zu halten», lässt Thomas Mann den Jesuiten Naphta dazu sagen, «die Folter, als Mittel, das unentbehrliche Geständnis herbeizuführen, war vernunftgeboten.»
Auch die Korruption ist schon als Fortschritt, ja als Anfang aller Moral gewürdigt worden. Wenn ich in meinen Pass hundert Dollar lege, um einen Grenzbeamten zu bestechen, und er lässt mich dann ins Land: Dann hat er ein Vertragsverhältnis anerkannt; er hat den Urzustand überwunden, dass er das Geld hätte nehmen und mich trotzdem hätte abweisen können.
Selten bedacht wird schliesslich, dass es auch Rückschritt geben kann, sogar anderthalbtausend Jahre lang wie nach dem Zerfall des Römischen Imperiums. Erst die Eisenbahn schaffte das, was der Postkutsche nie gelungen war: das Tempo römischer Kurierwagen wieder zu erreichen.
Die Pfeiler, auf denen die Fortschrittsgläubigkeit des 19. Jahrhunderts ruhte, stürzten im 20. einer nach dem anderen ein. 1912 versank das bis dahin gewaltigste Produkt der Technik, die «Titanic», kläglich auf ihrer Jungfernfahrt. Der Erste Weltkrieg belehrte das Abendland, dass der steinzeitliche Vernichtungswille nicht ausgestorben war. Und dann der Rückfall Hitler-Deutschlands in die Barbarei, seit 1972 die Schreckensszenarien des Club of Rome, 1986 die Atomkatastrophe von Tschernobyl; und in der Ära Gorbatschew zerstob das kommunistische Versprechen einer schönen neuen Welt. Der Gang der Weltgeschichte ist eben nicht vorgezeichnet, schon gar nicht von Karl Marx.
Dass es auf ein paar Feldern nachhaltig aufwärtsgegangen ist, sollten wir darüber nicht vergessen. Kinder müssen keine Fabrikarbeit mehr leisten, jedenfalls nicht im Abendland. Dort braucht auch kaum einer noch zu hungern oder zu frieren. Und beim Zahnarzt ergeht es uns nicht mehr so, wie J. K. Huysmans es 1884 in seinem Roman «A Rebours» schrecklich beschrieben hat: «Funken sprühten vor seinen Augen, er strampelte mit den Füssen und brüllte wie ein Tier, das man tötet. Dann hörte er ein Krachen, der Zahn war abgebrochen, ihm schien es, als würde ihm der Schädel zerschmettert. Er heulte und wehrte sich wütend gegen den Mann, der sich von neuem auf ihn stürzte, den Körper, der am Kiefer hing, anhob und ihn dann in den Sessel zurückstiess, während er am Ende seiner Zange einen blauen Zahn schwenkte, an dem etwas Rotes baumelte. Des Esseintes spie Blut in eine Schüssel und entfloh, nicht ohne blutigen Auswurf auf die Stufen zu speien.»
Ein Schritt voran, gewiss. Irgendwann aber stossen wir immer wieder auf die Einsicht Nestroys, die als Motto über Wittgensteins «Philosophischen Untersuchungen» steht: «Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, dass er viel grösser ausschaut, als er wirklich ist.» Sollen wir an Fortschritt glauben, wenn wir Wälder in Zellulose verwandeln oder einen hübschen Wiesengrund in eine Stadtrandsiedlung? Wenn die Mount-Everest-Besteiger noch auf dem Gipfelgrat über Coca-Cola-Dosen stolpern? Wenn wir mit der Kraft von zweihundert Pferden einen Weg zurücklegen, für den zwei Menschenbeine oft völlig genügen würden?
Wer heute noch von Fortschritt spricht, findet vermutlich bloss das Neue besser als das Alte, einfach, weil es das Neue ist. Es könnte auch mal wieder abwärtsgehen mit uns allen, vielleicht tausend Jahre lang. Das müsste noch nicht Armut bedeuten. Aber was heisst «Armut» überhaupt? Auch sie ist ein verwirrender Begriff; das nächste Folio wird ihn auseinandernehmen.