Als ich 1973 zum ersten Mal nach Buenos Aires reiste, um meinen Vater in schwieriger Mission zu begleiten, war ich ein Artist, der die Unfähigkeit, ein Dichter zu sein, mit schriller Kleidung kompensierte, die er als getragenes Pamphlet in die Welt hinausposaunte, um ja nicht verwechselt zu werden mit dem Radetzkymarsch. Der grosse Tansini, ein Friseur beim Zürcher «Odeon», der sein strahlend weisses Gebiss herzeigte wie ein Grosswildjäger eine Jagdtrophäe, hatte meinen Haarschopf auf vernünftige Länge getrimmt, und bei Grieder hatte ich mir einen gestreiften Anzug gekauft.
Als Geschäftsmann verkleidet, betrat ich die südliche Halbkugel, und nach dem Besuch einer Estancia (argentinisch für Farm) war mir klar, dass ich mich früher oder später in Argentinien niederlassen würde, um irgend etwas anzubauen und es wachsen zu sehen. Dass meine romantische Vorstellung 25 Jahre später Realität wurde, erstaunt mich wie jedes Ziel, das ich erreiche. Tatsächlich bin ich hier in der Pampa ein organischer Selbstversorger, beglückt von sentimentalen Anfällen, wenn ich auf einem alten Pferd über die Scholle gleite («gleite» ist ganz klar eine Angeberei). Dass ich nun als Zauberlehrling auch noch Reben pflanze, um einen Wein zu keltern, ist eine Vermessenheit, die ich mit dem sokratischen Prinzip, zu wissen, dass ich nichts weiss, auszugleichen versuche.
Mendoza hat eine jahrhundertealte Weintradition. Als 1556 die ersten Siedler nach einem Seelsorger verlangten, schickte ihnen ein Jesuitenkloster aus Chile den Bruder Juan Cidrón. Der Gottesmann war weise genug, nicht nur die Bibel, das Kreuz und allerlei Messgeräte mitzubringen, sondern auch Pflanzen. So kam es, dass nach ein paar Jahren die ersten Siedler nicht nur den Weg zu Gott fanden, sondern auch in den Genuss des roten Saftes kamen, der aus den Trauben der üppig wuchernden Reben gewonnen wurde. Der erfüllte als Messwein einen heiligen Zweck und brachte die einsamen Menschen auch bei weltlichen Ritualen in Stimmung.
Aus diesen Anfängen entwickelte sich Mendoza zur südamerikanischen Metropole des Weins. 25 000 Kilogramm Trauben pro Hektar ringen die quantitätsverrückten Argentinier der trockenen Erde ab, um den enormen Bedarf der italienisch-spanischen Einwanderer seit der Jahrhundertwende zu decken. Die giessen im Schnitt, Greise und Säuglinge inbegriffen, hundert Jahresliter Wein in sich hinein, der leicht süss und angeröstet schmeckt, so wie die sechs Finger dicken Steaks, die sie dazu in sich hineinwuchten, als gäbe es kein Morgen. Auf dem kleinen Flugplatz Mendozas landen täglich fünf Aeroplane aus Buenos Aires, und jeder Passagier, der an dieser Endstation ankommt, hat mit dem Produkt zu tun, das diese Stadt seit ihrer Gründung bestimmt wie das rote Metall das Goldgräbernest Eldorado.
Die Stadt Mendoza ist umstellt von Rebbergen und wächst langsam in diese hinein. Bis ins Zentrum stehen gigantische Kellereien, in denen mehrere hundert Millionen Liter Tischwein in Fässer abgefüllt und ab 1885 auf der englischen Railroad in die Capital Federal am Rio de la Plata geschafft wurden. Ein gewisser Don Arizu presste allein 80 Millionen Liter, hatte täglich ganze Weinzüge unterwegs und war bis in die fünfziger Jahre der grösste Produzent der Welt, seine Aktien wurden an den Börsen von New York und London gehandelt. Er verdiente sich so dumm und dämlich, dass die berühmte dritte Generation pleite ging. Sein Rebensaft wurde unter dem Name Cruz del Sur in Bodegas, Parillas und Tango-Lokalen direkt ab Fass in die Systeme der Hombres geschüttet, denen Heimweh, Einsamkeit und unerfüllte Sehnsucht täglich das Herz zerrissen. Die Entstehung des Tangos ist ohne die Weinseligkeit aus den Bergen nicht denkbar.
Im Westen Mendozas erhebt sich 7000 Meter hoch das gewaltige Andenmassiv, und ewiger Schnee verzuckert den Krater des Tupungato. Den Schneemassen ist es zu danken, dass in den Hochebenen am Fuss der Anden die Früchte wachsen wie im Paradies. Jedes Jahr zur Schmelze schwillt der Rio Mendoza zu einem brüllenden Strom und bringt über weitverzweigte Kanalsysteme das Wasser in die Weinberge und in die Stadt, wo selbst die Bäume der Prachtsalleen, die kathedralenhoch stehen wie in Aix-en-Provence, nur wachsen können, weil sie unterirdisch bewässert werden.
Auf 1000 Meter über Meer schaffen die kühlen Nächte, die heissen trockenen Tage und das intensive Sonnenlicht zusammen mit den sandigen, seit Jahrmillionen von den Anden mineralisierten Böden ideale Voraussetzungen für fast alle Traubensorten. Bis auf 1500 Meter bringen Pinot-noir- und Chardonnay-Trauben, die als Weissweine oder von Moët & Chandon mit der Méthode champagnoise als Schaumweine gekeltert auf den Markt gebracht werden, hervorragende Resultate. Um 1000 Meter herum gedeihen Merlot, Cabernet Sauvignon, Syrah und vor allem der Malbec, der in dieser Gegend bessere Resultate bringt als irgendwo sonst auf der Welt.
Anders als die Chilenen, die von kleinen Anbauflächen und Kargheit zu viel grösserer Präzision gezwungen waren, sind die Argentinier in ihrer Mentalität von riesigen Flächen und einer grosszügigen Natur verwöhnt. Da hervorragende Weine aber nicht das Resultat von ein paar guten Ideen sind, sondern in mühevollen hundert kleinen Schritten entstehen, ist man in Argentinien erst allmählich dabei, die Kunst des Weinmachens im wahren Sinn des Wortes von den Wurzeln aus neu zu definieren. Seit etwa 15 Jahren werden die idealen Voraussetzungen Mendozas nicht mehr nur für riesige Mengen genutzt, sondern die Pflanzen werden von einer ständig wachsenden Zahl von Weinmachern zu guter Qualität erzogen. Aus der Vielfalt der Produkte, die auf diesem Weg sind, haben es einige schon geschafft, in internationalen Tastings in der allerobersten Liga mitzuhalten.
Meier-Nase, der sich in Agrelo in 1100 Meter Höhe auf einem guten Stück Land mit ausreichend Wasser niederliess, war wunderbar ratlos, als ein Weinkünstler aus der Toscana in den Anden kalte Füsse bekam und sich aus der Partnerschaft zurückzog. Die Tatsache, dass bedeutende Weinhäuser wie Kendall-Jackson, Moët & Chandon, die Rothschilds und die extrem vorsichtige Cuvaison-Schmidheiny-Gruppe in direkter Nachbarschaft Land kauften, liessen den gebremsten Weinzauberlehrling die Wartezeit aber halb gelassen auf sich zukommen.
Als der kenntnisreiche Bruno Widmer, der sein grosses Weinlicht stets bescheiden unter den Scheffel stellt, obwohl er mit seinem Brancaia die Toscana tief und gross erstrahlen lässt, mir vorschlug, einen jungen Weinmacher in Bordeaux aufzusuchen, reiste ich sofort nach Saint-Emilion. Louis Mitjavile, im Weinberg geboren und fast schon als Rebstock aufgewachsen, empfing mich wortkarg am Flugplatz von Bordeaux. Erst als wir, aus dem Médoc kommend, die Grenzen zum Saint-Emilion überschritten hatten, einem Gebiet, das er besser kennt als jede Westentasche, schien es Louis sinnvoll, zu sprechen, und auch dann nur von dem, was in seinem Leben das bedeutet, was dem Bariton der Don Giovanni: von der Rebe und vom Wein.
«Ein Auto muss leise sein», sagte Louis, als wir an den Ikonen der Premiers Grands Crus classés vorbeiglitten, «damit man sich in Ruhe über die Weinberge unterhalten kann», zu denen er ein so vielschichtiges Verhältnis hat wie zu guten Freunden. Kurz nachdem wir beim Château Figeac vorbeigeflüstert waren, drängte uns eine schnelle deutsche Limousine fast in den Strassengraben. Es war der rasende Weinimpresario Michel Rolland, der seine Beratungsmandate als Önologe schon lange nicht mehr zählt. Giftige Zungen behaupten, aus seinem Armaturenbrett rage eine Batterie von Schläuchen, damit er auch im Auto die Cuvées zusammenstiefeln könne.
Meier-Beerli hatte tausend Fragen an Louis Mitjavile und begann zu ahnen, wie man hier den Weinberg liest. Wir besuchten Reben und Keller seiner Familie und erreichten nach einem Tag, der meine Geschmacksrezeptoren auf neue Gebiete gelockt hatte und staunen und jubilieren liess, das Herzstück der Mitjaviles, Château Le Tertre-Roteb?uf. Was wir hier aus Eichenfässern und aus Flaschen verschiedener Jahrgänge verkosteten - so heisst das doch -, ist nur noch zu vergleichen mit meinem ersten Besuch der Scala von Mailand, wo Verdis «Simone Boccanegra» mit Placido Domingo in der Hauptrolle auf mich eindonnerte.
Für die Familie Mitjavile ist die Weinherstellung eine zenbuddhistische Disziplin. Mit der Bescheidenheit der Wissenden diskutieren sie die Möglichkeit, als Partner in Mendoza mit mir zusammenzuarbeiten. Ein paar Tage später teilt Louis mir mit, dass ihn die Herausforderung, unter völlig neuen Bedingungen Wein zu machen, interessiert, und wir verabreden uns auf einen Dienstag am Nordostfuss der Anden. Eine Woche lang probieren wir dort die Spitzengewächse, aber auch einfache Tischweine, und zum guten Glück für Meier-Flasche befindet Louis Mitjavile, dass man in Agrelo grosse Geister in die Fässer bringt.
So freu' ich mich darauf, einem Künstler bei seiner Arbeit zuzuschauen und in den nächsten hundert Jahren (verrückterweise hoffe ich allen Ernstes, ein Methusalem zu werden) die Demut zu erahnen, die alle grossen Meister adelt, die von den Irrungen und Wirrungen auf dem langen Weg in die Tiefe der wahren Erkenntnis wissen:
Hopp und Snob
Mit Eiswein, Malbec und Merlot
Führt mancher sich das Glas zur Nase
Und rollt die Augen sowieso,
Dann spuckt er in die Blumenvase.
Beim Tasting will er nüchtern bleiben,
So kann er Klasse zeigen
Und nickt dem edlen Saft zum Gruss.
Im Gesicht gar ernst die Miene,
Fliegt er von Blum' zu Blume,
Und fleissig wie die Honigbiene
Trinkt er zum Ruhme.
Tannin sehr gut, meint er kokett
Und spielt den grossen Kenner,
Doch säuft er nur das Etikett
Und bleibt dabei ein Penner.
Nur dass der Penner immer weiss:
Für meinen knappen Heier,
Was ich hier trink', ist eh ein Scheiss,
Als Flasche oder Zweier.
Der Wein ist wie die grosse Kunst:
So mancher Snob hat keinen Dunst.
Dieter Meier ist unter vielem anderen Filmemacher und Sänger von Yello. Er lebt in Zürich und Los Angeles.