NZZ Folio 04/00 - Thema: Russland   Inhaltsverzeichnis

In der Strafkolonie

Im Gefängnis von Kursk sitzen hungrige, vernachlässigte Kinder.

Von Ljudmila Ulitzkaja

Ich lebe in Moskau. In einer grossen Wohnung mit Strom, Gas, Warmwasser, Telefon und Internet. Vor meinem Fenster stehen Bäume, auf den Fensterbrettern hat es kleine Futterhäuschen. Ich kaufe Körner für die Vögel, und mein Mann und ich sehen gern zu, wie sie ängstlich angeflogen kommen und im Flug die Körner aufpicken. Unsere Kinder sind erwachsen und leben nicht mehr bei uns. Mein Mann ist Maler, ich bin Schriftstellerin. Er geht jeden Morgen in sein Atelier zu seinen Bildern und Skulpturen. Ich bleibe zu Hause bei meinen Büchern und meinem Computer. Abends essen wir zusammen. Meist zu zweit, manchmal mit Freunden. Es geht uns sehr gut. Viel zu gut.

Vor kurzem rief mich eine Freundin an, eine Psychologin, und lud mich ein, mit einer Gruppe von Menschenrechtlern in eine Strafkolonie für Minderjährige nach Kursk zu fahren. Ich weiss, wie sehr solche Reisen den Lebensrhythmus durcheinanderbringen. Und ich sitze gerade an einem fast fertigen Buch, es fehlen nur noch dreissig Seiten. Trotzdem sagte ich zu. Denn das Leben draussen ist nicht weniger wichtig als das auf den Seiten meines Buches.

Die Reise dauerte drei Nächte und zwei Tage. Krank und erschöpft kam ich nach Hause. Um wieder zu meinem eigenen Leben zurückkehren zu können, muss ich aufschreiben, was ich gesehen habe. Was habe ich von dort mitgebracht? Eine Liste mit sechzehn Namen - von Waisen, die in der Kursker Kolonie ihre Strafe verbüssen. Sie bekommen nie Päckchen von draussen.

Und noch etwas habe ich mitgebracht: Das Gefühl, dass meine persönliche, meine private Welt auf einer sehr dünnen Schicht ruht, unter der eine wahre Hölle herrscht, die Hölle von Kriegen, Gefängnissen, Krankenhäusern, Kinder- und Altenheimen. Das wusste ich auch vorher, aber das Bewusstsein hat das Bedürfnis, alles zu verdrängen, was seinen Komfort beeinträchtigt. Doch das Leben bringt sich in Erinnerung.

Ich fahre also nach Kursk. Eine russische Provinzstadt. Was fällt mir zu Kursk ein? Die berühmten Kursker Nachtigallen. Mein Schwiegervater hat im Krieg bei Kursk ein Bein verloren. Einer meiner Onkel, ein Offizier, hat nach dem Krieg hier in der Nähe gedient. Ich erinnere mich noch, als ich ein kleines Mädchen war, schickte die Familie ihm Lebensmittelpakete in weisses Leinen eingewickelt, darauf stand mit lila Tinte die Anschrift. Kljuschnikows Lexikon von 1878 weiss über Kursk mitzuteilen: Im 10. Jahrhundert gegründet, an der Mündung der Kura in die Tuskora. 40 000 Einwohner und 100 Fabriken, zwei Gymnasien und ein Observatorium, ein Theater und eine Kreditbank.

Wir sind eine ganze Brigade: Menschenrechtler, Juristen, Psychologen und zwei Schriftsteller, Sergei Kaledin und ich. In Kursk ist gerade «Woche des minderjährigen Strafgefangenen». Wie es auch eine «Woche des indischen Films» gibt.

Offiziell lautet unsere Aufgabe: Informationsbesuch in einer Erziehungskolonie für Minderjährige (14?18 Jahre) und ein Gespräch am runden Tisch. Im Foyer eines Kinos läuft die Ausstellung «Mensch und Gefängnis», eine grauenhafte Ausstellung, von der man unmöglich sagen kann, sie sei «gut». Mit Fotos und Informationen, die man lieber nicht kennen möchte. Hauptanliegen der Aktion ist es, die Öffentlichkeit aufmerksam zu machen auf die schlimme Situation, die den Organisatoren dieser Reise bis ins Detail bekannt ist, mir nur als Ahnung. Unsere Gruppe besteht überwiegend aus jungen Leuten, Kaledin und ich sind wohl die Ältesten. Ausser ihm kenne ich nur noch Marina und Natascha, meine Freundinnen, durch die ich in die Brigade gekommen bin. Doch auch alle anderen gefallen mir auf Anhieb, und das, obwohl ich sonst eigentlich ein ziemlicher Snob bin. Sie alle haben etwas gemein, das ich erst jetzt, nach der Reise, formulieren kann: das mir selbst so vertraute Gefühl der Scham für das eigene Leben, der persönlichen Schuld, wenn man plötzlich konfrontiert ist mit einer so unmenschlichen, höllischen, grenzenlos ungerechten Welt.

Auf einer Ausstellungstafel las ich den Satz eines mir unbekannten Schriftstellers: «Diesem Land sollte man das Erziehungsrecht aberkennen.» Besser kann man es nicht sagen. Die «Mutter Heimat» von dem berühmten Plakat der Kriegsjahre, die den steif ausgestreckten Zeigefinger und Augen wie Pistolenmündungen auf den Betrachter richtet und fragt: «Und was hast du für den Sieg getan?» - sie ist zu einer asiatischen weiblichen Gottheit geworden, die ihre eigene Leibesfrucht auffrisst.

Kursk ist keine schöne Stadt, obwohl sie auf malerischen Hügeln steht, die ein Flüsschen im Tal verheissen. Aber von Kura und Tuskora keine Spur. Aus der im Krieg zerstörten Gouvernementsstadt mit Holzbauten ist ein stalinistisches Zentrum entstanden mit Säulen und Giebeln, ein paar Neubauten und vereinzelten, elegisch wirkenden Holzhäusern aus der Vorkriegszeit.

Wir brachten unsere Sachen ins Hotel und stiegen in den Bus, der uns in die Strafkolonie fahren sollte. Im Bus sassen schon etwa zehn Kursker, ebenfalls Menschenrechtler, Juristen und Psychologen. Damit waren wir nun dreissig Leute, und das war eine etwas zu grosse Gruppe, fanden wir. Dass da ein ziemlich fauler Hund begraben war, erfuhren wir erst später: Die Kursker waren genau wie wir noch nie zuvor in der Kolonie gewesen; man hatte ihnen immer die Genehmigung verweigert. Nur dank der Moskauer Gruppe wurde auch ihnen der Besuch der Kolonie erlaubt.

Vor der langen Fahrt - die Strafkolonie liegt an der Grenze des Gebiets Kursk, zwei Fahrstunden von der Stadt entfernt, zwölf Kilometer vor der Grenze zur Ukraine - wurden wir in die Guin (Hauptverwaltung Strafvollzug) gebracht. Der Begriff war mir neu - früher hiess diese Institution Gulag (Hauptverwaltung Lager). Wir wurden alle in das Büro des Chefs geführt. Er sah aus wie ein westlicher Filmschauspieler, wie Peter O'Toole, schön und männlich. Die Augen aber waren hart, fast feindselig, fand ich. Dieser Mensch ist von vornherein mein Feind, sagte ich mir. Meine Grossväter haben zusammengezählt dreissig Jahre in Lagern gesessen. Der Oberst steht für das Böse. Und ich selbstverständlich für das Gute. Daran gab es nichts zu deuteln.

Er erklärte, wir seien zu viele, für die Besichtigung der Kolonie hätten wir eine Stunde zur Verfügung, wir bekämen alles gezeigt, aber Filmen und Fotografieren sei verboten. Stepan Shiwow, unser Kameramann, machte ein langes Gesicht. Hatte er etwa die ganze Ausrüstung umsonst mitgeschleppt? Wir versuchten zu protestieren. Der Oberst blieb bei seinem strengen Verbot. Wir fuhren los. Ausflugswetter, wie Puschkin es beschreibt: «Mit Frost und Sonne lockt der Tag uns!» Glitzerndes Weiss, Hügel und Anhöhen, die geschundenen Schwarzerdefelder von einer jungfräulichen Schneedecke verhüllt.

Die Strafkolonie ist weder Stadt noch Dorf. Eine Gefängnissiedlung auf kahlem Gelände. Eine ehemalige Berufsschule. Das Ganze hat etwas von einem riesigen Pionierferienlager aus meiner Kindheit. Plakate mit Belehrungen. Wege. Ein Sportplatz.

Wie unterschiedlich doch die Zeit fliesst. In Moskau ist das Jahr 2000 angebrochen, in Kursk herrschen noch die siebziger Jahre, hier in diesem Lager herrscht eine Atmosphäre wie in den Fünfzigern. Dann betreten wir die Aula, in der 250 minderjährige Straftäter sitzen, kahlgeschoren, in schwarzen Wattejacken und Häftlingsmänteln, und da wehen uns die Dreissiger an. 1934 wurde per Gesetz das Mindestalter für die Todesstrafe durch Erschiessen auf zwölf Jahre herabgesetzt. Aber das nur am Rande. Wir leben in humanen Zeiten!

In der Aula spricht zunächst ein ortsansässiger Geistlicher. Er ist ein wunderbarer Greis. Mit seinem bäuerlichen Äusseren und seiner Leidenschaftlichkeit erinnert er an einen russischen Heiligen. Der graue Ratiné-Mantel, unter dem der Saum des groben Priestergewandes hervorschaut, ist mindestens vierzig Jahre alt, und die abgewetzte Ledermütze mit den Ohrenklappen hat bestimmt schon den Krieg miterlebt. Er ist offensichtlich nicht raffgierig. Und stiehlt nicht. Eine erfreuliche Ausnahme unter den wohlgenährten Priestern heutzutage. Er spricht gut, menschlich und verständlich, zum Beispiel über die Liebe zu den Eltern. Nachdrücklich betont er das fünfte Gebot, und ich sehe mir die kahlgeschorenen Kinder an und überlege, wie viele von ihnen aus Heimen kommen, trotz noch lebender Eltern Waisen sind, ungeliebt, verlassen und vergessen. Was für eine unermessliche Liebesfähigkeit muss jedes dieser Kinder aufbringen, um keinen Hass zu empfinden auf Eltern, von denen es geschlagen wurde, verraten, verkauft.

Dann werden die Moskauer Gastgeschenke verteilt. Ein Kugelschreiber, ein Briefkuvert, ein Stück Seife und ein paar Mandarinen. Ausserdem einige Kisten voller Bücher - aber ob sie die lesen werden, ist fraglich.

Darauf wird eine Gruppe zum Essen geführt, und wir sollen sie begleiten. Im Speisesaal riecht es nach richtigem Essen, nicht nach Gefängniskost. Suppe, Hauptgericht und auf dem Glas Tee ein Brötchen. Und vor allem: ein Fleischklops. Höchstwahrscheinlich unseretwegen, zum Vorzeigen. Aber immerhin. Allein das würde unsere Reise rechtfertigen.

Schnell, schnell. Wir werden zur Eile aufgefordert. Wir haben nur eine Stunde, und wir wollen doch noch das Krankenrevier sehen, den Tagesarrest, die Schule, die Schlafsäle. Wir werfen überall einen Blick hinein. Voller Stolz zeigen die Mitarbeiter uns ihren kleinen Landwirtschaftsbetrieb: 160 Hektaren Acker, eine Kuhherde, ein paar Pferde. Im Kuhstall Kälber, drei Tage alt, und eine Sau mit Ferkeln. Die Angestellten erzählen: «Im Sommer haben wir für jeden Häftling anderthalb Liter Milch. Zusätzlich zum staatlichen Budget haben wir fünfzig Prozent Eigenprodukte: Getreide, Milch.» Sie sind stolz darauf, dass sie die Hälfte der Lebensmittelversorgung der Kolonie selbst bestreiten.

Alles ist bestens. Im Krankenrevier liegen Kranke, im Arrest stehen die Delinquenten in Reih und Glied, bereit zum Gespräch. Das ist nur kurz: «Warum bist du hier?» - «Unsittliches Verhalten.» - «Und du?» - «Ich hab mir einen Tauchsieder gemacht.» - «Und du?» - «Na ja, ich habe mich geprügelt.»

Diese Strafkolonie ist ein sogenannt rotes Lager. Das bedeutet, dass Herr im Lager die Administration ist, im Unterschied zu den sogenannt schwarzen Lagern, die von den Kriminellen beherrscht werden. In den roten Lagern sind die Schwächsten und Jüngsten bis zu einem gewissen Grad geschützt. Sie werden regelmässig ärztlich untersucht, jeder blaue Fleck wird kontrolliert. Pädagogen und Erzieher bemühen sich, die brutale Willkür von Vergewaltigung, der die Schwächeren in den schwarzen Lagern ausgesetzt sind, zu verhindern. Das ist übrigens einer der vielen Gründe, warum Gefängnispsychologen so dringend benötigt werden, besonders in Kolonien für Minderjährige. Es gehört zu den Gesetzen des Lagers, dass sich die Administration immer auf eine Gruppe von Häftlingen stützt. In den schwarzen Lagern sind das die Kriminellen, in den roten die Aktivisten.

Freunde von mir mit Lagererfahrung aus mittlerer Sowjetzeit meinen, das eine sei so schlecht wie das andere. Aber ein Aussenstehender, der nur die Statistik sieht, muss zu dem Schluss kommen, dass ein rotes Lager die besseren Überlebenschancen bietet. Zwar ist die Disziplin hier härter, aber Rückfälle, Wiederholungsstraftaten sind nach der Strafverbüssung in einem roten Lager wesentlich seltener.

Unsere Reise durch das rote Lager ist zu Ende. Wir verlassen es, vorbei an einem Plakat: «120 Jahre Strafvollzug». Was soll das heissen? Es lebe? Oder es wird alles überleben? Die uns zugebilligten 75 Minuten sind vorüber. Zurück bleiben Jungen, die noch lange hier sitzen müssen. Verschlossene Jungen und freundliche Aufseher.

Unsere Juristen und Psychologen haben mit keinem einzigen Gefangenen gesprochen. Dazu war keine Gelegenheit. Ihre Bitte, das am nächsten Tag zu ermöglichen, wird erneut abgelehnt. Dafür haben sie mit dem Personal gesprochen. Es ist nicht in einer beneidenswerten Situation. Es ist ihnen nicht gegeben, mit fünf Broten viertausend Menschen satt machen zu können, sie verfügen über keine Wunderkräfte. Aber mit ihrer Kleinwirtschaft verdoppeln sie die vom Staat für den Unterhalt des Lagers zur Verfügung gestellten 69 Kopeken pro Tag und Häftling. Natürlich arbeiten die Jungen in diesem Betrieb. Aber die Angestellten auch. Die Heuernte und der Grossteil der Feldarbeit wird von ihnen geleistet.

Die Aufseher brauchen psychologische Betreuung genauso dringend wie die Häftlinge. Das wundert uns nicht. Erstaunlich ist aber, dass der örtliche Guin-Chef darüber spricht. Er war in England, um dort die Organisation ähnlicher Einrichtungen kennenzulernen, und diese Erfahrung hat offenbar einen unvergesslichen Eindruck auf ihn gemacht.

Die Aufseher haben ebenso wie die Häftlinge Probleme mit der medizinischen Versorgung - anders als für Angehörige der Armee oder des Innenministeriums gibt es für sie keine speziellen Gesundheitseinrichtungen. Die Aufseher sind ebenso wie die Häftlinge eine Art Menschen niederer Klasse. Die Gesellschaft begegnet ihnen mit Misstrauen und Verachtung. Berufliche Perspektiven gibt es keine für sie. Der Verdienst ist gering, die Arbeit schwer und selten befriedigend.

Natürlich sind wir nicht gekommen, um die Aufseher zu bedauern, sondern um zu erfahren, wie man den minderjährigen Häftlingen helfen kann. Aber ich muss gestehen, dass mein vorurteilsvoller Hass auf diese Leute sich abgekühlt hat. Auch sie möchten, dass weniger Menschen ins Gefängnis kommen und dass die Häftlinge besser behandelt werden.

Zweifellos trägt irgend jemand die Verantwortung für die übermässige Härte des Strafvollzugs, aber möglicherweise liegt der Hauptgrund nicht in der Guin, sondern in der miserablen Gesetzgebung, im miserablen Strafverfolgungssystem, in der miserablen Justiz. Hier, im Gefängnis, lädt der Staat seine Abfälle ab. Und es gibt keine Struktur, die sich darum kümmert, dass die Abfälle weniger werden, dass Menschen, die einmal ins Gefängnis geraten, durch die Haft nicht physisch und moralisch verkrüppeln.

In unserem Land, in dem alle stehlen, sitzen fast 70 Prozent der minderjährigen Häftlinge wegen Diebstahls. Die meisten dieser Diebe sind hungrige, verlassene, vernachlässigte Kinder. Ein gestohlenes altes Fahrrad; zehn Flaschen Bier und zwei Kilo Kekse aus einem Kioskeinbruch; drei Hamster aus einer Tierhandlung - dafür bekommen sie eine Haftstrafe. Und sind damit in der Regel für die Gesellschaft verloren. Allein im Gebiet von Kursk sitzen rund fünfhundert minderjährige Häftlinge.

Bei uns muss man im grossen Stil stehlen: einen Betrieb, eine Stadt, eine Bank, eine Million von irgend etwas, dann kommt das Gesetz an den Dieb nicht heran. Aber drei Hamster, damit wird die Justiz fertig, und so stürzt sie sich mit ihrer ganzen Macht auf einen Vierzehnjährigen. Über all diese Dinge reden wir bis spät in die Nacht. Sergei Kaledin und ich sind ganz verstört von den Geschichten über die Wasjas und Serjoschas, von den Briefen der Kinder, die wir lesen, von den Schicksalen und Zahlen. Die schlimmste Zahl ist die 19. Aber das erfahren wir erst am nächsten Tag.

Der runde Tisch ist wirklich rund. In der Mitte steht eine rosa Kunstblume. Darum herum sitzen lokale Beamte, Angehörige der Guin, Menschenrechtler aus Kursk und Moskau und der Kursker Metropolit Juvenali. Ljudmila Karnosowa, Juristin aus dem Institut für Staat und Recht, eröffnet die Veranstaltung. Die meisten Beiträge sind im sowjetischen Stil gehalten, sattsam bekannte stereotype Formulierungen. Es sprechen Beamte, der stellvertretende Gouverneur, ein Kursker Menschenrechtler. Kein einziges lebendiges Wort. Schliesslich meldet sich eine schöne, ziemlich junge Frau, Hauptmann der Miliz. Sie leitet die Sammelstelle für von der Miliz aufgegriffene obdachlose Kinder. Auch sie spricht stereotyp, doch plötzlich gerät sie ins Stocken, wird rot und weint beinah.

«Helfen Sie uns! Ich habe zur Zeit zwanzig hungrige Kinder. Nach Hause bringen können wir sie nicht, dafür brauchten wir 33 000 Rubel, und wir haben kein Geld. Wir haben gerade mal 19 Rubel pro Kind für Lebensmittel.» - «Am Tag?» - «Nein, im Monat.» (In einem Moskauer Tierhotel, wo man seine geliebte Katze oder seinen Hund unterbringen kann, kostet die Verpflegung zwischen 90 und 120 Rubeln am Tag.)

Der runde Tisch setzt seine Arbeit fort, doch wir sammeln einen ersten Geldbetrag, fahren mit einem Miliz-Jeep zu einem Lebensmittelgeschäft, kaufen Zucker, Butter, Büchsenfleisch, süsse Kondensmilch.

«Vielleicht ein bisschen Käse?» schlage ich vor.

«Käse?» fragt eine Menschenrechtlerin aus Kursk erstaunt, und ich begreife, dass ich etwas Dummes gesagt habe. Denn ein Kilo Käse kostet 80 Rubel und ist damit für die Kinder genauso ein Luxus wie schwarzer Kaviar.

Zehn Minuten später sind wir bei der Sammelstelle. Das Gebäude ist halb verfallen. Zwanzig kleine Ausreisser sitzen in einem kleinen Raum vor dem Fernseher. Der kluge Stepan Shiwow hat dreissig Tafeln Schokolade gekauft, die wir gleich an die Kinder verteilen, schliesslich können wir ihnen ja keinen Zucker in die Hand schütten. Die Leiterin hat uns gebeten, keinen Würfelzucker zu kaufen, denn den nehmen sich die Kinder gegenseitig weg; Streuzucker im Tee ist sicherer.

Die Kinder sind zwischen zwölf und vierzehn Jahre alt, meist sind es Jungen. Doch es sind auch Jüngere darunter - der magere Kleine mit Wasserkopf ist etwa acht. Die meisten sind Ausreisser aus Familien von Alkoholikern, sie wurden von den Eltern geschlagen. Psychologische Betreuung bekommen sie hier nicht. Und wer kann ihnen überhaupt helfen, diesen Kindern, deren eigene Eltern sie nicht wollen? Wenn die Eltern benachrichtigt werden, dass ihr Kind aufgegriffen wurde, bringen sie oft nicht die Mittel auf - Geld, Zeit, Liebe -, es abzuholen. Manche Kinder verbringen hier bis zu vier Monate. Dabei ist der Ort für einen längeren Aufenthalt völlig ungeeignet. Drei kleine Schlafräume, vergittert, mit einem Schloss an der Tür. Damit sie nicht wieder weglaufen, werden die Kinder nachts eingeschlossen.

«Wir haben eine Grippeepidemie, und ich habe keine einzige Tablette. Und das städtische Krankenhaus nimmt meine Kinder nicht auf», sagt die Leiterin und weint fast. «Schicken Sie mir, wenn's geht, wenigstens Grippemittel.» Die Betten in einem der Schlafräume stehen dicht an dicht, ohne Durchgang dazwischen. Für Nachtschränkchen ist kein Platz. Der zweite Schlafraum ist eigentlich der Kesselraum, die Betten stehen neben den heissen Rohren.

«Ins Kinderheim können wir die Kinder nur einweisen, wenn die Eltern offiziell auf ihr Erziehungsrecht verzichten, aber das braucht Zeit, und die haben Alkoholiker nicht», sagt die Leiterin der Sammelstelle. «Es ist eine völlig ausweglose Situation.»

Am späten Abend verlassen wir Kursk. Wir haben nur wenig tun können. Eigentlich nichts. Aber wir werden wiederkommen, das haben wir uns geschworen. Unsere Psychologen und Juristen werden schliesslich doch zu den Jungen der Erziehungskolonie gelangen. Auch unsere Pakete werden sie erreichen. Wir können nichts verändern. Aber wir werden unseren Groschen in das Fass ohne Boden werfen. Ich einen. Du einen. Er einen. Das wird die Welt nicht verändern, aber vielleicht verändern wir selbst uns ein wenig. Und dann wird sich auch unser menschenverachtender Staat verändern.

Kein Geld. Kein Geld. Kein Geld - es ist ein ewiger Refrain.

Geld ist nicht da und wird auch so bald nicht da sein. Unser Staat ist mit anderen, wichtigeren Dingen befasst: Wie werden wir wieder gross und mächtig? Wie können wir allen zeigen, was eine Harke ist? Wie die anderen zu Respekt zwingen?

Eine Kugel kostet 50 Cent. Der monatliche Unterhalt in der Kindersammelstelle 70 Cent. Eine MP-Salve soviel wie die dürftige Beköstigung aller Kinder der Kursker Sammelstelle im Monat. Ein einziger Schützenpanzerwagen verschlingt das Budget einer ganzen Strafkolonie.

Der Krieg in Tschetschenien, von unserer Regierung bescheiden als Anti-Terror-Aktion bezeichnet, richtet sich in erster Linie gegen das eigene Volk, gegen die Ärmsten und Wehrlosesten. Es ist ein Krieg gegen die obdachlosen Kinder, gegen die Rentner und die Kranken, gegen die Bewohner von Alten- und Kinderheimen. Ein hocheffektiver Krieg, denn jede Granate, auch wenn sie keinen Terroristen trifft und kein tschetschenisches Haus zerstört, trifft dennoch ins Ziel. Ein gewaltiges, stummes, unwissendes und unendlich unglückliches Ziel - das eigene Volk.

Ljudmila Ulitzkaja ist Schriftstellerin und lebt in Moskau. Ihr letztes auf Deutsch übersetztes Buch ist «Ein fröhliches Begräbnis», Berlin, 1998.


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