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NZZ Folio 05/09 - Thema: Do it yourself   Inhaltsverzeichnis

Beim Coiffeur -- Ich wollte immer in eine grosse Stadt

© Hsinmei Chuang, Shanghai
Min Tao, Schanghai, China Linktext
Den Senioren aus der Nachbarschaft schneidet Min Tao aus Schanghai die Haare am 15. jedes Monats kostenlos. Einmal Haareschneiden, bitte!

Von Hsinmei Chuang

Min Tao, Schanghai, China, ist 30 Jahre alt, verheiratet und hat einen 3-jährigen Sohn. Er stammt aus der Provinz Anhui. Mit seiner Frau, einer Kosmetikerin, wohnt Min Tao in einer 2-Zimmer-Wohnung, sie zahlen 120 Franken Miete. Ihr Sohn lebt bei den Schwiegereltern auf dem Land. Als leitender Coiffeur arbeitet Tao an sechs Tagen die Woche von 9 bis 9 und verdient 600 Franken im Monat. Da es in China üblich ist, Angestellte am Arbeitsplatz zu numerieren, wird Tao «Qige» genannt, «der siebte Bruder». Kunden sprechen einen Coiffeur mit «Shifu» an, was «Meister» bedeutet.

Welcher Haarschnitt ist im Moment angesagt?

Bei den jungen Männern sind es Frisuren mit einer sanften Dauerwelle – wie in den koreanischen TV-Serien. Auch gefärbte Haare sind beliebt, vor allem dieser Braunton.

Haben Sie eine spezielle Methode?

Ja. Ich arbeite nach Pivot-Point, das ist eine aus Chicago stammende internationale Schönheitsakademie – sehr teuer, aber gut. Da geht es nicht nur um das Handwerk, sondern auch um die richtige Einstellung zur Dienstleistung.

Warum sind Sie Coiffeur geworden?

Nach der Schule wollte ich in eine grosse Stadt gehen. Meine Schwester hatte damals ein Geschäft in Peking, doch das mussten wir leider schliessen. Da ich mich schon immer fürs Frisieren interessiert habe, schrieb ich mich bei einer Schule in Peking ein. Meine Familie hat mich sehr unterstützt.

Haben Sie dort Ihr Handwerk erlernt?

Nein, die Schule war nicht sehr gut. Zum Glück habe ich dort einen Lehrer kennengelernt, der einen Haar­salon besass. Bei dem konnte ich ein zweijähriges Praktikum absolvieren. Ich habe zwar nichts verdient, wurde aber verköstigt.

Was sind Ihre Zukunftspläne?

Ich möchte einen eigenen Salon eröffnen. In einer Stadt wie Schanghai. Hier ist gutes Aussehen wichtig. Ich werde nicht nach Anhui zurückkehren. Meine Eltern sind pensionierte Bauern. Ich habe für sie ein Haus auf dem Land gebaut und besuche sie einmal pro Jahr.

Haben Sie viele Stammkunden?

Ja, die meisten sind Büroangestellte, mehr Frauen als Männer. Frauen haben gutes Benehmen, stellen aber gleichzeitig höhere Anforderungen.

Welche Reaktionen erleben Sie?

Ab und zu bekomme ich ein kleines Geschenk. Es ist ein tolles Gefühl, wenn die Kunden glücklich sind.

Welche Art Kunde ist die grösste Herausforderung für Sie?

Keine Herausforderung ist zu gross.

Haben Sie prominente Kunden?

Da das Schanghaier Musikkonservatorium in der Nähe liegt, kommen viele Musiker und auch viele Professoren zu mir.

Wem würden Sie gern die Haare schneiden?

Meinem Sohn! Er ist schon 3 Jahre alt, aber ich habe ihn bisher nur vier Mal gesehen: bei der Geburt und danach einmal pro Jahr. Er lebt bei meinen Schwiegereltern in Sichuan. Glücklicherweise kommen sie uns bald besuchen.

Haben Sie sich schon einmal geweigert, einen Wunsch auszuführen?

Ja und nein. Ich bespreche die Frisur mit meinen Kunden. Manchmal gibt es Leute, die unbedingt eine unpassende Frisur wollen. Ich warne sie vor dem Resultat, folge aber letztlich ihrem Wunsch. Die meisten bereuen es nachher. Dann versuche ich die Frisur doch noch zu retten.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Stadt?

Das Wetter ist milder als in Peking. Die Wirtschaft und die soziale Ordnung sind gut. Es ist modisch hier, und es gibt ein spannendes Nachtleben. Nur die Schanghaier Küche ist zu süss.

Was gefällt Ihnen an diesem Stadtteil?

Der Haarsalon befindet sich im Stadtzentrum. Die Kunden können sich gute und schöne Sachen leisten. Viele Leute scheinen die alten Gebäude aus der französischen Zeit sehr zu schätzen, aber ich verstehe nicht viel davon.

Wie verbringen Sie Ihren Abend?

Nach der Arbeit treffe ich meine Frau, die in einem Salon in der Nähe arbeitet. Wir gehen zusammen etwas Kleines essen, sehen noch kurz fern. Manchmal besuchen wir mit Freunden auch ein Karaoke-TV oder eine Bar.

Wo machen Sie Ferien?

Ich habe zweimal etwa sieben Tage frei: einmal während des chinesischen Neujahrs und einmal im Sommer. Wir besuchen entweder meine Eltern in Anhui oder meine Schwiegereltern in Sichuan, die Fahrt dorthin dauert 30 Stunden.

Spüren Sie die Finanzkrise?

Überhaupt nicht. Meine Kunden kommen wie immer. Ich frage mich manchmal, ob diese Krise nur ein Witz sei.

Hsinmei Chuang ist Kulturmanagerin; sie lebt in Shanghai.


Qidian Zaoxing
Der «Startpunkt-Styling-Salon» liegt im Zentrum von Schanghai. Es ist ein Mittelklasse­salon mit einem einfachen Tagesspa.

Preis für durchschnittlichen Haarschnitt
Herren zahlen 6, Damen 10 Franken. Am 15. jedes Monats erhalten die Senioren der Nachbarschaft kostenlos einen Schnitt.

Volksrepublik China
Einwohner: 1,3 Milliarden
BIP pro Kopf: 2500 Fr.
Milch: 1 Liter 1.20 Fr.
Brot: 1 kg 2 Fr.
Kinobillett: 6Fr.
Zigaretten: 1 Fr.
Taxi: 10 km 5 Fr.

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