SCHIER SECHZIG JAHRE währt nunmehr mein Erdenwallen, fast die Hälfte dieses Weges haben mich Katzen begleitet: Hauskatzen und Vagabunden, eigene Katzen und Pflegekatzen, Katzenmütter, Katzenkinder und Kater. Almut Gernhardt, meine verstorbene Frau, malte am liebsten Katzen, unsere und fremde; ich schaute mir ihre Bilder gut an und liess mich von den Dargestellten zu Gedichten anregen: «Stumm liegt die Katze auf dem Tisch und denkt an einen Räucherfisch . . .» So entstanden in den siebziger Jahren einige Kinderbücher, in den Achtzigern drängte es mich, auch Erwachsenen darüber zu berichten, was Katzen mich gelehrt hatten: «Von einer Katze lernen / heisst siegen lernen. / Wobei <siegen> locker durchkommen meint, / also praktisch liegen lernen.»
Und in den Neunzigern schliesslich glaubte ich mich reif, die Summe meiner Katzenerfahrungen ziehen zu können, indem ich in die Rolle und die Seele der Katze Schimmi schlüpfte, um ihre tiefsten Geheimnisse auszuplaudern. «Was deine Katze wirklich denkt» war das Büchlein überschrieben - aber warum erzähle ich das alles eigentlich?
Um zu belegen, dass ich sie beide kenne, die hochgemuten Katzen und den Hochmut, mit welchem die Katzenfreunde auf alle anderen Tierbesitzer hinunterschauen, allen voran auf die «Hundehalter». Wo doch das Pendant «Katzenhalter» undenkbar ist: Katzen kann man beherbergen, lieben, verehren - halten, beherrschen, gar gängeln lassen sie sich nicht, und gern suggerieren Katzenfreunde, dass es um sie ebenso bestellt sei: «Ich könnte nie einen Hund halten. Ich will keinen Gehorsam» - ergänze: Weil ich selber niemandem Gehorsam zu leisten willens bin.
Gern rühmen sich die gewöhnlichen Katzenfreunde der berühmten Mitglieder ihres Ordens: Lichtenberg! Baudelaire! Hemingway! Alle unangepasst, alle Künstler!
Natürlich gibt es auch prominente Hundefreunde. Sie heissen bezeichnenderweise Friedrich der Grosse, Bismarck und Adolf Hitler, und ihnen steht überdies die Phalanx entschiedener Hundefeinde gegenüber. Während ich berühmte Katzenfeinde nicht zu nennen wüsste, fällt mir auf Anhieb gleich eine Handvoll bekennender Hundegegner ein: Nietzsche und Tucholsky, Benn und Goethe, der nicht nur den Teufel als des Pudels Kern outet, sondern gleich zwei verhasste Lebewesen auf einen Streich zu erledigen empfiehlt: «Schlagt ihn tot den Hund, er ist ein Rezensent.» Der fünfte aber erhob seine Hundefeindschaft in den Rang einer Glaubenswahrheit: Dass die Engel jene Häuser meiden, die Bilder oder Hunde beherbergen, lehrte Mohammed - aber warum referiere ich das nun wieder?
Weil mich kein Engel mehr besuchen wird. Bilder gab es in meinem Haus schon immer, der Hund hat sich vor zwölf Monaten dazugesellt. Die Hündin, besser gesagt. Bella, denn so wird sie gerufen. Bella Hauser, um sie bei vollem Namen zu nennen. Was war da passiert?
WIR SCHREIBEN den 13. Dezember 1995. G., so nennen wir einen Schriftsteller etwas jenseits der allerbesten Mannesjahre, atmet auf. Die Tage zuvor hat er im feinen Badehotel Terme di Saturnia zugebracht und für einen Artikel recherchiert, nun, am letzten Tag ihres Aufenthalts, sind er und seine Begleiterin, nennen wir sie L., aller Pflichten ledig. Anderntags soll es wieder nach Florenz und weiter nach Frankfurt gehen, heute aber steht ein kleiner Ausflug auf dem Programm - schliesslich ist der 13. G.s Geburtstag, und da L. den Wunsch geäussert hat, wenigstens einmal das nahegelegene Meer zu sehen, steuert G., der sich in der Gegend etwas auskennt, den Wagen in Richtung des Monte Argentario, laut italienischer Landkarte ein «promontorio», also ein Kap, für den unbefangenen Blick jedoch eher eine durch drei schmale Landzungen mit dem Festland verbundene Insel. Welche dieser Landbrücken soll er wählen? Nach kurzem Schwanken entscheidet sich G. für den «Tombolo della Gianella», den seiner Erinnerung nach einsamsten und naturbelassensten Übergang.
Im Sommer waren natürlich auch dort die zahlreichen Parkplätze längs der Dünen, die die Strasse vom Strand trennten, gut gefüllt bis überfüllt gewesen, aber heute ist keine Menschenseele unterwegs. Kein Wunder bei dem Wetter. Unerwarteter Wintereinbruch, Schneefall ab dreihundert Meter, kalter Sprühregen in den Niederungen - keinen Hund möchte man vor die Tür jagen. Nur mal kurz geparkt - hier? Zu viele Pfützen, nehmen wir den nächsten Parkplatz, schnell eine Düne erklommen, ein rascher Blick aufs Meer, und dann irgendwohin, wo es Wärme, Wein und weisse Tischtücher gibt - es sollte anders kommen. Noch bevor G. ausgestiegen war, hörte er L. klagen: «Das musste mir passieren!», und kurz darauf sah er, was da passiert war: Vor ihnen sass ein mittelgrosser, dunkler Hund, der sie schweifwedelnd anblickte.
Das sagt sich so leicht: Hund. G. hatte in seinem Leben schon viele streunende, von einem Hundeleben gezeichnete Köter gesehen, im Innern Griechenlands, an den Stränden der Türkei, in Nordafrika und an asiatischen Küsten - eine solche Kreatur kannte er lediglich von Bildern. Pieter Breughel d. Ä. hatte vergleichbare Unglücksgestalten auf seinem «Triumph des Todes» gemalt, so gut wie skelettierte Hunde begleiten da die Skelette der siegreichen Todesschwadronen. Dass das da noch lebte! Jede Rippe, jeder Rückenwirbel, jeder Schwanzwirbel schliesslich war bestens zu sehen - was da wedelte, bestand nur noch aus Haut und Knochen. Und aus Augen, gross, feucht, erwartungsvoll: Da seid ihr ja endlich! Und nun tut was!
Aber was? «Halt den Hund hier fest, ich fahre in den nächsten Ort und kaufe ihm was zu fressen», schlägt G. vor. «Und wer fährt morgen?» fragt L.
Was tun? Die Carabinieri scheiden aus - die Polizei würde die moribunde Fundsache zum Hinterausgang hinaus entsorgen. Tierschutzverbände, Tierheime - gibt es hier so etwas überhaupt? Schon wird es dunkel, der Regen verdichtet sich, L. öffnet die Wagentür, und die erbärmliche Kreatur springt anstandslos in den feinen Leihwagen. «Brava!» sagt G., da er es mit einer Italienerin zu tun hat. «Bella!» korrespondiert L. Wohin mit Bella? Da besinnt sich G. darauf, dass er ja in diesem Luxushotel für eine hochangesehene Zeitung tätig ist und dass man Leute seines Schlages mit ihren Problemen nicht so einfach allein lässt. Nun aber hat er eines, von dem er hofft, dass Barbara es zumindest teilen wird.
Barbara ist die Pressedame des Hotels Terme di Saturnia, doch an diesem Abend kommt sie G. eher wie eine Fee vor. Sie hört ihm ruhig zu und kehrt nach kurzem Telefonat mit dem Bescheid zurück, dass ihr Freund zufällig Tierarzt sei, im Nachbarort wohne und den Hund zumindest für die nächste Nacht aufnehmen werde: «Seien Sie unbesorgt, nach Dienstschluss bringe ich Sie nach Semproniano.»
Und dort ereignet sich in tiefster Dunkelheit und bei leichtem Schneetreiben ein Geburtstags- und Adventswunder, dessen einziger Makel darin besteht, dass es nicht von Musik unterlegt ist, etwa von der berühmten gebellten Fassung des Weihnachtsliedes «Jingle Bells»: Vor dem einzigen hellen Eingang der Hauptstrasse halten die beiden Wagen an, G. greift die federleichte Bella und trägt sie in den Behandlungsraum, wo Dottore Marco Aloisi bereits alles vorbereitet hat, Infusionen, Injektionen und andere Interventionen.
Wie sie sich revanchieren könnten, wollen L. und G. wissen. «Indem Sie etwas für die Wiederansiedlung des Schopfgeiers in der Maremma spenden», antwortet der Doktor. «Aber nur, wenn Sie wollen. Der Hund wird hier so oder so gesundgepflegt. Seien Sie unbesorgt.»
Bevor es tags darauf nach Frankfurt zurückgeht, überreicht G. der bereits wieder hochbeschäftigten Barbara einen Umschlag. Sein Inhalt: eine Summe Geldes und ein Brief, der, obzwar in wackligem Italienisch verfasst, jene opernhafte Melodramatik atmet, die G. seiner Muttersprache schwerlich entlockt hätte: «Versuchen Sie das Tier zu vermitteln, doch bitte nur in beste Hände. Wir fühlen uns ab jetzt für dieses Geschenk des Schicksals verantwortlich.»
Irgend jemand muss solche Rhetorik wörtlich genommen haben - der Doktor Aloisi? Das Schicksal persönlich? -, auf jeden Fall wurde Bella acht Monate lang nicht vermittelt. Der gewohnte Frühsommeraufenthalt in Italien fiel wegen einer Operation aus, verlegen teilte G. dem Tierarzt mit, er wisse nicht, wann er wieder auf den Beinen sein werde. «Seien Sie unbesorgt», lautete dessen Antwort. «Und wie ist Bella so?» «Hochintelligent und liebenswert.» «Vielleicht kann ich im Herbst kommen. Aber wenn sich jemand Seriöses findet . . .» «Seien Sie unbesorgt.» «Vielen Dank. Wir melden uns wieder.»
So redet keiner, der unter allen Umständen einen Hund haben will, und das wollen G. und L. auch gar nicht. Die Frankfurter Wohnung teilen sie mit dem Kater Billie, das toscanische Bauernhaus mit Freunden und fest akkreditierten Katzen - durfte ein Hund diese seit Jahren eingespielte subtile Balance stören, musste er sie nicht ruinieren? «Abgemacht. Wir holen Bella ab. Wir behalten sie auf jeden Fall den September über in Montaio. Wir nehmen sie im Oktober mit nach Frankfurt. Aber wenn Billie nicht mit ihr kann, muss sie ins Tierheim», sagte L. bestimmt.» «So machen wir das», sekundierte G. Und mit diesen Worten brachen sie am 31. August 1996 nach Semproniano auf.
Machen wir es kurz: Die Geschichte, die so märchenhaft begonnen hatte, ging anfangs wie im Märchen weiter. Bella war nicht wiederzuerkennen - statt eines Skeletts in schäbigem Braun sprang uns ein schwarzglänzender Bilderbuchjagdhund entgegen. «Ein fast reinrassiger Pointer», sagte der Doktor und freute sich unseres Erstaunens.
Es sollte nicht das einzige dieses Tages bleiben. Nachdem wir die ärztlichen Impfbestätigungen entgegengenommen hatten, wollten wir Bella die kurz zuvor erstandene Leine umlegen. «Die kennt sie noch nicht, Bella hat die acht Monate im Zwinger gelebt», gab der Doktor zu bedenken. Bella liess sich die Leine umlegen, doch bald stellte sich heraus, dass sie weitere Wissenslücken aufwies.
Der erste gemeinsame Spaziergang sollte uns auf den Burgberg von Semproniano führen, Bella aber scheute, als der bis dahin sanft ansteigende Weg in eine Treppe überging: Sie kannte offenbar keine Treppenstufen. Kurzentschlossen trug ich das Tier, was jedoch die Kritik einiger Italiener hervorrief, die das Mittagessen vor ihrem Hause einnahmen: «Der Hund kann von alleine laufen!» Verärgert setzte ich Bella ab, die trotz kräftigem Leinenzug jeden weiteren Schritt verweigerte: «So seh'n Sie doch - nichts kann sie!» «Strana creatura!»
DAS ALLES ist nun ein Jahr her, Zeit für eine Zwischenbilanz. Ja, Bella ist noch immer bei uns. Billie hat sie misstrauisch, aber gefasst aufgenommen. «Das Bett, äh Boot ist zwar voll, aber man ist ja kein Untier . . . », und uns Menschen darf es erlaubt sein, dem Hunde nach einem Jahr des Zusammenlebens ein erstes Zeugnis auszustellen. Bella, sitz! Und hör gut zu! Denn das sind deine Zensuren in
Schönheit: Einem geschenkten Hund schaut man nicht in den Mund - da ich Bella gegenüber in diesem Punkt befangen bin, zitiere ich lieber den Hundekenner Fiorenzo Fiorone, Verfasser des Fachbuchs «Jagdhunde international». Bella, du hörst jetzt bitte weg: «Im Pointer finden sich in höchster Vollendung alle Eigenschaften, die man von einem Vorstehhund verlangen kann. Der anatomische Bau ist von geradezu statuarischer Reichhaltigkeit physischer und psychischer aufs höchste entwickelter Fähigkeiten, die ihm mit Recht den ersten Rang unter den Vorstehhunden verschafft haben.» Gesamtnote: sehr gut.
Sozialverhalten: sehr gut. Bella geht furchtlos, unaggressiv und neugierig auf andere Hunde und Menschen zu und veranlasst das leineführende Herrchen, nolens volens das gleiche zu tun. Wer zählt die Hunde meines Viertels oder der Ginnheimer Wiesen, die ich alle mit Namen zu rufen weiss, Rolf und Anka, Jerry und Violetta, Max und Xandi . . . Und wie viele dazugehörige Menschen habe ich kennengelernt - allerdings ohne einen Namen nennen zu können: Hundehalter kommunizieren halt über Hunde. In wie viele Schicksale habe ich geblickt, regelrechte Abgründe! Wie sehr sind die Hundehalter in meiner Achtung gestiegen, vor allem all die liebevollen Frauchen, die mit sicherem Blick das scheinbar unvermittelbarste Hundchen aus dem Tierheim erwählen: haarlos, taub, fett, ängstlich, nicht ganz stubenrein und leider manchmal ohne Anlass bissig. Moderne Heilige sie alle - wann trägt der Vatikan dem Rechnung?
Intelligenz: sehr gut. Anders hätte jemand wie Bella nicht überleben können - schon dass es ihr gelungen ist, uns zu finden! Davor muss sie sich an nahrungverheissende Frauen mit Einkaufstüten gehalten haben, Wesen, die nach wie vor eine magische Anziehungskraft auf sie ausüben, was meine Intelligenz manchmal auf eine harte Probe stellt: Wie macht man einer schreckstarren Frau aus grösserer Entfernung auf die Schnelle klar, dass der schwarze Hund, der da auf sie zugeschossen kommt, dies in der freundlichsten Absicht der Welt tut? Und nun springt Bella auch noch an ihr hoch! Wie vermeidet man da den Zuruf, den ich in meiner Vorhundezeit immer dann gehasst habe, wenn ein Hund auf mich zugerast kam, indes das Herrchen lachend versicherte: «Der tut nichts!»?
Anpassungsfähigkeit: sehr gut. Schon nach der ersten Woche unseres Zusammenseins hatte Bella es geschafft, dass wir uns ihren Bedürfnissen anpassten. Mit Gähnfiepen, das in Gähnjaulen übergehen konnte, verkündete sie den Tagesanbruch; nach dem Frühstück stand der morgendliche Ausgang auf dem Programm, der mich die seit fünfundzwanzig Jahren scheinbar bestens bekannte Landschaft neu sehen lehrte: Wie viele wunderschöne Ölbaumterrassen ich noch nicht abgegangen war, wie viele abenteuerliche Wege ich noch nie eingeschlagen hatte!
«Viel Bewegung» hatte mir der Arzt nach der Operation empfohlen - was hätte mir Besseres widerfahren können als diese Bewegungstherapeutin, die in Italien unerbittlich den Morgen- und Abendgang einklagt, einbellt und einjault, und die uns in Frankfurt Tag für Tag dazu bringt, bei jeder Witterung vier Treppen runter- und raufzusteigen, von den Spaziergängen ganz zu schweigen?
Treue und Wachsamkeit: sehr gut. Bella fordert seit Jahr und Tag treu und brav ihre Mahlzeiten ein und achtet sodann wachsam auf die Vorgänge am Esstisch ihrer Herrschaften - es könnte ja eine Käsescheibe herunterfallen. Auch Einbrecher würde sie durch wachsames Bellen vertreiben - sie müssten freilich zuvor klingeln. Auf Fremde, die unangemeldet die Wohnung betreten, reagiert sie nicht oder mit Schwanzwedeln.
Lebensfreude: Dass es keine Steigerung von «sehr gut» gibt! Die «gewöhnliche Gangart des Pointers» ist laut Fiorenzo Fiorone «ein stürmischer, gestreckter Renngalopp», und hat sich die glatthaarige, schwarzglänzende Statue erst mal in Bewegung gesetzt, dann tut sie das derart unbedingt, dass es selbst eingefleischten Hundehassern warm ums verhärtete Herz werden müsste. Da Bella es nie gelernt hat, zu jagen, läuft sie um des schieren Laufens willen, wobei ihr kein Gelände zu schwierig ist und sie keine Kapriole auslässt, weder an den steilen Ölterrassen noch im dichten Unterholz längs des Baches.
Nicht einmal vor ausgemachten Albereien schreckt diese unbändige Bewegungslust zurück: Niemand kann mir einreden, Bella wisse nicht um die komischen Wirkungen gewisser rasend schneller, drehwurmartig immer enger gezogener Spiralläufe oder bestimmter Spielchen mit entweder viel zu kleinen Dackelpartnern oder viel grösseren Gefährten, vom Retriever aufwärts. Der Katzenfreund fühlt sich an die Kaspereien junger Katzen erinnert, doch auch wenn sein Blick auf die hingebungsvoll ruhende Bella fällt, kann er sich katzenkennerischen Lobs nicht enthalten: «Pennt wie weiland Pumper!»
Gehorsam: Tja . . . hm . . . Aus alldem dürfte bereits eines hervorgegangen sein: Bellas Gehorsam ist nicht der beste. Aber er hat sich gebessert! Wohlmeinende Freunde hatten uns zu Beginn aufs Schlimmste vorbereitet: Die lernt nie mehr um! Was aber mochte dieser Hund, der da aus der Kälte gekommen war, zuvor gelernt haben? Der Findling Kaspar Hauser hatte wenigstens einen Zettel bei sich: «Ich möchte ein Reiter wern, wie mei Vater einer gwen ist.» Kein vergleichbarer Schrieb bei Bella: «Ich möchte eine Jägerin wern, wie mei Mutter eine gwen ist.»
Das Rätsel von Bellas Herkunft wird auf immer ungelöst bleiben, nicht aber das Rätsel ihrer Unarten: «Nahezu alle Probleme mit Hunden haben ihre Ursache in ungeklärten Dominanzverhältnissen», schreibt der Hundekenner Eric W. Aldington in seinem Ratgeber «Was tu ich nur mit diesem Hund». Bellas Fehler sind demnach unsere Fehler, und die lassen sich korrigieren, wenn wir nur hart genug an uns arbeiten und mit eiserner Konsequenz - mach einer was dagegen. Immer wenn ich an diesem Punkt meiner bussfertigen Überlegungen angelangt bin, denke ich im stillen: «Scheiss der Hund drauf. Eigentlich hat die unerzogene Bella all jene Qualitäten, die ich als Katzenfreund so an meinem Purzelchen schätze: Freiheitsliebe, Unangepasstheit, Eigensinn usw . . .» Nur dass man eine Katze nicht viermal am Tag Gassi führen muss.
Der Schriftsteller Robert Gernhardt lebt in Frankfurt und in der Toscana. Sein jüngstes Buch, «Lichte Gedichte», ist soeben bei Haffmans erschienen.