NZZ Folio 02/00 - Thema: Im Netz   Inhaltsverzeichnis

Damit Senioren richtig klicken

Portrait eines Internet-Kursleiters.

Von Irène Dietschi

EIN 80JÄHRIGER war der bisher älteste Teilnehmer, den Charly Schürch, seit vielen Jahren dem Computer zugetan, im Rahmen seiner Kurse ins Internet eingeführt hat. Der Mann reiste jeweils aus dem nidwaldischen Dallenwil nach Luzern, und als Charly Schürch ihn einmal fragte, weshalb er sich für diese Materie interessiere, habe der Mann geantwortet: Es sei wegen der Enkelkinder, die machten «alleweil mit Computern». Da wollte der Grossvater nicht abseits stehen. «Ist es nicht etwas Wunderbares», sagt Charly Schürch, «wenn auf diese Weise Beziehungen entstehen?»

Der Brückenschlag zwischen Jung und Alt ist nicht die einzige Vision, die Charly Schürch mit dem Netz der Netze verbindet. Geistig fit bleiben, immer wieder Neues entdecken, Kontakte pflegen und Gedanken austauschen - so definiert der 72jährige Luzerner aktives Altern. Und welches Medium wäre geeigneter als das Internet, diese Leitsätze umzusetzen?

Seit über zehn Jahren erteilt Charly Schürch Computerkurse für Seniorinnen und Senioren, früher bei der Migros-Klubschule und der Pro Senectute, heute bei der Computeria Luzern (www.myhome.ch/computeria), die er vor 15 Monaten ins Leben gerufen hat. Deren Hauptzweck: «Seniorinnen und Senioren zu ermutigen und ihnen zu helfen, die Angst vor Computer und Internet abzubauen und ihnen die fabelhaften Möglichkeiten des Computerzeitalters aufzuzeigen.» In Luzern sind bisher 161 Mitglieder dem Ruf gefolgt.

Angekickt wurde das Ganze von seniorweb.ch, einer seit zwei Jahren bestehenden Website, die «Treffpunkt für Menschen über 55» sein will. Im Seniorweb geht es ums Alter, aber es finden auch politische Diskussionen statt, Limericks werden veröffentlicht oder verschollene Freundinnen und Freunde ausfindig gemacht. Charly Schürch moderiert eine der sechs Newsgroups, und zwar die «Computerfragen».

Überdies unterstützt Seniorweb den Aufbau lokaler Computerias. Ausser in Luzern gibt es solche Webclubs auch in St. Gallen, Bern, Aarau und Zürich, eine Computeria Winterthur ist geplant, weitere sollen folgen, alle sind untereinander vernetzt.

Schon zu seinen Berufszeiten war Charly Schürch ein Vorreiter. Als Leiter der sogenannten Schreibkanzlei bei der Suva prüfte er neue elektronische Schreibsysteme. «Es gab damals fast nichts», erinnert er sich, «keine Bücher, keine Kurse.» Seine Pioniertat war die Rationalisierung der Korrespondenz. Er entwickelte ein System mit Textbausteinen, dank dem Briefe schneller und besser geschrieben werden konnten. «Auch eine Sekretärin, die im Französischen oder Italienischen nicht sattelfest war, konnte damit fehlerfreie Briefe schreiben.»

Oft erhielt Charly Schürch Besuch von Vertretern anderer Firmen, die sich sein System zeigen liessen. Sein persönliches Highlight war eine Einladung von IBM nach Brüssel, wo in einem Seminar Manager aus aller Herren Ländern seinen Ausführungen zuhörten. «Mein Vortrag wurde in viele verschiedene Sprachen simultan übersetzt, es war ein unerhörtes Erlebnis.»

Zwanzig Jahre später sind Textbausteine kaum ein Thema mehr, auch für Senioren nicht. Die monatlichen «Höcks» der Computeria Luzern sind beispielsweise dem Telebanking gewidmet oder E-Commerce. Nicht wenige Senioren, erklärt Charly Schürch, seien im Besitz von Aktien - logisch, dass sie sich da online informieren. Nicht mehr der Besuch der Stammbeiz ist angesagt, sondern zum Beispiel jener der Website marktdaten.nzz.ch. Ein weiterer Schwerpunkt ist E-Mail. Viele Mitglieder wollen mit ihren Kindern und Freunden kommunizieren können, die unter Umständen in der ganzen Welt verstreut sind.

Für die Zukunft hat Charly Schürch noch viele Ideen und Wünsche - einen eigenen Server für die Computerias, mehr Firmen, die das Werbepotential des Seniorwebs erkennen, einen intensiveren Kontakt zwischen den Generationen. Und irgendwann, sagt er, müsse er sich nach einem Nachfolger umschauen. Denn ein Senior, und sei er noch so aktiv und fit, müsse daran denken, dass er irgendwann ausfallen könnte.


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