MAYUMI AZUMA, 38, INFORMATIONSHOSTESS. Hinter der Theke am Eingang des Luxuswarenhauses Mitsukoshi steht sie und weist mit vollkommen eleganten Handbewegungen den Kunden den Weg. Sie ist hübsch. Unter dem sommerlichen Hut glänzt zartrot eingerahmt eine Reihe Zähne. Das Lächeln scheint zu ihrem Gesicht zu gehören wie taubenfüssige Schritte zum Kimono. Es ist ein Gesicht, das sein bisheriges Leben sehr unbeschadet hinter sich gebracht hat.
Sie wird 30 Minuten freigestellt für ein Interview im Beisein des PR-Chefs. Ihre Ablösung, in der gleichen Weise hübsch wie ihre Vorgängerin, steht inzwischen dem Fotografen für das Bild zur Verfügung. Während des Gesprächs wird der PR-Mensch die ganze Zeit neben uns sitzen wie ein kleiner Buddha, die Hände über den Knien gefaltet, die Augen halb geschlossen. Einmal wird er lächeln wie ein Licht ganz hinten in einem dunklen, langen Gang. Und sie?
«Ich bin 38, ledig und wohne noch bei den Eltern. Seit 20 Jahren arbeite ich bei Mitsukoshi im Informationsdienst. Es ist für mich eine grosse Ehre und Freude, für diese Firma zu arbeiten und in diesem schönen Gebäude, das mit seinen 94 Jahren zu den ältesten gehört in Tokio. Jeden Morgen stehe ich um halb sieben auf und nehme ein leichtes japanisches Frühstück zu mir. Im Geschäft bin ich regelmässig eine Stunde zu früh. Ich mache das freiwillig, weil ich will, dass alles in Ordnung ist. Ich will die Gewissheit haben, dass die Sitze sauber sind, wenn sich Kunden setzen. Punkt 10 Uhr öffnen wir. Alle Verkäuferinnen stehen dann in einer Reihe und begrüssen am Eingang mit Verbeugungen die ersten Kunden des Tages. Vorher findet eine kurze Orientierung statt. Heute zum Beispiel wurde eine Gruppe angekündigt, die durch das Gebäude, das wegen seines Alters auch ein bisschen ein Museum ist, geführt wird.
Wir Mädchen vom Informationsdienst sind das Aushängeschild des Hauses. An unserem Benehmen wird man Mitsukoshi messen. Eine gepflegte Erscheinung ist deshalb sehr wichtig. Sauberkeit der Uniform und des Körpers und Make-up, aber sehr dezent. Ein leichtes Lippenrouge darf nicht fehlen, weil es dem Gesicht Frische verleiht. Wir haben drei Arten, uns zu verbeugen. Wenn ich einen Kunden mit einer Verbeugung von 15 Grad begrüsse, heisst das: Ich habe ihn schon hundertmal gesehen, und ich kenne sein Gesicht. 30 Grad bedeuten: O ja, ich kenne Sie. Ich durfte Ihnen schon behilflich sein, seien Sie willkommen. 45 Grad: sehr, sehr höflich. Die Person ist sehr wichtig. Prinzessin Diana etwa, würde sie noch leben. Eine Verbeugung von 45 Grad ist auch dann angemessen, wenn man einen Fehler gemacht hat. Einmal war ich zerstreut, ich habe einen Kunden in den zweiten Stock geschickt, was er suchte, war aber im fünften zu finden. Der Kunde hat sich beklagt. Bei ihm habe ich mich mit 45 Grad entschuldigt.
Natürlich gibt es grässliche Menschen, die wollen uns ärgern und fragen nach Takashimaya, das ist unsere Konkurrenz. Auch sie kriegen eine freundliche Antwort. Am schönsten ist es, sich in die Kunden hineinzudenken und ihnen zuvorzukommen: Ein Kunde musste in den sechsten Stock. Gleichzeitig wurden zwei Lifte frei, einer ging nach unten, der andere war ein Express nach oben. Der Kunde wollte in den ersten. Ich machte ihn auf den Express aufmerksam. Er bedankte sich sehr. Oder eine Frau hatte ein Hühnerauge, sie konnte fast nicht mehr gehen. Sie fragte mich nach einer Apotheke. Ich muss oft den ganzen Tag stehen und weiss also, wie sehr Füsse schmerzen können. Ich bat sie, Platz zu nehmen, brachte ihr ein Erfrischungsgetränk und holte ihr das Medikament selber. Die Kundin war so beeindruckt, dass sie die Direktion anrief und mein Verhalten lobte. So bekam ich dieses Jahr den <Preis für das beste Benehmen>. Der Preis erfüllt mich mit Stolz.»
«Ist es nicht anstrengend, immer so vorbildlich und höflich zu sein?»
«Nein. Bei Mitsukoshi zu arbeiten verpflichtet. Auch ausserhalb der Arbeitszeit achte ich auf gutes Benehmen. Ich glaube, dass man im Westen Höflichkeit und Dienstfertigkeit falsch sieht. Höflichkeit hat nichts mit Unterwürfigkeit zu tun. Man zollt damit dem anderen Respekt und Achtung. Ausserdem . . .» Für einen Moment bewegt sich das Gesicht von Mayumi Azuma, und ihre Augen scheinen vor Schalk gesprenkelt. «Ausserdem ist Höflichkeit auch eine Form, sich den anderen vom Leib zu halten.»
Wir haben unsere Zeit bereits um zehn Minuten überschritten. Der PR-Mensch ist aus seinem Dämmer erwacht und hat schon mehrere Male auf die Uhr geschaut. Höflich, mit einer 15-Grad-Verbeugung, werden wir zum Ausgang geleitet.
FUSAKO MUSCHG, 33, MANAGERIN. Die Empfangshalle von Nippon Lever, Tokio. Direkt vor uns das Businessritual: Vier Herren in blauen Anzügen verbeugen sich, tauschen Visitenkärtchen aus, setzen sich, stehen wieder auf, setzen sich. Sie sind steif wie Stöcke, ihre Gesichter sind maskenhaft ausdruckslos. Alle schauen auf den Tisch. Wer spricht, ist einzig an den Lippenbewegungen auszumachen.
Plötzlich rast mit kometenhafter Geschwindigkeit etwas Knallgelbes auf uns zu und löst sich dann in helles, fast wildes Lachen auf: Fusako Muschg, Brand Manager für die Marke Pond's bei Nippon Lever, einer Tochtergesellschaft des Multis Unilever, holt uns ins Reich der Lebenden zurück. Weil Pond's gerade dabei ist, ein neues Produkt zu entwickeln, einen Make-up- Remover, ist es nicht möglich, sie an ihrem eigentlichen Arbeitsort zu fotografieren, wir könnten Spione sein.
Fusako Muschg zieht den Stuhl etwas zurück, setzt sich, legt die Beine übers Kreuz, die Hände in den Schoss und wartet mit einem Ausdruck gespannter Aufmerksamkeit.
«Sie sind eine Karrierefrau.»
«Ja, ich will Karriere machen, und ich arbeite hart dafür. Meine Arbeit gibt mir Befriedigung, sie fordert mich heraus, sie lässt mich aber auch meine Grenzen erfahren. Dass ich im Kosmetikgeschäft gelandet bin, ist völlig zufällig. Ich habe ursprünglich Biochemie studiert. Meine Kenntnisse diesbezüglich helfen mir manchmal im Umgang mit den Technikern hier, aber sonst beschäftige ich mich mit ganz anderen Fragen. Ich finde es spannend, den Markt zu analysieren, Nischen zu suchen, mir zu überlegen, wie man ein Produkt auf diesem völlig übersättigten Markt erfolgreich machen kann. Nippon Lever ist eine internationale Firma, die Firmensprache ist Englisch. Die Hierarchien sind flach, der Umgang im Team ist freundschaftlich und unkompliziert. Ich bin die rechte Hand des Marketing-Controllers. Ich muss leider eingestehen, dass ich in meinem Alter und als Frau bei einer japanischen Firma nicht in dieser Position wäre. Natürlich, ein Mann hat es auch hier einfacher, Karriere zu machen. Er kann nach Schanghai, Moskau oder Lima versetzt werden, die Chancen, dass ihm seine Frau folgt, stehen gut.»
«Sie sind verheiratet und haben eine Tochter.»
«Als ich drei Monate nach ihrer Geburt diese Chance bei Nippon Lever bekam, war mein Mann zuerst sehr unglücklich. Nun, vielleicht sollte ich das nicht sagen . . .» Fusako Muschg senkt die Wimpern, bis sie fast die Wangen berühren. «Ich glaube, mein Mann hatte einen Traum, und in diesem Traum gab es ein gemütliches Heim und eine liebe, kleine Hausfrau und eine kleine, süsse Tochter. Ich brauchte meine Zeit, ihn zu überzeugen, dass das so wundervoll gar nicht wäre. Er hat sich wirklich dramatisch geändert und verhält sich inzwischen sehr kooperativ.»
«Und Ihre Eltern?»
«Ich bin ein Einzelkind. Meine Eltern haben mich wie einen Knaben erzogen. Als sie erfuhren, dass ich wieder arbeite, waren sie ganz begeistert. Sie wussten auch, wie unglücklich ich in meiner ersten Ehe war. Mein erster Mann, ich hatte ihn hier an der Uni kennengelernt, war Kolumbier. Wir zogen nach Kolumbien, und ich hatte dort nichts anderes zu tun, als irgendwelche gesellschaftlichen Anlässe zu organisieren. Ich fühlte mich so leer und nutzlos.» Während zweier Minuten hört man nur die Klimaanlage im Raum. «Mein jetziger Mann ist Schweizer. Ich habe ihn hier in Japan kennengelernt auf einem Fest. Sonst trägt er ja nie Anzüge, aber damals trug er einen. Er sah gut aus. Aber er war so unglaublich dünn. Ich dachte, ob er wohl nicht genug esse. Das war mein erster Eindruck.»
«Welche Probleme bringt eine internationale Ehe?»
«Die Frage, wo wohnen, steht immer im Raum. Eine Frage war auch, in welcher Sprache unsere Tochter aufwachsen soll. Wir haben uns für Japanisch und Englisch entschieden. Ich spreche Japanisch mit ihr, er Englisch. Neben den vorhersehbaren Problemen gibt es aber auch unerwartete. Da ist es wichtig, das man eine gute Gesprächskultur hat.»
«Was ist das Wichtigste in Ihrem Leben?»
Die Antwort kommt schnell: «Meine Tochter. Sie gibt mir Energie und Lebensfreude, mit ihr kann ich noch einmal ganz neu anfangen. Sie hat mich geduldiger werden lassen. Ich hoffe, dass aus ihr einmal ein selbstbewusster, fröhlicher Mensch wird, der mit Neugier, Mut und Hunger auf die Welt zugeht. Und ich hoffe, dass sie Japan genauso lieben wird, wie ich es tue.»
Fusako Muschg hat beide Füsse auf den Boden gestellt, den Oberkörper etwas vorgebeugt, und das sieht aus, als ob sie aufstehen wolle.
«Eine letzte Frage: Haben Sie ein Lebensmotto?»
«Life is too short to take it serious.»
ISAO UTO, 48, BESITZER EINES TEXTILGESCHÄFTS. «Das Schönste an japanischen Frauen ist die Haut, so weiss und zart. Ein Kimono fühlt sich an wie eine zweite Haut. Er ist zart zum Körper. Er engt ihn nicht ein, er stellt ihn nicht aus, er arbeitet mit ihm zusammen. Der Kimono legt nichts von vornherein fest. Nicht einmal das Geschlecht. Der Kimono macht die Männer schön wie auch die Frauen. Der Kimono ist das schönste Kleidungsstück der Welt. Das Wichtigste ist der Stoff. Er muss weich und fliessend sein, und der Faden muss gut sein, am besten von Hand gewoben, so leuchten die Farben am schönsten.»
In Tokoname, einer Stadt, die auch tagsüber die Schlafmütze nicht ablegt, ist Isao Uto der einzige, der Kimonos verkauft, und nur in einem seiner drei Kleidergeschäfte. Etwa 15 Prozent seines Umsatzes macht er damit. Sein Vater handelte noch ausschliesslich mit Kimonos. «Heute kann man sagen: Wer Kimonos verkaufen kann, der kann alles verkaufen. Denn der Kimono ist heute ein Kleidungsstück, das man nicht braucht. Natürlich, es gibt besondere Anlässe, etwa eine traditionelle Hochzeit oder der 20. Geburtstag, der in Japan ein spezieller Tag ist, oder an einer Beerdigung, da hat der schwarze Kimono seine Bedeutung. Und der Yukata, eine populäre Variante des Kimono aus leichtem Baumwollstoff, wird vor allem in sonnenreichen Ferien getragen oder als Hauskleid. Aber sonst?»
Isao Uto ist ein Geschäftsmann, der sehr still und träumerisch ausschauen kann. Seine Haut, die die Farbe von älterem Elfenbein hat, scheint dann eine Spur dunkler. «Es ist ein sehr alter Brauch, den Göttern Kimonos zu opfern. Die berühmtesten Künstler sind oft auch Textilkünstler gewesen in Japan. Der Titel ningen kokuho, was soviel wie «lebender nationaler Schatz» heisst, dieser Titel wird an Leute vergeben, die besonders verdienstvoll die Tradition pflegen. Und diesen ehrenvollen Titel bekamen nicht weniger als sieben Leute aus der Textilbranche. Das alles zeigt doch, wie hoch der Stellenwert von Textilkunst in Japan heute noch ist, nicht?» Uto schweigt. «Ach was.» Er schüttelt den Kopf. Seine Haut wird noch dunkler. Aber vielleicht ist das auch nur der immer dichter werdende Rauch. Uto zündet sich eben die sechste Zigarette an. Plötzlich lächelt er. Seine Frau, sie trägt ein weisses Hosenkostüm und hat nun wirklich eine wunderschöne Haut und ein Gesicht, beweglich wie Wasser, bringt uns eine Büchse Cola.
«Es ist ja schon so, der Kimono spiegelt unsere Beziehung zum Westen: 1868, zu Beginn der Meiji-Periode, öffnete sich Japan. Die Nähmaschine wurde eingeführt. 1870 sah man den Kaiser mit einem Mantel. 1871 durften auch gewöhnliche Leute westliche Kleider tragen, und alle, die es sich finanziell leisten konnten, taten es. Westliche Kleider waren chic. Nach 1889 wurden konservativere Kräfte stärker, der Kimono gewann wieder an Attraktivität. Erst nach dem Ersten Weltkrieg und endgültig nach dem Zweiten setzten sich westliche Kleider bei allen Teilen der Bevölkerung durch, auch auf dem Lande und auch bei den Frauen. Westliche Kleider waren nun auch Ausdruck von Freiheit und Fortschritt.»
Und heute? «Heute haben wir Rezession. Da schauen die Leute gerne zurück und erinnern sich an die guten alten Zeiten.» Sie auch? «Ich auch, ja, ja. Deshalb sind momentan die Kurse, in denen man den Obi, also den Kimonogürtel, knüpfen lernt, ganz gut besucht, auch von jungen Leuten. Aber die Begeisterung wird wieder vergehen, so wie die durchsichtigen und körperbetonten Kleider, die wir für dieses Jahr eingekauft haben, nächstes Jahr von eher strengen, maskulinen Silhouetten verdrängt werden. Ich bedaure es, aber so ist das heute. Alles verändert sich, nur die Launen und das Risiko bleiben.
Manchmal möchte ich ein Adler sein und alles scharf, aber aus grosser, grosser Distanz sehen. Ich stelle mir vor, das ist ein schöner Blick.»
SHIE IWASA, 26, BÜROANGESTELLTE. «Ich bin ein eher ernsthafter Mensch und im allgemeinen freundlich. Manche denken, ich sei stark. Aber ich bin nicht so stark, wie ich scheine. Ich habe keinen Freund und einen Job, der mich langweilt. Das erste stört mich nicht, das zweite muss sich ändern. Von 9.30 bis 17.30 Uhr, fünf Tage in der Woche, arbeite ich im Büro. Wenn mir mein Boss eine Aufgabe für einen Tag gibt, bin ich in zwei Stunden fertig. Den Rest des Tages einfach dazusitzen, das kann mir nicht genügen. Dazu bin ich einfach nicht schön genug.» Shie lächelt.
Zusammen mit der Schwester und der Mutter und der Tigerkatze Mochi, einem übermenschengrossen Stoffpandabären, einem High-Tech-Massagestuhl, der fast den High-Tech-Breitbildfernseher verdeckt, wohnt sie mitten in Tokio in einer Wohnung, gross wie drei Streichholzschachteln. Wir sitzen im Wohn-, Ess-, Arbeitszimmer. Die Schwester telefoniert, die Mutter ist am Computer beschäftigt.
«Also, ich erzähle jetzt von meiner Firma: Es ist ein privates Unternehmen, aber wir haben viele Aufträge vom Staat. Wenn der zum Beispiel beschliesst, ein Haus zu bauen, vermitteln wir ihm eine geeignete Baufirma und was es sonst noch so braucht. Selber produzieren wir nichts. Die Hierarchien sind strikt, die Autorität des Vorgesetzten ist über jeden Zweifel erhaben. Wenn mein Boss mir etwas aufträgt, so muss ich das ohne Murren ausführen, auch wenn es noch so unsinnig ist. Ich sitze ihm gegenüber; ich sehe, dass er auch oft nichts zu tun hat, aber er gibt sich immer sehr geschäftig.
Männer und Frauen gehen strikt getrennte Wege. Die Männer gehen am Mittag hinaus, die Frauen essen in der Firma. Ich bin die einzige, die mit den Männern geht. Das kommt daher, dass ich Raucherin bin und es nur den Männern erlaubt ist, innerhalb der Firma zu rauchen. Ein weiterer Punkt sind die Uniformen. Sie sind wie das ganze Unternehmen, nämlich sehr altmodisch: weisse Bluse, der Jupe bedeckt züchtig das Knie, dazu passend ein Gilet. Im Winter stehen drei Farben zur Auswahl, im Sommer zwei, und alle sind schmutzig: mausgrau, senfgelb, olivgrün. Nur die Frauen müssen sie tragen. Ich habe mich von Anfang an geweigert. Von Zeit zu Zeit macht mein Chef eine Bemerkung, ich lächle ihm freundlich zu und sage: ja, ja, morgen. Aber ein solches Morgen wird es nie geben, jetzt sowieso nicht mehr.»
Auf Shies Gesicht macht sich Tanzstimmung breit. «Wenn man etwas Neues anfängt, muss man sich darauf freuen, selbst wenn es nicht einfach sein wird. Ich will Journalistin werden. Deshalb habe ich im letzten Jahr eine Abendschule besucht. Gelernt habe ich nichts, nur gekostet hat es mich, 100 000 Yen. Die Lehrer waren alte, verstaubte Männer, schon lange nicht mehr im Beruf. Wenn sie uns nicht ihre eigenen Texte vorgesetzt haben, die wir dann bewundern sollten, haben sie uns Grammatik gelehrt. Ihr Lieblingssatz war: <So und nicht anders muss es sein.>»
Schwups, auf Shies Knien sitzt der Katzentiger und will gekrault werden. Shie krault und fährt fort: «Ich lese viel, da lerne ich am meisten. Schreiben ist etwas Erbarmungsloses, aber auch edel. Man kann den Menschen Mut machen. Alles ist veränderbar. In meiner Firma denken viele, ich sei mutig, weil ich keine Uniform trage. Aber ich habe es einfach probiert, und es ging. Japaner leiden unter einem Minderwertigkeitskomplex, der auf den Zweiten Weltkrieg zurückgeht, den wir verloren haben. Japaner sind schlechte Verlierer. Deshalb gehen sie kein Risiko ein und trauen sich nichts zu und leben in einem Gefängnis, das sie selber gebaut haben. Und das Schlimme: Sie merken es nicht einmal.
Aber die Japaner haben Grund, stolz auf sich zu sein. Unsere Kultur ist nicht nur Mimikry. Das will ich zeigen. Deshalb habe ich jetzt auch eine Reportage geschrieben über junge japanische Modemacher. Ich bin gerade daran, sie ins Englische zu übersetzen. Es gibt ganz viele. Ihre Kleider sind häufig eher Kunst, als dass sie sich tragen liessen. Sie arbeiten nächtelang in kleinsten Ateliers und verdienen doch kein Geld. Sie sind mutig, sie brennen und sie hoffen. Ihre Herzen sind nicht tot und still. Wenn ich sterbe, werde ich nichts bereuen. Mein letzter Satz wird sein: well, that's life.»
YOSHIHARU SUZUKI, 52, WIRT. «Ich bin kein Menschenhasser. Aber wenn mich jemand zwischen Mittag und sechs Uhr abends besucht, fühle ich mich gestört. Seit 24 Jahren, also seit ich dieses kleine Restaurant besitze, ist das für mich die schönste Zeit des Tages: Ich höre, wie draussen die Strasse pulsiert, und gehöre ganz mir, ein Kaiser in seinem Reich. In aller Ruhe bereite ich mich auf den Abend vor. Ich wasche, rüste, trenne, schnitzle, zerfasere, zerschneide, häute. Ich arbeite vor mich hin und bin glücklich. Ich denke an nichts. Ich finde es schön zu sehen, wie das Gemüse, das Fleisch, der Fisch unter meinen Händen kleiner und kleiner wird und dann ausgewachsene Menschen satt machen kann. Beim Fischen ist das auch so: eine kleine Fliege an einer Angel kann für einen Riesenfisch den Tod bedeuten. Das finde ich einfach erstaunlich, wie das Kleine so grosse Wirkungen haben kann.» Bei diesem Satz breitet Yoshiharu Suzuki seine Arme jesusmässig aus, verharrt kurz in dieser Haltung, sackt dann überraschend zusammen, als ob ihm jemand eine Faust in die Magengrube gegeben hätte, und lacht.
Yoshiharu Suzuki besitzt eines jener kleinen, niedrigen Restaurants mit meist schlichter Einrichtung, wie es in Tokio Tausende gibt. 18 Gäste, und das Restaurant ist voll. Sechs Jahre hat er dafür am Buffet in einem grossen Betrieb gearbeitet und gespart. «Ich habe in dieser Zeit ein Gespür für Leute entwickelt. Wenn jemand zur Tür hereinkommt, weiss ich sofort, was mit ihm los ist. Ich schaue mir jeden Gast genau an, vor allem die Augen, ob sie verhängt sind oder offen und lustig. Ich merke sofort, ob jemand allein sein will oder ob er jemanden sucht, dem er sein Herz ausschütten kann. Die Frauen klagen meistens über die Männer und die Männer über die Frauen. Und weil ich erstens ein Mann bin und zweitens eine Frau habe, kann ich beide Seiten verstehen.»
«Worüber klagt denn Ihre Frau?»
«Aber doch nicht über mich!» Yoshiharu Suzukis dichte Brauen fahren theatralisch in die Höhe und legen seine Stirn in Falten. Dabei grinst er übers ganze Gesicht. «Nein. Meine Frau klagt eher über unsere zwei Kinder, weil sie glaubt, dass sie in der Schule zu faul sind. Aber meine Frau ist stark, die macht das für sich alleine aus im stillen Kämmerlein.»
«Warum trauen Ratsuchende Ihnen?»
«Selbst wenn ich jemandem ansehe, dass er mich und sich selber belügt: Ich werde es ihm nie sagen. Ich höre nur geduldig zu. Deshalb vertraut man mir. Das gehört zum Service, genauso, wie ich nie jemanden herausschmeissen würde, auch wenn es morgens um vier ist und ich eigentlich nichts anderes als schlafen möchte. Die Ausländer nutzen das manchmal etwas sehr aus. Aber ich würde trotzdem nie etwas sagen.»
«Haben Sie viele ausländische Gäste?»
«Nicht so viele. Ausländer wollen immer die Speisekarte sehen. Aber eine Karte habe ich nicht. Ich schaue ja von Tag zu Tag, was der Händler bringt. Der Händler kennt mich gut, er weiss, was ich will. So ist die Ware immer frisch. Und man kann immer neu kombinieren. Das ist auch etwas, was für die Ausländer ungewohnt ist: dass es bei uns keine feste Abfolge der Speisen und keinen eigentlichen Hauptgang gibt, sondern hier ein Tellerchen mit Ingwer, dort eines mit Fisch, eines mit ein wenig Rettich, dann ein Schälchen mit Bouillon und Muscheln, eines mit Sojasauce, ein anderes mit Reis. Man isst wie ein Flaneur, mal hier, mal dort, ohne Ordnung. Vieles, was auf den Tisch kommt, ist roh. Heute zum Beispiel hat der Händler rohe Leber gebracht, sehr schön, sehr frisch. Ich habe einen Gast, der rohe Leber über alles liebt und immer am Dienstag kommt. Heute ist Dienstag. Er wird sich freuen. Das Glück des Gastes ist auch mein Glück.»
«Sie sind fast zu perfekt.»
«Ja, sehen Sie, das ist ein familiärer Betrieb. Ich muss meine Gäste pflegen. Ich versuche, mir ihre Vorlieben zu merken. Ein Gast, der nach einem halben Jahr wiederkommt und merkt, dass ich mich noch erinnern kann, wartet nicht mehr ein halbes Jahr bis zum nächsten Besuch. In meinem Beruf ist ein gutes Gedächtnis Gold wert.»
«Gut. Heute in zehn Jahren kommen wir wieder. Und Sie werden noch wissen, dass wir Barbaren . . .»
«. . . dass Ihr Barbaren vor genau zehn Jahren hier wart und rohe Leber gegessen habt. Garantiert werde ich mich daran erinnern.»
«Versprochen?»
«Versprochen!»