JEDER COMPUTERMENSCH, und wer ist heutzutage keiner mehr, hält sich mindestens vier Sklaven. Es sind seine Augen und Hände. Diese armen Körperteile leisten im Zeitalter der immateriellen Erledigungen die ganze übriggebliebene Schwerstarbeit.
30 000mal und öfter verlieren sich die Sehorgane jeden Arbeitstag im Bermudadreieck aus Tastatur, Maus und Bildschirm. Ebensooft und öfter strampeln die armen Finger in der Buchstabentretmühle. Ihr einziger Rückhalt ist dabei ein steifes Handgelenk. Irgendwann fällt die Hand taub von der Maus, und aus geröteten Augen quillt Träne um Träne.
Trotz dem verdienstvollen Normengewirr, das Röntgenstrahlen und elektromagnetischem Smog, Druckerozon und Festplattenlärm die Rabiatheit nimmt, trotz den bahnbrechenden Richtlinien, die uns ergonomische Tastaturen und grosszügige Bildschirmpausen gönnen, hat es die Menschheit unübersehbar zu ein paar neuen Geisseln gebracht. Die Bresthaftigkeiten des Computerzeitalters tragen Namen wie «Repetitive Strain Injuries» und «Carpal Tunnel Syndrome», der Volksmund drückt es schlichter aus: Er spricht von «Hackers Hand».
Phantasievolle Pessimisten sagen, das sei erst der Anfang. Sie prophezeien den Computermenschen Geschwüre, Allergien und Gebrechen aller Art. Seriöse Wissenschafter tun, was sie immer tun: Sie bestätigen nichts, was sie nicht bestätigen können, sie forschen eifrig und raten einstweilen zur Selbstkontrolle. Das ist ein guter Rat. Aber dem wahren Bildschirmarbeiter kommt er teuer vor.
«Elektronenkanone» nennen Techniker in entwaffnender Offenheit jenes geheimnisvolle Ding, das so viele von uns mit Genuss gegen sich richten. Die Elektronenkanone zerstäubt tief drinnen im Monitor Daten zu elektromagnetischen Partikeln. Weit geöffneten Auges blickt ihr der Bildschirmarbeiter mutig in die leuchtende Mündung. Er zwinkert nicht. Er starrt. Das ist der Blick, der die Augen um ihr Flüssigkeitsbad bringt, der Blick des Computerzeitalters.
Der Bildschirmarbeiter starrt aus Faszination, weil der Computer willig und rasch den Lärm in seinem Hirn ordnet. Er schaut erst recht streng, wenn der einmal die Gefolgschaft verweigert und in digitale Absurdität abgleitet. Er blickt schliesslich hypnotisiert, wenn ihn der Pixelzauber übermannt. Er zuckt auch dann mit keiner Wimper, wenn er am Bildschirm den Satz entdeckt: «Versuchen Sie, nicht allzu lange vor dem Bildschirm zu sitzen.» Erst mit den Schmerzen kommt die Ahnung, zu welchen Flagellanten uns die Maschine macht.