NZZ Folio 12/92 - Thema: Supermarkt E-Musik   Inhaltsverzeichnis

Der Schnellste, Lauteste oder Beste?

Sinn und Unsinn von Klavierwettbewerben.

Von René Karlen

Auch heuer hat man sie wieder gesucht wie die berühmte Nadel im Heuhaufen. Genaugenommen sucht man sie noch immer. In diesen Tagen im Dezember 1992 beispielsweise in Saragossa. Die Wahrscheinlichkeit, sie dort zu finden, ist momentan grösser als anderswo; denn in Saragossa wird gerade jetzt ein internationaler Klavierwettbewerb durchgeführt, und an einem solchen Anlass müsste man ihr eigentlich begegnen: der grossen pianistischen Ausnahmebegabung, die unserem künftigen Konzertleben ganz neue Dimensionen verleihen wird.

In Expertenkreisen will freilich niemand so recht daran glauben, dass ausgerechnet in Saragossa eine Pianistin oder ein Pianist wie Phönix aus der Asche steigen wird. Möglicherweise wird zwar ein ungeteilter erster Preis vergeben, und es steht dann offiziell fest, dass eine Kandidatin oder ein Kandidat besser gespielt hat als die Konkurrenz. Allerdings, und das macht die Experten so skeptisch, wäre damit erst die Konkurrenz von Saragossa besiegt. Das Kandidatenkarussell dreht sich aber schon seit dem 20. Januar, als in Pretoria der erste internationale Klavierwettbewerb dieses Jahres begann. Und seither fanden in Graz, Athen, Barcelona, Tel Aviv, Montreal, Terni, Leipzig, Sydney, College Park, Santander, Bozen, Genf, München, Köln, Vercelli, Tokio, Viña del Mar und Paris weitere internationale Klavierwettbewerbe statt.

Diese chronologische Aufzählung ist noch nicht einmal vollständig; sie berücksichtigt lediglich die nahezu hundert Veranstalter, die der Fédération mondial des concours internationaux de musique in Genf angeschlossen sind. Und obwohl jeder Wettbewerb noch viel mehr Verlierer als Sieger produziert, wird ein Erfolg durch die heutige Wettbewerbsinflation kräftig relativiert: Der Gewinner des spanischen Wettstreits wird einer unter vielen sein - und das war es doch gerade nicht, wonach man gesucht hatte.

Junge, begabte, ambitionierte Pianisten, die sich nach vielen Albträumen und mit sehr gemischten Gefühlen dazu entschlossen haben, sich dem nervenaufreibenden Prozedere eines Wettbewerbs auszusetzen, haben also heutzutage zunächst einmal die Qual einer schwierigen Wahl. In welche Ausschreibung sollen sie ihren Schweiss und - fast ebenso häufig - ihre Tränen investieren- Wo begegnen sie jenen raren Konzertveranstaltern, die sich um junge Talente ernsthaft bemühen und sie in diesem Überangebot von Wettbewerben noch immer auszumachen vermögen?

Früher waren die Verhältnisse noch übersichtlicher. Zur Zeit ihrer Gründung, 1957, hatte die Genfer Fédération gerade elf Mitglieder. Zu jenen «Membres fondateurs» zählten die Organisatoren des Bozener Concorso Ferruccio Busoni, des Brüsseler Concours musical international Reine Elisabeth de Belgique, des ARD-Wettbewerbs in München und des Chopin-Wettbewerbs von Warschau. Auf die Genfer Liste der wichtigsten und grössten Klavierwettbewerbe liessen sich später auch noch The Harveys Leeds International Pianoforte Competition, der Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb und The Van Cliburn Piano Competition in Fort Worth eintragen. Brüssel, Fort Worth, Leeds, Moskau und Warschau heissen derzeit die traditionellen Pilgerhauptorte des hoffnungsfrohen Pianistennachwuchses.

1992 wurde jedoch in keiner einzigen dieser Städte ein Klavierwettbewerb ausgerichtet. Die Erfahrung lehrt nämlich - und darin liegt die eigentliche Paradoxie der heutigen Wettbewerbsinflation -, dass nicht in jedem Jahr damit zu rechnen ist, dass ein wirklich grosses Talent herangereift ist. Aus diesem Grund bevorzugen gerade die renommiertesten Wettbewerbsstationen eine gemächliche Frequenz: Dreijährige (Leeds), vier- oder gar fünfjährige Zyklen (Warschau) strukturieren die wichtigsten Wettkämpfe.

Mit Fug lässt sich daher sagen, dass dieses Jahr in der Königsdisziplin der Musikwettbewerbe weder eine Weltmeisterschaft noch eine Olympiade stattgefunden hat. Der Vergleich hinkt nicht einmal so sehr, sind doch musische Wettkämpfe unter Sängern und Spielern der Kithara, der Lyra und des Aulos schon von den griechischen Nationalfeiern in Olympia, Sparta und Athen (seit 776 v. Chr.) verbürgt. Sodann trägt ein moderner Pianistenwettstreit unverkennbar spitzensportliche Züge: Die Mehrheit der Teilnehmer trainiert täglich während sechs bis zehn Stunden. Eine Jury bewertet Pflicht- und Kürprogramme, und gespielt wird nach dem K.-o.- oder Cup-System: immer alle gegeneinander, die Erfolgreichen kommen eine Runde weiter, die besonders Erfolgreichen erreichen schliesslich das Finale, wo manchmal einfach der Schnellste gewinnt. Mitunter gewinnt auch der Lauteste oder ganz einfach, wer am wenigsten Fehler gemacht hat.

Gewinnen sollte im Idealfall natürlich der Musikalischste. Nur fällt es nicht ganz leicht zu sagen, was das heisst, zumal ja Musikalität nicht messbar ist. Ganz abgesehen davon, dass eine Fachjury nicht einfach von sich behaupten darf, sie sei unfehlbar (weil sie dann erst recht nicht mehr ernst genommen würde), muss sie also Leistungen bewerten, ohne dazu über exakte Messmethoden zu verfügen. Trotzdem wird von ihr erwartet, dass sie aus einer Gruppe von vielleicht zweihundert Kandidaten wenigstens die drei besten in der richtigen Reihenfolge benennen kann. Es gibt leichtere Aufgaben.

Nicht immer werden sie überzeugend gelöst. Die Pianistin Mitsuko Uchida und der Geiger Gidon Kremer beispielsweise waren seinerzeit an Wettbewerben in München bzw. in Brüssel von den Experten auf den dritten Platz verwiesen worden. Im ersten Busoni-Wettbewerb von Bozen im Jahre 1949 hatte die Jury von den Fähigkeiten der Kandidaten so wenig gehalten, dass sie keinen ersten Preis vergeben mochte. Ein gewisser Alfred Brendel landete damals hinter zwei heute unbekannten Italienern ausserhalb der Medaillenränge auf dem vierten Platz. In diesen Fällen haben die Künstler im Verlauf ihrer Karriere die Jury eines Besseren belehrt. In umgekehrter Weise begann der russische Pianist Boris Beresowsky, nachdem er 1990 den begehrten Tschaikowsky-Preis gewonnen hatte, die Moskauer Jury mit zumeist enttäuschenden Auftritten in aller Welt zu desavouieren.

Die eigentliche Bewährungsprobe kommt also erst nach dem Wettbewerb. Ein Sieg bedeutet in der heutigen Flut von Veranstaltungen immer weniger. Der Wettbewerbsverlauf selber ist unberechenbar, bisweilen ungerecht. Garantiert ist nur der Stress. Und dennoch waren auch in diesem Jahr beinahe wöchentlich Hundertschaften von jungen Talenten bereit, sich dem auszusetzen.

Wer so etwas kaum begreifen kann, muss sich vergegenwärtigen, dass es nicht genügt, wenn sich eine junge Musikhochschulabsolventin, die ihr Konzertdiplom mit Auszeichnung gemacht hat, im Telefonbuch als Konzertpianistin eintragen lässt. Anna Krawtchenko zum Beispiel steht noch nicht einmal im Telefonbuch; sie ist erst sechzehn Jahre alt. Dennoch war auch ihr bereits bewusst, dass ein Konzertveranstalter nicht unbedingt auf eine junge begabte Pianistin aus Charkow, einer Industriestadt der Ukraine, aufmerksam wird; es sei denn, diese Pianistin sorge für Schlagzeilen. Anna Krawtchenko hat die Chance, international bekannt zu werden, im Sommer an einem der grösseren unter den verbleibenden kleineren Wettbewerben des Zwischenjahres 1992 genutzt: im selben jugendlichen Alter wie Martha Argerich hat sie in Bozen den Busoni-Preis gewonnen. Überlegen. Hätte nicht ein Jurymitglied aus Gründen, die wohl nie ganz aufzuklären sein werden, plötzlich den Hut genommen, und hätte die fragwürdige Beteiligung eines Schülers einer Jurorin nicht einen kleinen Wirbel ausgelöst, wäre der einseitige Wettkampf beinahe langweilig verlaufen.

Indessen liess auch das Wunderkind Anna Krawtchenko in einem kurzen Moment die ganze Dramatik, die einem solchen Wettstreit innewohnen kann, erahnen. Ihr Lehrer, Leonid Margarius, der sie während des ganzen Wettstreits begleitete, hatte die allzu optimistischen Musikkritiker zuvor gewarnt: «She can forget.» In seinem rudimentären Englisch wollte er damit das Problem allfälliger Gedächtnislücken ansprechen. Tatsächlich «vergass» Anna Krawtchenko dann im mittleren Satz von Beethovens drittem Konzert, dass sie noch vier Takte auf ihren Einsatz hätte warten müssen. Das Publikum erstarrte. Doch die Jury stufte die (nicht messbare) Musikalität glücklicherweise höher ein als den objektiven Lapsus. Die verfrühte E-Dur-Tonleiter hätte sonst 15 Millionen Lire, einen Flügel und rund sechzig Konzertengagements - der Lohn des Sieges - kosten können. Keine Kleinigkeit für eine Bewerberin aus der Ukraine, die mit dem «little money», das sie sich in Konzerten in ihrem Heimatland erspielt hatte, gerade bis Bozen reisen konnte. Ein Beethoven-Konzert mit Orchester hatte sie zuvor noch niemals gespielt. Leonid Margarius liess diese Ausrede freilich nicht gelten. Während Krawtchenkos Konkurrenten nach dieser anstrengenden Prüfung um elf Uhr abends in der Bar ihres Hotels ein Bier tranken, übte der Lehrer mit seiner Schülerin noch ein paar Tonleitern - ohne Zweifel ein Teil des ukrainischen Erfolgsgeheimnisses.

Die sprichwörtliche Dominanz der ehemals sowjetischen Pianisten besteht noch immer. Auch in Bozen stellte die einst grosse Klaviernation allein ein Drittel der 27 Halbfinalisten. Die Begabten werden kostenlos an speziellen Musikschulen gefördert, etwa in Charkow, wo Anna Krawtchenko derzeit noch studiert. Ob diese Schulen den Systemwechsel auf Dauer allerdings überleben werden, ist fraglich. Die europäischen, amerikanischen und asiatischen Konkurrenten würden ihnen nicht nachtrauern.

Hubert Stuppner, der Jurypräsident von Bozen, der aus der Sicht eines erfahrenen Jurymitglieds gerade ein Buch zur Problematik des Klavierwettbewerbs vorbereitet, hat in Bozen ein ausgeklügeltes Bewertungsverfahren eingeführt. Höchst- und Tiefstnote werden gestrichen, und das Spektrum von insgesamt zehn Punkten wird in jeder Runde sukzessive verengt. Keiner der elf Juroren kann daher seinen persönlichen Favoriten über die Massen bevorteilen. Dennoch: Auch das gerechteste, mathematisch logischste aller Bewertungsverfahren ist nur so gut wie die Jury, die damit umzugehen hat. Und solange subjektiv errungene Siege und nichtobjektivierbare Niederlagen den Erfolg einer musikalischen Laufbahn beeinflussen, wird es immer Ungerechtigkeiten geben. Im Extremfall, wie jüngst im Münchner ARD-Wettbewerb, sind am Ende gar alle Beteiligten enttäuscht.

Der ARD-Wettbewerb - nicht zu verwechseln mit der am Fernsehen übertragenen Groteske des Eurovisions-Wettbewerbs, bei dem alle Instrumente gegeneinander antreten und sich eine Jury hinterher anmasst, zu beurteilen, ob einer besser Klavier spielt, als die andere geigt - findet alljährlich in verschiedenen Kategorien statt. Im Spätsommer 1992 widmete man sich unter anderem wieder einmal der seltenen Gattung des Klavierduos. Und da spielte dann das südafrikanische Duo Erika Botha / Charl de Wet in der letzten Runde vor dem Finale als Pflichtstück Mozarts D-Dur-Sonate KV 448 so inspiriert, wie man sie noch selten gehört hat. Im Sportjargon ausgedrückt, distanzierten sie ihre direkten Konkurrenten um Längen. Begreiflicherweise waren sie enttäuscht, als die Jury nur die Konkurrenten zum Finale zuliess. Dort spielten die Deutschen Silke-Thora Matthies und Christian Köhn, ein technisch perfektes, brillantes Duo, das keine Fehler machte und ausserdem in jeder Runde am schnellsten am Ziel war. Die Enttäuschung dieser Musiker bestand darin, dass sie nur den dritten Preis zugesprochen bekamen. Den zweiten Preis erhielten die amerikanischen Klangzauberer Thomas Hecht und Sandra Shapiro. Mehr hatten diese beiden nicht erwartet, denn Sandra Shapiro hatte in den Vorrunden zwei grössere Black-outs zu beklagen. Sie war daher mit sich selber unzufrieden. Ein erster Preis wurde nicht vergeben; und dieser Entscheid schliesslich enttäuschte auch noch das Publikum.

Während jetzt noch niemand weiss, ob es in Saragossa einen Sieger geben wird, lassen sich enttäuschte Verlierer mit Sicherheit voraussagen. Zumindest für die jüngeren unter ihnen freilich wird damit noch nicht aller Tage Abend sein. Wenn es ihnen zu Weihnachten nicht gelungen ist, als neuer Stern am Pianistenhimmel zu leuchten, können sie es demnächst wieder versuchen. An einem anderen Ort. Der Supermarkt der Klavierwettbewerbe hat genügend Filialen.

René Karlen ist Musikrezensent der NZZ.


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