Die Universität Zürich erlebte im Wintersemester 1983/84 ein Novum: Erstmals gab es an einer Fakultät – der Philosophischen – mehr Studentinnen als Studenten. Sieben Jahre lang blieb diese Abteilung die einzige mit einer Studentinnenmehrheit. 1990/91 vermeldete die Veterinärmedizinische Fakultät eine Frauenmehrheit. Danach war es zehn Jahre ruhig, bis sich die Alma Mater im Eiltempo feminisierte: 2000/01 mehr Theologinnen als Theologen, 2001/02 mehr Humanmedizinerinnen, 2002/03 mehr Juristinnen, 2003/04 mehr Zahnmedizinerinnen. Nur noch in den Wirtschaftswissenschaften und in der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät sind die Männer in der Überzahl.
Obschon seit zwei Jahren landesweit mehr Frauen als Männer ein Studium beginnen, sind die Studenten insgesamt doch noch in der Mehrzahl: 52 gegenüber 48 Prozent – also etwa umgekehrt proportional zur Bevölkerung, die sich in 51,1 Prozent Frauen und 48,9 Prozent Männer aufteilt.
So unterschiedlich die Frauenanteile an den einzelnen Hochschulen und Fakultäten sind, ein paar Konstanten gibt es: An allen höheren Bildungsanstalten haben die Frauen in den vergangenen Jahren deutlich zugelegt. Doch je höher die Hierarchiestufe, desto geringer der Frauenanteil. Grob gesagt gilt: Aus durchschnittlich 56 Prozent Maturandinnen werden 51 Prozent Studienanfängerinnen, 48 Prozent Studentinnen, 46 Prozent Lizentiatinnen/Diplomandinnen, 36 Prozent Doktorandinnen und 10 Prozent Professorinnen.
Der Vormarsch der Frauen führt also nicht automatisch zu einer besseren Vertretung in den höheren Positionen; das wird inzwischen nicht einmal mehr von den patriarchalischsten Hochschulpolitikern bestritten. Ein Beispiel dafür liefert die Universität Genf. Hier studierten schon Mitte der achtziger Jahre mehr Frauen als Männer. Mit 13,8 Prozent Professorinnen steht Genf heute zwar leicht besser da als die meisten anderen Hochschulen, aber angemessen vertreten sind die Frauen auch hier nicht; angemessen hiesse zwischen 40 und 60 Prozent.
Sicher, die heutigen Studentinnen sind selbstbewusst, zielgerichtet und kennen das Wort «Karriereplanung» nicht nur vom Hörensagen. Sie fühlen sich im Grundstudium gleichberechtigt, und viele reagieren verärgert, wenn man ihnen mit Gleichstellungsfragen zu nahe tritt. Das ändert sich jedoch schlagartig, sobald sie aufsteigen wollen und wenn die Kinderfrage aktuell wird. Dann spüren sie, dass sie auch an der Universität trotz allem das andere Geschlecht sind, und bekommen einen anderen Blick auf subtile Diskriminierungen, die im Grundstudium entweder kaum mehr vorhanden waren oder leicht ausgeblendet werden konnten.
«Wir tragen der Skepsis Rechnung, indem wir Veranstaltungen nur noch ausnahmsweise ‹Frauenförderung› oder ‹Diskriminierung im Hochschulalltag› nennen, öfter heissen sie ‹Vereinbarkeit von Beruf und Karriere› oder schlicht ‹Nachwuchsförderung›», sagt Brigitte Manz-Brunner, die mit Carla Zingg im Jobsharing das Gleichstellungsbüro «equal» der ETH Zürich führt. Hier erhöhte sich der Studentinnenanteil in den letzten zehn Jahren von 20,4 Prozent auf 29,1 Prozent; von 278 ordentlichen Professuren werden 12 von Frauen besetzt.
Wie internationale Studien zeigen, ist das Schönreden von fortdauernden Ungleichheiten ein häufiges Phänomen bei jüngeren Frauen; nicht nur bei Studentinnen, sondern auch bei Wissenschafterinnen, die überzeugt sind, dass sie gleichberechtigt sind, weil sie es sein wollen. Aufgewachsen mit einem neuen Leitbild der Paarbeziehung, geprägt vom Modell der Autonomie zweier Subjekte, die sich in einer egalitären Beziehung zusammentun und sich an ihren individuellen Interessen orientieren, haben sie es satt, in die Rolle der Diskriminierten gedrängt zu werden. Das ist für ihre Selbstbehauptung durchaus von Vorteil, es führt aber dazu, dass die bestehenden Ungleichheiten eher erhalten bleiben.
Mehr Studentinnen – das heisst denn auch noch lange nicht, dass sich die Hochschulen fundamental verändert haben. Frauen bevorzugen nach wie vor jene Fächer, in denen sie schon seit Jahrzehnten stark vertreten sind: Sprach- und Literaturwissenschaften, Sozialwissenschaften und Veterinärmedizin, Biologie, Pharmazie und Architektur – tendenziell sogenannt weiche Wissenschaften.
Kaum beeinflusst wird die Studienwahl vom Anteil von Professorinnen in einem Fach (nur gerade die beiden erstgenannten Studienrichtungen weisen einen überdurchschnittlich hohen auf). Alte Muster wirken offensichtlich noch immer stärker als neue Frauenvorbilder. Die Lockrufe der traditionell männlich dominierten Studienrichtungen indes vermögen die Frauen, die ihr Studium heute seltener abbrechen als noch vor zwanzig Jahren, nur bedingt anzuziehen. Dabei sind die Anstrengungen beträchtlich. Die ETH Zürich führt regelmässig Mittelschülerinnentage durch, bietet Schnupperwochen an und organisiert Wanderausstellungen in den Gymnasien. Trotzdem ist der Frauenanteil in diesen Männerdomänen nach wie vor tief: 6 Prozent in der Elektrotechnik, 7 Prozent in den Maschineningenieurwissenschaften, 10 Prozent in der Informatik. Anderseits darf man die Zuwachsraten nicht unterschätzen. 1995 gab es nur 2,7 Prozent Elektrotechnikerinnen, 3,9 Prozent Maschineningenieurinnen und 4 Prozent Informatikerinnen.
Die Männer ihrerseits ziehen sich langsam, aber sicher aus jenen Berufen zurück, deren Zukunft ihnen ökonomisch ungewiss erscheint. Sie studieren heute mit Blick auf die schrumpfende Landwirtschaft kaum mehr Veterinärmedizin. Rückläufig ist ihr Anteil auch bei der Humanmedizin. Trotzdem ist die Medizin prestigemässig (noch) kaum abgewertet worden, wohl nicht zuletzt darum, weil die oberen Hierarchiestufen nach wie vor fast ausschliesslich von Männern besetzt sind; an der Universität Basel sind von 101 Professuren in der Humanmedizin (ordentliche und vollamtliche ausserordentliche) 9 von Frauen besetzt, in Zürich sind es von 87 gerade 3.
Sind Frauen stark in der Minderheit, wie das in vielen Studienrichtungen an den technischen Hochschulen der Fall ist, liegt ihre Rate bei den Abschlüssen oft erstaunlich hoch. In den Ingenieurwissenschaften an der ETH Zürich machen die Frauen bei den Studierenden keine 10 Prozent aus, bei den Doktorierenden dagegen liegt ihr Anteil bei 12 Prozent. «Vielfach hat das den einfachen Grund, dass Frauen damit den schwierigen Übergang in die Berufswelt hinauszögern. Zudem kommen viele Ausländerinnen in die Schweiz und promovieren hier.» Das sagt die pensionierte ETH-Titularprofessorin Katharina von Salis, die sich als Pionierin für die Chancengleichheit an den Hochschulen einen Namen gemacht hat.
Auffallend ist, dass die Förderung der Chancengleichheit an den Schweizer Hochschulen erst spät, Anfang der 90er Jahre, eingesetzt hat, jetzt aber mit einer Ernsthaftigkeit betrieben wird, von der die Frauen in der Privatwirtschaft nur träumen können. Das Bundesprogramm Chancengleichheit von Mann und Frau verfügte in der ersten Phase (2000–2003) über ein Budget von 16 Millionen Franken, ebenso viel wird für die zweite Phase (2004–2007) eingesetzt. Ziel ist eine Verdoppelung des Professorinnenanteils an den Universitäten von 7 Prozent im Jahr 1999 auf 14 Prozent im Jahr 2006. Mit drei Massnahmen soll der Frauenvormarsch beschleunigt werden: Universitäten, die Frauen berufen, erhalten zusätzliche Mittel, die Betreuungs- und Vernetzungssysteme zur Förderung von Nachwuchswissenschafterinnen werden ausgebaut, und das Kinderbetreuungsangebot wird aufgestockt.
Letzteres ist, wie die 163-seitige Evaluation der ersten Phase des Bundesprogramms zeigt, am wenigsten problematisch. Horte statt Worte – das scheint unbestritten zu sein. An den Universitäten sind 131 neue Krippenganztagesplätze eingerichtet worden, nochmals gleich viele, wie zuvor angeboten wurden. Schwierig umzusetzen ist das finanzielle Anreizsystem bei Berufungen von Frauen, nicht zuletzt, weil die Gleichstellungsbeauftragten an den meisten Universitäten bei den Berufungsverfahren gar nicht direkt mitreden können. Immerhin wurden im Rahmen des Bundesprogramms bisher durchschnittlich 18 Prozent Frauen berufen. Ende August 2004 lag der Professorinnenanteil bei 10,8 Prozent.
Unterschiedliche Erfahrungen wurden mit den Programmen zur Nachwuchsförderung gemacht. «Die Veranstaltungen bedeuten für die Frauen eine zusätzliche Belastung, können aber enorm wertvoll sein», sagt Elisabeth Maurer, Gleichstellungsbeauftragte der Universität Zürich. Sie erwähnt eine Gruppe von Frauen im universitären Mittelbau, die Vertreter von angesehenen Wissenschaftspublikationen einluden, die ihnen Wege zeigten, wie man zu erfolgversprechenden Publikationslisten kommt. Bereits erkundigen sich Männer, ob sie bei diesen Veranstaltungen nicht auch mitmachen könnten – ein untrügliches Zeichen für die Attraktivität solcher Anlässe.
Sicher ist, dass wir mit wenig Geld viel gemacht haben», sagt Gabriela Obexer-Ruff, Koordinatorin des Bundesprogramms zur Chancengleichheit. Diese Einschätzung teilen nicht alle. So offen sagt das zwar niemand, aber die Frage wird gestellt, was denn ohne die Programme anders wäre. Im derzeitigen politischen Klima wären sie jedenfalls kaum gebilligt worden. Die Gleichstellungsbeauftragten der ersten Stunde hatten davon geträumt, dass der Bund analog zum Migros-Kulturprozent ein Prozent für die Chancengleichheit aufwenden würde. Beim heutigen Grundbetrag von 500 Millionen Franken, den der Bund an die Hochschulen zahlt (dazu kommen projektbezogene Beiträge sowie Investitionsbeiträge), wären das 5 Millionen pro Jahr gewesen; heute sind es 4 Millionen jährlich.
Ähnliche Programme laufen übrigens auch an den Fachhochschulen, die seit 2000 Frauenförderung betreiben; sie haben bereits 80 Projekte initiiert. Und neue Nachdiplomlehrgänge wie das Gender Management an der Fachhochschule Solothurn-Nordwestschweiz – hier lernen die Studierenden, wie man Entwicklungsprozesse geschlechtergerecht konzipiert – lassen Hoffnung aufkommen, dass immer breitere Kreise die Gleichstellung als wichtige Voraussetzung für eine wachsende Wirtschaft anerkennen.
Zu den vorrangigen Aufgaben der Gleichstellungsbüros an den Hochschulen gehört im Moment, sicherzustellen, dass die Frauenförderung auch nach 2007 ein Thema bleibt. «Geht das Bundesprogramm nicht in eine dritte Phase, muss dafür gesorgt werden, dass die Massnahmen und Ressourcen zur gezielten Verbesserung der Stellung der Frauen in die reguläre Universitätsplanung und -budgetierung integriert werden. Das bedeutet in Zeiten der Finanzknappheit enorm viel Überzeugungsarbeit», sagt Elisabeth Maurer.
Doch alle Frauenförderung bleibt ein Tropfen auf den heissen Stein, wenn es nicht gelingt, auch die Strukturen an den Hochschulen frauenfreundlicher zu gestalten, das Dogma der unbegrenzten zeitlichen Verfügbarkeit zu kippen und neue Karrieremodelle zu etablieren, die dem Wunsch der Frauen entgegenkommen, eine ausgeglichene Work-Life-Balance zu finden. Dazu gehörten mehr Teilzeitprofessuren, doch diese stossen noch immer auf Skepsis – besonders in Bezug auf die Forschungsqualität, wie eine Studie zeigt, die derzeit an der Universität Basel läuft.
Längst nicht jede Professorin an der Universität ist heute ein Vorbild für die jungen Frauen; nur schon deshalb nicht, weil die Mehrzahl kinderlos ist, während sich 80 Prozent der jungen Akademikerinnen Kinder wünschen. Zudem wirken viele Professorinnen in den Augen der jungen Frauen zu «tough» und zu streng, zeigen zu wenig Sozialkompetenz.
«Studentinnen, vor allem wenn sie wie die Wiedereinsteigerinnen schon etwas älter sind, haben höhere Erwartungen an die Wissensvermittlung und Kommunikationskultur und sind deshalb häufiger enttäuscht», sagt Wiebke Rüegg-Kulenkampff, Psychoanalytikerin und Beraterin an der psychologischen Beratungsstelle der Universität Zürich. «Im Mittelbau beobachte ich, dass viele Frauen aussteigen, weil sie für ihre wissenschaftliche Karriere keine Perspektive sehen, weil sie gezielte Förderung vermissen, aber auch weil sie sich dem wenig transparenten Wettbewerb nicht aussetzen wollen. Von Chancengleichheit sind wir noch weit entfernt.»
Das bestätigt auch die in Bielefeld lehrende Schweizer Soziologin Bettina Heintz. In ihrer jüngsten Studie, «Wissenschaft, die Grenzen schafft», schreibt sie: «Auch bei gleicher Leistung haben Frauen geringere Chancen, in akademische Spitzenpositionen zu gelangen.»
Yvonne-Denise Köchli ist Verlegerin und Publizistin; sie lebt in Zürich.