«QUO VADIS, DOMINE?» fragte Petrus, als Jesus ihm in Rom erschien: «Wohin gehst Du, Herr?» Die Frage eines Verwirrten, der auf die Antwort lauerte. Verwirrt sind auch wir - aber worauf lauern wir, wenn wir lesen: «Paradigmawechsel der schweizerischen Bundesstaatlichkeit?», als Überschrift über einer ganzen Seite der NZZ? Da drängeln sich die Fragezeichen: Wie viele Leser wissen, was ein Paradigma ist, oder sind gar neugierig, ob und wann es wechsle? Die Minderheit derer aber, die Kenntnis mit Wissensdrang verbinden: Warum wird sie mit einer Frage abgespeist? Sind Leser nicht Leute, die sich eine Zeitung halten, damit sie ihnen Antworten liefert?
«Neapels Kardinal an Wucher beteiligt?» fragt uns der Berner Bund. «Bestellter Drohbrief?» der Tages-Anzeiger. «Vier Vorwürfe gegen Clinton?» das St. Galler Tagblatt. Wüssten wir's - gern würden wir's der Redaktion erzählen. Und dann die Frankfurter Allgemeine: «Heisst der nächste slowakische Ministerpräsident Dzurinda?» Da nähert sich die Frage ihrer schaurigen Urbedeutung an: der Folter. Heisst er Dzurinda oder heisst er nicht? fragen wir verzweifelt, aber der Autor lässt uns mit unserer Qual allein.
Folter, ja: Im lateinischen quaestio verfestigt, im englischen und französischen question noch immer als historischer Wortsinn registriert: Befragung, peinliche Befragung, Inquisition! Nur haben unsere Zeitungen einen Tausch vorgenommen: Aus dem antiken «Antworte, oder wir foltern dich» haben sie das moderne «Wir foltern dich mit unseren Fragen» gemacht, «und die Antwort liest du später oder nie». So fragte die Hamburger Zeit: «Leben wir in der Nacht der Postmoderne, in der alle Kühe lila sind?» Antworte, Zeit! Und die NZZ fragte: «Vorgehen der Taliban gegen Usama bin Ladin?» Welche Pein, es nicht zu wissen!
Nun ist es ja richtig, dass das Leben mehr Fragen stellt als Antworten liefert, und es ehrt den kritischen Journalisten, wenn er seinen Lesern eine Gewissheit, die nicht herrscht, auch nicht vorgaukeln möchte. Als die NZZ mit der Frage aufmachte: «Was nützen Nato-Luftangriffe?», da war das eine abwägende Analyse, die im Text zu einer Antwort kam: im Kosovo wahrscheinlich nichts. Dergleichen ist auch in der Zeitung ein legitimer Umgang mit dem Fragezeichen.
Wo aber die Überschrift eine Neuigkeit signalisiert, haben die meisten Leser das Lohengrin-Gefühl: «Nie sollst du mich befragen!» Es sind ja die Antworten, für die wir bezahlen. «Steht Los Angeles die Apokalypse unmittelbar bevor?» fragte uns die Süddeutsche Zeitung, und siehe, wir wussten es nicht. «Kein Grund zur Panik in Italien?» fragte die NZZ im Wirtschaftsteil - «kein» mit Fragezeichen, schon mal ein Leckerbissen. Krise in Italien, die Angst geht um; aber die italienischen Analysten, die die NZZ befragt, sehen zur Panik keinen Grund. Sollen wir ihnen glauben? Mit einem Misstrauen, das ihn ehrt, produziert der Redaktor eine Schlagzeile, die sich dem Rätsel nähert.
Steigerungen wären denkbar: Vielleicht kein Grund zu keiner Panik in Italien? Oder, um den Zweifel zwiefach zu verdeutlichen, ein doppeltes Fragezeichen, wie das Spanische es vorsieht, das erste am Anfang des Fragesatzes auf den Kopf gestellt? «O wo bist Du, meine Herrin, dass Dich fühllos lässt mein Schmerz?» fragt Don Quijote; im Original: «¿Donde estás, Señora mia, que no te duele mi mal?»
Die Vorliebe für die fragende Schlagzeile fällt in eine Zeit, in der die junge Generation dabei ist, sich das Fragezeichen gänzlich abzugewöhnen. «Was ist der Grund dafür», schreiben junge Leute oder «?Warum denn?, fragte sie» - Fragen ohne Zeichen, der Grammatik zuwider, indessen im Tonfall nachhaltigen Gelangweiltseins, cool. Längst entschlafen ist das hübsche melodiöse, immer noch erlaubte Fragezeichen in indirekter Rede: «Wir fragten, ob der Weg über die Furka noch gangbar wäre?» schrieb Goethe aus der Schweiz.
Mit der Frage und ihrem Zeichen kommt ja so viel Musik und Spannung in die Sprache wie mit keiner anderen Stilfigur. Wir fragen nach der Entscheidung (Kommst du?), nach den näheren Umständen (Wann kommst du, wie, woher?), nach den Gründen (Warum kommst du nicht?). Wir fragen drohend wie Othello («Hast du zur Nacht gebetet, Desdemona?») oder wie der Professor in der Prüfung; leitend und belehrend fragen wir wie Sokrates («Kann ein Gerechter jemanden ungerecht machen durch Gerechtigkeit?»), um Bestätigung bittend («Sie ist doch nett, oder?») oder bloss rhetorisch, das heisst: Der Fragende kennt die Antwort und der zum Schein Befragte ebenfalls. «Sag mir, wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben?» fragte Marlene Dietrich melancholisch im Chanson. «Kann ich Armeen aus der Erde stampfen?» fragt bei Schiller trotzig der König.
Fragen schliesslich, die sich der Antwort verweigern: die Hamlet-Frage «Sein oder Nichtsein», die Pilatus-Frage «Was ist Wahrheit!» Manche Fragen sind eben besser, als die Antworten es sein könnten. Und wenn wir von der sozialen Frage sprechen, so meinen wir gar nichts, was nach einem Fragezeichen riefe, sondern ein Problem - mit wenig Chancen, es zu lösen. Wie Brecht (im Epilog zum «Guten Menschen von Sezuan») sehen auch wir betroffen «den Vorhang zu und alle Fragen offen».