Am Anfang stand das Misstrauen. James Ritty, Barbesitzer in Ohio, hatte die Nase voll. So gut seine Kneipe auch lief, am Ende des Monats war er so arm wie zuvor. Vermutlich steckten die Kellner einen Grossteil der Einnahmen in die eigenen Taschen. 1878 fuhr Ritty frustriert zur Erholung nach Europa. An Bord freundete er sich mit dem Schiffsingenieur an. Tagelang hockte er im Schiffsbauch und liess sich die Dampfmaschine erklären. Ein Anzeiger, der die Umdrehungen der Schiffsschraube registrierte, erweckte sein besonderes Interesse: Liesse sich nicht ein ähnliches Gerät für seine Bar in Ohio bauen, das die verkaufte Ware registrierte?
Wieder zu Hause, baute Ritty eine Holzkiste mit Zifferblatt, zwei Zeiger für Dollar und Cent. An der Kiste waren zwei Reihen Tasten, die in Schritten von fünf Cent die Preisskala der Bar repräsentierten. Rittys Registriermaschine war noch keine Kasse, denn es fehlte die Geldschublade. Dafür besass sie bereits das Markenzeichen der späteren Modelle: Wenn der Hebel zum Addieren der neuen Bestellung betätigt wurde, ertönte ein Glockenklang. So wussten Kunde wie Chef, dass die Bestellung registriert worden war. Am Abend zeigte die Summe der laufend mechanisch zusammengezählten Einzelverkäufe den Umsatz.
Einige Prototypen später stand «Rittys unbestechliche Kasse» in der Bar: In einem Fenster tauchten für jedermann sichtbar jene Ziffern auf, die der Kellner gerade eingetippt hatte. John Patterson, ein Lebensmittelhändler aus Ohio, litt ebenfalls unter der Unehrlichkeit seines Personals. Als er von Rittys Kasse hörte, bestellte er umgehend zwei. Ein Jahr später war der Umsatz in seinem Geschäft um 6000 Dollar gestiegen. Patterson kaufte 1884 von Ritty die Rechte, unter dem Namen National Cash Register Company (NCR) wurde seine Kassenproduktion ein Erfolg. Weiterentwicklungen wie die Papierrolle, die eine Kundenquittung ausspuckte, und schliesslich eine mit dem Klingelzeichen sich öffnende Geldschublade gaben der Registrierkasse ihr viele Jahrzehnte gleichbleibendes Gesicht.
Die NCR hatte kein Monopol auf Registrierkassen. Zwischen 1886 und 1895 entstanden über 130 Produktionsfirmen: Es gab Kassen, die anstatt Tasten lediglich Löcher für die verschiedenen Geldwerte hatten, wobei der Angestellte für jeden Verkauf Murmeln in die entsprechenden Löcher warf. Für die abendliche Bilanz musste der Boss dann die Kugeln in den Fächern zählen. Ein Produzent ersetzte das Klingelzeichen durch einen Kuckucksruf. Dank der zuverlässigen Kontrolle der getätigten Verkäufe und eingenommenen Gelder machte die Registrierkasse immer grössere Läden möglich. Registrierkassen wurden für Geschäftsinhaber zum Statussymbol. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es wahre Altäre aus solidem Messing, verziert mit barocken Beschlägen und Kristallschmuck.
Es sollte fast ein Jahrhundert vergehen, bis mit der elektronischen Datenverarbeitung eine neue Technik die herkömmliche Registrierkasse verdrängte. Der Kassenbereich in den grossen Geschäften erhielt ein völlig neues Gesicht: Auf einem Förderband zur Kassierin geschoben, wird jeder Artikel mit einem Scanner kurz angeblitzt, der Kassencomputer erkennt, was zu verbuchen ist. Die Schlüsseltechnologie ist der Strichcode, eine auf der Ware aufgedruckte Abfolge weisser und schwarzer Streifen, die das Produkt eindeutig charakterisiert. Es soll ein Kaugummipäckchen der Marke Wrigley’s gewesen sein, das im Juni 1974 in einem Supermarkt ebenfalls in Ohio erstmals per Strichcode gescannt wurde.
Heute ist die Kasse mit einem Onlineterminal verbunden zum bargeldlosen Abrechnen per Kredit- oder Kundenkarte. Die Kasse erfasst nicht nur die ausgewählte Ware und bucht den Kaufbetrag vom Kundenkonto ab, sie registriert auch laufend, was im Geschäft verkauft worden ist und allenfalls nachbestellt werden muss. Um Personal zu sparen, haben einige Supermärkte an den Kassen die Selbstbedienung eingeführt. Der Kunde muss seine Ware selbst mit einem Scanner registrieren und die Sachen auf eine Packfläche legen. Dort vergleicht eine Waage das Gesamtgewicht mit den im Computer gespeicherten Gewichten der Produkte. Wenn die vom Kunden gescannte Ware ein anderes Gewicht als die Computeraddition hat, macht eine Stimme auf die Diskrepanz aufmerksam.
Herbert Cerutti ist Wissenschaftsjournalist in Wolfhausen.