MATHEMATIK ist die Welt des Rationalen und Berechenbaren; Sprache ordnen wir eher den Gefühlen zu. Und doch hat auch die Sprache ihre mathematischen Gesetzmässigkeiten.
In New York veröffentlichten in den Jahren 1787 und 1788 Alexander Hamilton, John Jay und James Madison 85 Schriften. Mit den «Federalist Papers» wollten sie die Bevölkerung für die neue Staatsverfassung gewinnen. Für Historiker sind diese Schriften wichtig, denn sie geben Einblick in das Denken jener Männer, die die Verfassung der Vereinigten Staaten entscheidend mitgestalteten. Zum Leidwesen der Geschichtsforscher tragen die einzelnen Texte jedoch keinen Autorennamen. Mit Hilfe anderer Quellen war es trotzdem gelungen, den Grossteil der «Federalist Papers» zuzuordnen: 51 Schriften stammen von Hamilton, 14 von Madison, 5 von Jay und 3 hält man für Gemeinschaftsarbeiten.
Bei den restlichen zwölf Schriften aber blieb die Autorenschaft offen. Bis Frederick Mosteller und David Wallace 1962 die Nuss mit mathematischen Methoden knackten, wie Keith Devlin im Buch «Muster der Mathematik» berichtet. Gestützt auf die Beobachtung, dass jeder Autor einen persönlichen Schreibstil hat, suchten die beiden Mathematiker nach sprachlichen Häufigkeitsmustern. In Dutzenden von Schriften, deren Urheber unbestritten jeweils einer der drei Politiker war, ermittelten sie per Computer, wie oft 30 Wörter der englischen Sprache vorkommen.
Die linguistischen Vorlieben Jays erwiesen sich bald schon als sehr verschieden von denjenigen seiner beiden Kollegen. So taucht bei ihm das Wort «the» pro 1000 Wörter im Mittel 67mal auf, bei Hamilton dagegen 91mal und bei Madison 94mal. Auch die Verwendung sinnverwandter Ausdrücke kann ein Kriterium sein. Ergab die Analyse für «while» und «whilst» keinen merklichen Unterschied, wurden die Forscher bei «on» und «upon» fündig: Hamilton verwendet beide Wörter praktisch gleich oft; bei Madison findet sich «upon» fast nie.
Das einzelne analysierte Wort überzeugt statistisch noch wenig. Aber die kombinierte Analyse aller 30 Wörter liefert für jeden Autor einen individuellen linguistischen Fingerabdruck. Als Autor aller 12 noch nicht zugeordneten «Federalist Papers» ergab sich nach dem mathematisch-linguistischen Wörtervergleich mit grosser Sicherheit Alexander Madison.