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NZZ Folio 01/07 - Thema: Schmerz   Inhaltsverzeichnis

Das Experiment -- Rauchen ist gesund

© Hulton-Deutsch Collection/Corb...
Wissen sie nicht, was sie tun? Raucher verharmlosen gern die Folgen des Rauchens. Linktext
Vor 50 Jahren zeigten Psychologen: Der Mensch ist ein Meister darin, die Wirklichkeit so hinzubiegen, dass widersprüchliche Gedanken, Wünsche und Handlungen zueinander passen.

Von Reto U. Schneider

Im Jahr 1956 spielten sich in einem Büro der Universität Stanford seltsame Szenen ab. Einundzwanzig junge Studentinnen sassen eine nach der anderen dem 24-jährigen Elliot Aronson gegenüber und lasen ihm von Karten, die er ihnen gegeben hatte, obszöne Wörter vor: vögeln, Schwanz, bumsen. Hatten sie die zwölf Karten durch, gab ihnen Aronson zwei Bücher, aus denen sie «lebhafte Beschreibungen sexueller Aktivität» vortragen mussten, wie er es später in einem Fachartikel beschrieb. Eines davon war Henry Millers «Wendekreis des Krebses», das in den USA damals verboten war.

Die Studentinnen hatten sich gemeldet, um in einer Gruppe mitzumachen, in der die «Dynamik des Gruppendiskussionsprozesses» untersucht werde. Das Thema der Diskussion erfuhren sie erst, als sie vor Aronson sassen: die Psychologie von Sex. Er erklärte ihnen, das Vorlesen der obszönen Wörter sei eine Art Eintrittstest für die Diskussionsgruppe. Anhand von Erröten, Stottern und anderen Zeichen der Scham würde er ein «klinisches Urteil» darüber fällen, ob sie unbefangen über Sex sprechen könnten.

Tatsächlich ging es Aronson um ganz etwas anderes. Er besuchte als angehender Psychologe ein Seminar bei Leon Festinger, der gerade seine Theorie der kognitiven Dissonanz aufgestellt hatte. Mit ihrer Hilfe liess sich widersprüchliches Verhalten von Menschen im Alltag erklären.

Zwischen dem, was Menschen denken, und dem, was sie tun, besteht oft ein grosser Unterschied: Raucher kennen die Gefahren des Rauchens und rauchen trotzdem, Frauen wissen, dass Markenschuhe viel zu teuer sind, und kaufen sie dennoch. Festinger nannte diese Spannung kognitive Dissonanz und war überzeugt davon, dass der Mensch sie abbauen will, indem er Handeln und Denken wieder in Übereinstimmung bringt. Und da er oft nicht anders handeln will oder kann, bleibt ihm nur, sich abenteuerliche Rechtfertigungen für sein Tun auszudenken, die er dann bereitwillig selber glaubt: Rauchen ist gar nicht so schädlich, Markenschuhe sind von besserer Qualität.

Als die Studenten im Seminar von Festinger nach Situationen suchten, die zu einer kognitiven Dissonanz führten, fielen ihnen Initiationsriten ein. Könnte es sein, dass die Zugehörigkeit zu einer Gruppe nach einer mühevollen Initiation besonders attraktiv erscheint?

Diese Frage wollten Aronson und sein Kollege Judson Mills klären. Als erstes brauchten die beiden Forscher einen Initiationsritus. «Wir sassen zusammen, und die Ideen sprudelten nur so aus Aronson heraus. Eine davon war ‹obszöne Wörter vorlesen›. Da sagte ich: ‹Das ist es!›»

Nachdem die Studentinnen die Wörter vorgelesen und den Test bestanden hatten, wollten Aronson und Mills feststellen, ob sie die Mitgliedschaft in der Gruppe höher werteten als Studentinnen, die keinen oder einen harmloseren Test gemacht hatten.

Dazu wurden alle Versuchsteilnehmerinnen über Kopfhörer in das laufende Gespräch der Diskussionsgruppe eingeschaltet. Aronson erklärte den Studentinnen, dass sich jede Gesprächsteilnehmerin in einem anderen Raum befinde und sich über eine Gegensprechanlage mit den anderen unterhalte. Ohne einander ansehen zu müssen, lasse sich einfacher über Sex diskutieren. Der wahre Grund, weshalb die Versuchsteilnehmerinnen nicht direkt zur Diskussionsgruppe stossen durften, war, dass es sie nicht gab. Die Stimmen kamen ab Band. Um zu verhindern, dass sich die Studentinnen am Gespräch beteiligten, sagte man ihnen, sie sollten als Vorbereitung einfach zuhören.

Was die Studentinnen zu hören bekamen, war eine der «wertlosesten und langweiligsten Diskussionen, die man sich vorstellen kann», wie Aronson und Mills später schrieben. Damit sollte die grösstmögliche Dissonanz zum unangenehmen Eintrittstest geschaffen werden.

Und tatsächlich stuften die Studentinnen, die den peinlichen Test absolviert hatten, die Diskussion als viel interessanter ein als jene, die ohne Test in die Gruppe aufgenommen wurden. Um die Spannung zwischen dem mühevollen Eintritt und der langweiligen Diskussion zu vermindern, deuteten sie die Diskussion kurzerhand als interessant.

Das Verringern der kognitiven Dissonanz ist eine urmenschliche Strategie zur Lebensbewältigung. Es löst innere Widersprüche auf und versöhnt mit unerfüllten Wünschen. Wie sagte schon der Fuchs in Äsops Fabel, nachdem er nicht an die reifen Trauben herangekommen war: «Ich mag keine sauren Trauben.»

Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.



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