NZZ Folio 08/05 - Thema: Männer   Inhaltsverzeichnis

Der Mann meines Lebens

© Dani Levy
Momente der Männlichkeit, Bild 5. Linktext
Auf der Suche nach einem Vater, der mir das Leben erklärte und nicht da war, als ich ihn brauchte.

Von Mikael Krogerus

Am Tag, als du uns verlassen hast, verlor die Welt für mich etwas von ihrem Glanz. Das war mir nicht sofort klar, ich sollte es erst viel später verstehen. Es war ein müder Maimorgen, ich war elf oder zwölf und hatte genug damit zu tun, die Niederlage meines Lieblingsvereins und mein aufflammendes Interesse an den Mädchen meiner Klasse zu verkraften. Die Mutter sagte uns: Er wohnt nicht mehr hier. Sechs Jahre zuvor hatte sie gesagt: Er wohnt jetzt hier.

Er, das warst du, und du warst nicht mein richtiger Vater. Du warst der zeitweilige Freund meiner Mutter. Ein toller Typ, mit ansteckender Leidenschaft, voller verspielter Lebensfreude und voller Energie. In deiner Gegenwart wirkte das Leben wie ein Abenteuer. Du warst nicht mein Vater, und doch nimmst du in meinem Leben einen Sonderplatz ein, den dir keiner streitig macht. Du hast mir das Leben erklärt. Und du hast es mir so aufregend erklärt, als sei es ein Kapitel in einem Rudyard-Kipling-Buch und nicht eine endliche Angelegenheit, die wir mit Würde hinter uns bringen müssten. Leider hast du mir nur ein Kapitel vermittelt und nicht das ganze Buch.

Ich war fünf, als ich dich das erste Mal sah. Du hattest einen schwarzen Vollbart und eine fremde Sprache, ich versteckte mich hinter der Tür. Ich spürte Furcht, vielleicht war es auch Aufregung, und blickte dich mit grossen Augen an, doch anstatt mir über den Kopf zu streicheln und zu denken, das gebe sich dann schon, hast du Löcher in zwei Kastanien gebohrt und an jeder eine Schnur befestigt. Wir liessen die Kastanien kreisen und gegeneinander knallen. Die Kastanie, die heil blieb, hatte gewonnen. Deine Neugierde und deine Lust aufs Leben waren nicht aufgesetzt, du meintest es ernst, du warst einer von uns. Ein Abenteurer, der nicht erwachsen werden konnte, du konntest die Welt gar nicht anders als mit Kinderaugen schauen.

Du brachtest mir Zeichnen, Fussball und Gitarrenspielen bei, meine Ungeschicklichkeit in allen drei Disziplinen hat dich nicht weiter gestört. Abends hast du dich zu uns mit der Gitarre ans Bett gesetzt, wir durften uns ein Lied wünschen. Du warst, obwohl notenblind, ein begnadeter Musiker. Wenn du sangst, klang es wie Paul McCartney. «Hey Jude» klang aus deinem Mund, als habe das vor dir noch keiner gesungen. Noch Jahre später überkommt mich bei den ersten Akkorden diese furchtbare Einsamkeit, die man nur als Kind allein im Bett fühlt.

Es war an einem der letzten Tage des Sommers, du hattest mich zum See mitgenommen. Die Luft war noch warm, aber die Sonne schien nicht mehr. Ein kalter Wind war aufgekommen, der den dunklen See aufwühlte und Blätter durch die Luft wirbelte. Wir trugen das Kanu zum Wasser, es wurde schon dunkel, ich war neun. Du hattest beschlossen, noch einmal hinauszufahren, obwohl das Barometer auf Sturm gestanden hatte, obwohl das schwarze Wasser jetzt Wellen mit weissen Schaumkronen an den Strand warf. Du trugst das Kanu zum Wasser, weil du ein Abenteuer erleben wolltest, ich folgte dir, weil ich dir vertraute.

Die Strömung auf dem sonst so friedlichen See war stark. Ich rief dir zu, wir sollten umkehren. Du schriest mich durch den Sturm an: «Hör auf, Angst zu haben.» Es war schweinekalt, ich war müde und am Ende, aber ich verstand, was du meintest. Ich sollte aufhören, Angst zu haben vor dem Wasser, vor der Kälte, vor morgen, vor dir, vor mir. Ich spürte zum ersten Mal, wie es ist, wenn man die Angst besiegt und die Freiheit erobert. Und dann kenterte das Kanu. Wir stürzten kopfüber in das kalte Wasser, ich verlor die Orientierung und spürte, wie der See mich nach unten zog. Augenblicklich schoss mir in den Kopf, was du mir über den Tod erzählt hattest: dass in unseren letzten Sekunden das Leben an uns vorüberzieht.

So überlegte ich also in aller Ruhe, was denn bis jetzt so gewesen war. Ich liess meine Schwester, unser Haus in Schweden, meine Mutter an mir vorbeiziehen. Bis du mich mit einem kräftigen Griff am Nacken wieder an die Wasseroberfläche zogst. Wir klammerten uns an das Kanu und trieben schliesslich an Land. Dann hast du mich in die Arme geschlossen. Ich sagte: Du hast mein Leben gerettet. Du sagtest: Es war ein Fehler, hinauszufahren. Hand in Hand stiegen wir die Böschung zum Haus hinauf. Wir froren in unseren nassen Kleidern. Meine Mutter schimpfte. Ich spürte, dass ich sehr bald viel älter sein würde.

Mit dir im Garten Fussball zu spielen, war mehr als Zeitvertreib, es war, wie alles bei dir, etwas Bedeutendes. Ich verlangte immer, dass du mich nie schontest. Und so holte ich Mal um Mal den Ball aus den Rhododendronbüschen, die das Tor markierten, und würgte die Tränen herunter. Du konntest gefühllos sein und hast über meine Tränen gespottet. Nach dem Spiel nahmst du mich in den Arm.

Politisch warst du links. Nicht, weil es sich damals gehörte, du warst es, weil du die Verhältnisse nicht akzeptieren wolltest, so wie sie waren, und aus Begeisterung für Utopien. Ich sehe dich noch mit den verwegensten politischen Büchern aus der Bibliothek meiner Mutter vor mir, die du mit Markern und Bleistiftnotizen ruiniert hast. Du warst kein Intellektueller, du warst ein Künstler. Auf deinen Ausgrabungsstellen hast du, statt die Fundstücke abzuzeichnen, Kunstwerke gemacht. In mein Tagebuch schrieb ich mit krakeliger Kinderschrift: «Er hat wieder keine Arbeit. Vielleicht hat er nicht gelernt zu arbeiten. Ich glaube, er hat viel wichtigere Dinge gelernt als arbeiten.» Du hast mich gelehrt, dass man Menschen in die Augen sehen muss, wenn man sich entschuldigt, und dass es sich lohnt zu kämpfen. Es ist die Sehnsucht, die einen weitermachen lässt, sagtest du auch noch. In deiner Gegenwart glaubte ich an das Leben. Heute weiss ich, du hattest einfach Achtung vor dem Kostbarsten, das ich besass: Illusionen.

Weil du nicht imstande warst, geordnete Verhältnisse zu schaffen, waren sie dir tief zuwider. Deine Sammlungen an Zetteln, Zeichnungen, Notizen, Zeitungen waren ein Abbild davon. Du hast nie Geld nach Hause gebracht, du hast auf der Strasse Gitarre gespielt und die Einnahmen Greenpeace geschenkt. Die täglich erlebte Unfähigkeit, einer regelmässigen Arbeit nachzugehen, die Erwartungen der andern zu erfüllen, waren dein Menetekel. Die letzten Jahre, die du bei uns warst, wurdest du vollends unberechenbar, unerträglich, gewalttätig. Du warst krank, warst es immer gewesen. Warum bist du gegangen, bevor es wirklich ernst wurde? Warum warst du weg, als ich dich wirklich brauchte? Wolltest du mich verlassen, bevor ich dich hinter mir liess?

Als sich im Gymnasium meine Noten im Einvernehmen mit meinem Betragen verschlechterten, schickte mich meine umsichtige Mutter ins Ausland, nach Paris. In der ersten Pause verliess ich das Gymnasium und trieb mich herum. Vier Wochen lang ging ich morgens mit dem Sohn meiner Gastfamilie aus dem Haus, wir trennten uns vor dem Schultor, und zu Schulschluss fand ich mich dort wieder ein, damit wir zusammen nach Hause kamen. Er fragte nie, was ich den Tag über trieb, wohl ahnend, dass ich die Frage auf Französisch auch gar nicht verstanden hätte.

Am Tag vor meiner Abreise fand ich dich. Du sassest in einem Café auf dem Platz vor der Grande Arche in La Défense. Dein Gesicht war mir fremd, es war nicht lebendig, du sahst aus wie ein Geschäftsmann. Wir sprachen über dieses und jenes. Mal sagtest du etwas, dann sagte ich etwas, dann schwiegen wir beide. Der Bart war ab, du trugst einen Anzug, und statt der Zeichenmappe hattest du eine schweinslederne Aktentasche bei dir. Ich erkannte dich nicht wieder. Ich erkannte mich nicht wieder. Die Erinnerung an unsere Vergangenheit hing bedrohlich über uns. Sie war mir so wichtig und kam mir so verloren vor, dass es schmerzte. Erinnerungen sind das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können, schrieb Jean Paul.

Als wir aufstanden, fragtest du: «Kann ich wieder dein Vater sein?» Ich dachte: Ja. Ich sagte: «Du kannst versuchen, mein Freund zu sein.» Ich habe dich nie wieder gesehen.

Mikael Krogerus ist NZZ-Folio-Redaktor.


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