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NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . . Inhaltsverzeichnis
Was wäre, wenn Deutschland den Ersten Weltkrieg gewonnen hätte
Von Rudolph Chimelli
«Es war ein Fehler, Wilhelm abzusetzen.» So sprach Winston Churchill einmal zwischen beiden Weltkriegen. Er meinte den letzten deutschen Kaiser und fuhr fort: «Der hätte Hitler nicht zum Reichskanzler ernannt!»
Als der blutige Spuk schon fast vorüber war, am 26. April 1945, bestätigte der britische Premier dieses Urteil noch einmal in einem Telegramm an einen seiner Botschafter: «Ich bin der Meinung, wenn die Alliierten am Verhandlungstisch von Versailles nicht geglaubt hätten, das Wegwischen von lange regierenden Dynastien bedeute eine Art Fortschritt, wenn sie einem Hohenzollern, einem Wittelsbach, einem Habsburg erlaubt hätten, auf ihre Throne zurückzukehren, dann hätte es keinen Hitler gegeben.»
Unter Historikern besteht heute weitgehend Konsens über den kausalen Zusammenhang zwischen dem Frieden von Versailles, dem Aufstieg des Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg. Über viele Einzelheiten wird noch diskutiert. Aber natürlich können Wissenschafter nicht über Ereignisse spekulieren, die es nicht gab. Politiker und Journalisten, Spezialisten der virtuellen Weltgeschichte, dürfen das.
Sicher scheint, dass die Welt ganz anders aussähe, wären Deutschland und die mit ihm verbündeten Mittelmächte im Ersten Weltkrieg nicht in Grund und Boden geschlagen worden. Ein Verständigungsfrieden hätte damals im wohlverstandenen Interesse aller gelegen. Ein deutscher Sieg war nach dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg im Jahre 1917 nicht mehr denkbar. Aber selbst der hätte mutmasslich glimpflichere Folgen gehabt als jene, die dann eintraten. Schlimmer als es kam, hätte es kaum kommen können.
Folgt man der Logik Churchills, dann hätte es kein Drittes Reich gegeben, keinen Zweiten Weltkrieg mit seinen Verheerungen und Verlusten, keinen Holocaust. Doch das wäre längst nicht alles. Ohne totale Niederlage der Mittelmächte wäre Österreich-Ungarn nicht zerstückelt worden. Es hätte kein grossserbisches Jugoslawien gegeben und später nicht dessen schmerzhafte Auflösung, keine Balkankriege um Bosnien und Kosovo, keine zweimal errichtete und zweimal zerlegte Tschechoslowakei.
Für die Völker der Nachfolgestaaten der Donaumonarchie waren die sieben Jahrzehnte nach den Pariser Vorortsverträgen nicht glücklich. Kaiser Franz Joseph muss davon eine Vorahnung gehabt haben. Als ihn der amerikanische Präsident Theodore Roosevelt 1903 mit republikanischem Hochmut fragte, welche Aufgabe ein Monarch im 20. Jahrhundert noch haben könne, antwortete er: «Meine Völker vor den Dummheiten ihrer Regierungen zu schützen.»
Bald stellte sich bei vielen Bürgern der Nachfolgestaaten Nostalgie ein. Noch immer feiern Traditionsvereine im vormals österreichischen Triest des Kaisers Geburtstag unter dem Doppeladler. Hätte Otto von Habsburg 1922 von seinem Vater Karl I. die Krone geerbt, er sässe noch heute in der Wiener Hofburg. Ein Ausgleich mit den slawischen Völkern des Reiches, ihre Gleichstellung mit den herrschenden Deutschen und Ungarn sowie die Mutation der Doppelmonarchie zu einem Bundesstaat lagen durchaus im Bereich des Möglichen.
Wie Deutschland ausgesehen hätte, wäre alles anders gekommen, darüber erlaubt ein Blick auf die skandinavischen Königreiche, die Niederlande, Belgien und Luxemburg oder auch Grossbritannien pseudohistorische Phantasien. Statt in der Weimarer Republik, im Dritten Reich und in der Bundesrepublik hätten die Deutschen bis 1941 weiter unter Wilhelm II. und dann unter seinen Nachfolgern in einer parlamentarischen Monarchie gelebt. Seit 1994 würden sie von einem völlig hypothetischen Hohenzollernkaiser Georg Friedrich regiert.
Wie anderswo hätten Geld, Pop-Idole und die Medien inzwischen mehr Einfluss und Macht als gekrönte Häupter. Besonders leicht wäre es den Bayern gefallen, auf Räterepublik und Nazi-Gauleiter zu verzichten. Der weiss-blaue Weg zu Prosperität mit Laptop und Lederhose wäre unter den Königen Ludwig III., Rupprecht I. (1921 bis 1955), Albrecht I. (bis 1996) und seither Franz I. ohne Hindernisse verlaufen.
Auch das Osmanische Reich hätte überleben können. Das heisst, der Nahe Osten, wie wir ihn inzwischen leider kennen, mit seinen von Briten und Franzosen entworfenen Mandatsgebieten und synthetischen arabischen Nationalstaaten wäre nie entstanden: Kein Irak, kein Syrien, kein Libanon, kein Palästina, kein Israel – jeder Name steht für eine Dauerkrise, alle zusammen sind sie die explosivste Region der Erde.
Unter fortdauernder Herrschaft Istanbuls hätten diese Gebiete vermutlich inzwischen den wirtschaftlichen Entwicklungsstand der Türkei erreicht. Die wichtigste Ursache für die Radikalisierung des Islams, der nun schon bald hundertjährige demütigende Konflikt mit dem Westen, wäre entfallen. Ein vom konservativen Islam geprägtes Grossreich zwischen Bosporus und Persischem Golf mit dem Machtpotential der Türken und dem Erdölgeld der Araber wäre eine Idylle, verglichen mit der Realität von heute.
Der osmanische Sultan Abdul Hamid, bei dem Theodor Herzl 1896 vergeblich für eine jüdische Kolonie Palästina warb, zeigte sich ähnlich ahnungsvoll wie der alte Franz Joseph in Wien. «Da müssen Sie schon warten, bis wir gestorben sind», sagte der Beherrscher der Gläubigen dem Begründer des Zionismus, «danach können Sie Palästina gratis haben. Aber Vivisektion lassen wir nicht an uns vornehmen.»
Frankreich freilich hätte das Elsass und Lothringen nicht zurückbekommen. Der Kalender der Franzosen wäre um zwei Feiertage ärmer, den 8. Mai und den 11. November. Der grösste Verlust aber wäre eine Gestalt von der Statur der Jeanne dArc. Mit ihrem berühmten Sinn für einfache Weisheiten stellte die Schauspielerin Arletty einmal lakonisch fest: «Kein Hitler, kein Krieg. Kein Krieg, kein de Gaulle. Wie schrecklich für einen grossen Strategen, sein Leben zwischen zwei Kirchtürmen mit der Lektüre von ‹De bello Gallico› zu beschliessen.»
Rudolph Chimelli ist Islamexperte der «Süddeutschen Zeitung»; er lebt als Korrespondent in Paris.
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