NZZ Folio 12/00 - Thema: Spielzeug   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Lukas' Baumhütte

© Mike Frei
Der Viertklässler Lukas Gimmi aus Hausen am Albis und seine Baumhütte, in die auch seine kleine Schwester darf, aber nur, wenn sie fragt - was sie aber nicht immer tut. Linktext
Von Lilli Binzegger

«DIE IDEE HATTE EIGENTLICH mein Vater, ich glaube, er wollte sie auch ein wenig für sich selber. Wir sahen uns dann um, und da waren da vor dem Haus diese drei Birken. Eigentlich ist es ja keine Baumhütte, sondern eine Standhütte, sie steht auf Pfosten, damit wir keine Nägel in die Bäume schlagen mussten. Umfallen kann sie eigentlich nicht, sie ist wie angelehnt. Mein Vater ist Leiter des technischen Betriebs im Erziehungsheim Albisbrunn, das auch Werkstätten hat, dort gibt es Bretter genug. Ich selber habe nicht so viel gemacht, nur die Läden hinaufgegeben. Aber das war auch sehr nützlich. Ein wenig half auch meine kleine Schwester mit. Das war vor - schwierig zu sagen - vielleicht so zweieinhalb Jahren.

Die Hütte hat jetzt schon die zweite Leiter und das dritte Aufziehsystem, man kann die Leiter heraufziehen, wenn man oben ist. Einmal hat der Lothar sie kaputt gemacht. Der hat auch das Dach weggerissen, wir mussten ein neues machen. Dann haben wir auch gleich eine Dichtung gemacht, damit es nicht mehr hineinregnen kann.

Ich bin nicht mehr ganz so häufig in der Hütte wie früher, da war ich fast jeden Tag drin. Jetzt geht manchmal meine kleine Schwester mit ihren Freundinnen hinauf, wenn sie etwas zu besprechen haben oder Bäbelispiele machen. Wenn sie fragt, darf sie das schon. Aber es ist meine Hütte, ich kann befehlen. Es nervt mich schon, wenn sie sich dort einschliesst, und ich will hinein. Dann macht sie einfach nicht auf. Das kann ich verstehen, weil sie ja dann eins auf den Deckel bekommt. Die grössere Schwester geht nicht mehr hinauf, die ist jetzt dreizehn.

Ich habe auch schon im Schlafsack in der Hütte übernachtet, mit meinem Vater. Er ging dann aber ins Haus wegen des Lärms der Autos auf der Strasse. Es begann dann auch noch zu regnen, aber ich habe trotzdem gut geschlafen. Es wurde zwar schon etwa elf, sonst gehe ich früher schlafen, so um neun.

Man kann die Hütte mit zwei Läden von innen verschliessen. Drinnen gibt es einen kleinen Schrank, einen Klapptisch und einen Stuhl, den mein Vater gemacht hat, und auf dem Boden eine Gummimatte, so ist die Hütte leichter zu putzen. Vorher musste man immer Zeugs aus den Spalten grübeln. Wenn ich reinkomme und sehe, dass es wüst aussieht, nehme ich jetzt einfach schnell den Besen. Gelegentlich machen wir Grossputzete, dann gehen wir mit einem nassen Lappen dahinter. Früher hatte es auf dem Balkon ein Bänkli, das ist dann aber heruntergefallen, zusammen mit meiner grossen Schwester. Es hat ihr nichts gemacht, sie hat nur gelacht. Ich selber bin nie heruntergefallen. Aber ich springe manchmal herunter, und einmal war das nicht so gut, da habe ich mir den Fuss verknackst. Jetzt hänge ich mich meist ans Geländer und springe erst dann. Und es gibt ein Geheimfach, dort drin habe ich Dinge wie Schrauben und Metallteile und eine Metallsäge. Im Schrank bewahre ich nichts auf, weil meine kleine Schwester dort auch hinkommt.

Wenn wir Räuber und Poli spielen, ist die Hütte das Gefängnis, und auch für Versteckis kann man sie recht gut brauchen. Manchmal lese ich dort auch. Zum Beispiel <Die Knickerbockerbande> habe ich in der Hütte gelesen und manchmal etwas für die Schule, aber die Aufgaben mache ich im Haus. Neuerdings gehen die Schwester und ich manchmal ein wenig zeuseln. Wir tunken Zündhölzchen in Kerzenwachs, damit sie besser brennen, stecken ein paar zusammen und zünden sie an. Nein, nein, wir wollen die Hütte natürlich nicht abbrennen! Unsere Hasen habe ich auch schon mit hinaufgenommen, ich habe Tiere gern. Und manchmal schliesse ich die Tür und die Läden und komme nicht mehr heraus, weil man mich geärgert hat und ich muff bin.

Nein, eine Freundin habe ich noch nicht, aber am Freitag werde ich dann wahrscheinlich eine haben. Dann macht ein Kollege bei sich auf dem Bauernhof eine Disco und lädt die ganze Klasse ein. Der Kollege hat sie gefragt, ob sie meine Freundin werden möchte. Sie hat gesagt, es komme drauf an, wenn ich es wollte, dann würde sie schon mit mir gehen. Sie gefällt mir sehr. Sie hat Sommersprossen und braune Haare und ist nett. Dem Kollegen gefällt auch eine, und die habe ich gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, mit ihm zu gehen. Sie sagte: Ja. Vielleicht. Ich weiss nicht. Meine Freundin dürfte dann natürlich auch in die Hütte.

Ich möchte einmal Pilot werden und am liebsten immer das Haus haben, in dem wir jetzt wohnen. Es gehört aber dem Heim, nicht uns. Das Haus steht ausserhalb des Dorfes, ist grau mit blauen Läden und hat viele Zimmer, und man sieht bis in die Berner Alpen. In der Einfahrt ist ein Teerplatz, auf dem man mit Rollerblades herumfahren kann. In der Freizeit gehe ich schwimmen, und mit 13 will ich mit Rudern anfangen, in Zug gibt es einen Club. Und sonst spiele ich mit Kollegen Fussball oder Unihockey. Aber es gibt solche, die machen viel mehr ab als ich. Manchmal höre ich Musik, die Backstreet Boys oder Bravo-Hits, die sind manchmal auch gut. Und seit zwei Jahren spiele ich Schlagzeug.

Irgendwann werde ich für die Hütte zu gross sein, jetzt kann ich noch stehen, nächstes Jahr vielleicht schon nicht mehr. Dann bücke ich mich halt einfach, wenn ich hinein will, oder gebe sie meiner kleinen Schwester. Und vielleicht drückt es die Hütte ja einfach einmal zusammen, wenn die Bäume dicker werden. Dann verschwindet sie eines Tages von allein. Das würde mich schon reuen.

An der Hütte kann ich erkennen, wie ich wachse. Jetzt bin ich etwa 1 Meter 54 und komme noch nicht ganz oben an.»


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