NZZ Folio 03/93 - Thema: Neue Grenzen   Inhaltsverzeichnis

Reisen an Ort

Von einer, die zu Hause blieb - und doch auf acht verschiedenen Territorien lebte.

Von Gerald Sammet

ZUM ERSTENMAL VERLIESS meine Grossmutter ihr Land auf einem Schulausflug im Jahr 1910. Aus Rossbach, ihrem Geburtsort, führte ein staubiger Fahrweg über Neubau und Friedersreuth ins Tal des Zinnbachs hinunter. Die Mühlen dort lagen manchmal diesseits, manchmal jenseits der Grenze, die Deutschland von Österreich trennte. Ein paar der Mädchen hatten sich Strohhüte mit Bändern in leuchtenden Farben aufgesetzt. Sie trugen buntbedruckte Kattunkleider und tanzten mit rutschenden Strümpfen über den Lehmbelag der Staatsstrasse, die auf schnurgerader Bahn den Eichberg und die Hohe Kapf, zwei nördliche Ausläufer des Fichtelgebirges, überquert. Auf dem Scheitelpunkt der Strecke steht das Waldhaus, zu der Zeit eine Revierförsterei mit einem Ausflugslokal. Von dort fällt die Strasse steil nach Rehau hinunter, exakt auf den Kirchturm dieser schläfrigen bayrischen Kleinstadt ausgerichtet. Alle Konturen verflossen am schiefergrünen Waldhorizont, und irgendwo pfiff ein Zug.

In genau dem Augenblick - so jedenfalls hat sie es später immer wieder erzählt - entdeckte meine Grossmutter, dass die Welt mehr für sie bereithalten würde als ihr böhmisches Dorf. «Eine Stadt», flüsterte sie ergriffen beim Anblick der flirrenden Kirchturmhaube, die der von Rossbach gar nicht so unähnlich war. Für den Ausbruch dieser Gemütsbewegung gab es so recht keinen vernünftigen Grund. Rossbach war nicht nur mindestens genauso barock und protestantisch was seine Kirche anging, es lag auch aus den gleichen Schieferdächern zusammengewürfelt inmitten seiner Kartoffeläcker und zählte kaum weniger Einwohner. Nur dass die eben österreichisch waren und unter den Rauchfahnen österreichischer Schornsteine lebten, während die drunten in Rehau ihr Porzellan deutsch brannten und ihr Leder auf deutsche Art gerbten und ihre Holzwolle als deutsche Holzwolle in die Güterwaggons der bayrischen Staatsbahnen luden. Die plötzliche Ergriffenheit meiner Grossmutter an diesem Sommertag im Jahr 1910 hatte etwas mit dem Blick in einen Spiegel zu tun. Man schaut in die Fremde, und die Fremde schaut eine Spur zu vertraut auf einen zurück.

Dass die Klassenfahrt von Rossbach zum Waldhaus, geographisch bemessen, schon die Hälfte ihrer ganzen Lebensreise sein würde und dass sie dabei, 1900 in Rossbach geboren und 1984 in Rehau gestorben, über die Distanz von vielleicht zehn Kilometern acht Territorialzugehörigkeiten erwerben sollte, hat meine Grossmutter damals nicht voraussehen können. Manchmal ruhen Menschen wie selbstverständlich im Mittelpunkt ihres Universums. Die einen verlassen deswegen ihr Land, und den anderen, die bleiben wollen, widerfährt es, dass ihr Land sie verlässt.

Österreich macht sich im Jahr 1918 aus Böhmen davon. Eine kleine, bizarre Vision versucht in Rossbach, sich für ein paar historische Sekunden an seine Stelle zu setzen, eine nach der benachbarten Kreisstadt benannte «Freie Republik Asch». Sie erntet eine gewisse Resonanz in Lehrerzimmern und Bauernschädeln und ist am Ende nicht einmal imstande, ihre Existenz dauerhaft auf Papier zu beweisen.

Dies gelingt überzeugender ein paar grauen Herren, die zur selben Zeit in Paris ihre Vorortsverträge signieren. Meine Grossmutter läuft immer noch in buntbedruckten Kattunkleidern zu ihrer Arbeit in einer Teppichfabrik und ist gerade 18 Jahre alt, als sie das Echo einer 1895 erstmals gestellten Frage erreicht. In seiner Schrift «Ceská otázka» («Die tschechische Frage») hatte der Philosoph und Menschenfreund Tomá? Garrigue Masaryk die Konturen einer zukünftigen böhmischen Vielvölkereinheit skizziert. Tschechen, Deutsche, Slowaken, Ungarn, Ruthenen und Polen werden aus der Habsburger Monarchie in eine Republik mit historisch durchaus zweifelhaften Grenzen entlassen.

Auf dem nunmehr tschechoslowakischen und immer noch genauso staubigen Fahrweg nach Friedersreuth bleiben solche Wendungen zunächst ohne Belang. Es gibt dort seit einiger Zeit ausser Territorialfragen ja auch noch diesen immer zu einer Zigarette aufgelegten Zimmermannsgesellen aus Rossbach, der auf solche Weise als mein Grossvater in diese Geschichte eintritt. Er hat einmal auf der einen und dann wieder auf der anderen Seite der Grenze seine Häuser zu bauen. Bei der Gelegenheit lässt sich einiges hierhin und einiges dorthin schaffen, ganz nach Lage der Dinge, an denen gerade Mangel herrscht, hüben wie drüben.

1924 betritt, als Tochter der Eheleute Max und Martha Klier, meine Mutter die Bühne dieser oszillierenden Welt. In ihren Schulzeugnissen aus den frühen dreissiger Jahren ist von befriedigenden Kenntnissen in der «cechoslovakischen Sprache» die Rede. Auch die Republik will jetzt, in dieser Schreibweise, als «cechoslovakisch» anerkannt werden. Per Zeugnis und Dekret wird zur Nation gemacht, was von innen her schon zerfällt.

Der Kreis Asch und im weiteren Sinn die Region Eger sind ohnehin ein besonderer Fall. Im Norden, an der Grenze nach Sachsen, und im Westen, an das Bayrische angelehnt, bildete man das einzige geschlossene protestantische Gebiet im Habsburger Reich. Hinzu kommt, von Eger ausgehend, die Erinnerung an den Status einer freien deutschen Reichsstadt, mit auf das Jahr 1279 zurückzuführenden Rechten.

Der Sinn für Besonderheiten bemächtigt sich nach 1933 einer der Herausforderung nicht gewachsenen Person. Konrad Henlein, Turnlehrer am Gymnasium in Asch, dessen massives, ziegelrot gedecktes Schulgebäude, einen Steinwurf von Deutschland entfernt, noch heute die Grenze markiert, entwirft seine «volksdeutsche», am Programm der Nationalsozialisten orientierte Lösung der böhmischen Frage. Die Fundamente seiner politischen Pädagogik: Disziplin, Kreidestaub, eiserne Zucht. Eine in ihrer karikaturhaften Überangepasstheit fast schon wieder böhmisch zu nennende Variante dessen, was ein richtiger Deutscher sein sollte.

Irgendwann in diesen Jahren hat man die Familie vor ihrem Haus fotografiert. «Wo's Dörflein dort zuendegeht / wo's Mühlenrad am Bach sich dreht», steht nicht ganz wahrheitsgemäss in weisser Kreideschrift auf dem Albumblatt mit dem Bild. Das Dorf war dort, wo das Haus stand, wirklich am Ende, aber von Mühlen keine Spur. Die lagen bekanntlich im Tal. Die Idylle schafft sich ihre eigenen Grenzen, mit Mitteln der sprachlichen Ergriffenheit, für die meine Grossmutter sich eigentlich immer anfällig zeigte. Dies zumindest zählt zum böhmischen Erbe. Der Sinn für Ironie wird davon geschärft.

Dass der erfolgreichste Deutsche dieser Zeit, ein Österreicher, irgendwann von Rehau kommend, über Asch triumphal in Eger einzieht, erledigt dann erst einmal das leidige Problem mit der Grenze. Meine Grosseltern sind nun erstmals deutsch, grossdeutsch sogar, auf allerdings auch nur, wie schon bei der Beherrschung der cechoslovakischen Sprache durch meine Mutter, befriedigende Weise. Mein Grossvater verlässt sein Elternhaus, weil vom Dach das Hakenkreuz weht. Mein Vater zieht in den Krieg und muss, vorzeitig zurückgekehrt, der parteifrommen Nachbarn wegen versteckt werden.

Glücklicherweise sind ihm von Remagen, wo er als einer der letzten die berühmte Brücke passieren durfte, die Amerikaner gefolgt. In holprigem und geschlechtsspezifisch nicht unbedingt korrektem Englisch bestätigt ihm ein Personalpapier, dass «this lady has to right to go back and return to Rossbach». Bis zur Ankunft der Roten Armee. Ihren nächsten Ausweis, den der zweiten tschechoslowakischen Republik, muss meine Grossmutter als Martha Klierova signieren. Danach wird sie auf ihre längste Reise geschickt, aus Rossbach, das jetzt den Namen Hranice trägt - tschechisch für Grenze -, nach Rehau, das zur amerikanischen Zone Deutschlands gehört. Es liegt ganze zehn Kilometer von Rossbach entfernt. Auch dieses Terrain kommt ihr noch einmal abhanden. Die Bundesrepublik Deutschland, 1949 gegründet, wird zum letzten Staat, den meine Grossmutter in den ihr verbleibenden 35 Jahren bewohnt.

Manchmal ist sie noch zum Waldhaus hinaufgestiegen und hat davon erzählt, wie die böhmische Feldmaus davon träumte, zur Stadtmaus zu werden, und auf welch krummen Wegen über wie viele Grenzen hinweg ihr das am Ende auch tatsächlich gelang. Oder hat um die Grenze gebangt, zur Zeit des Ungarnaufstands, der Suezkrise, der Kubakrise und 1968, bei der zweiten Einnahme Böhmens durch die Rote Armee. Dann zwei Jahrzehnte der Stille. 1990 wird am halb verfallenen Zollhaus am Stadtrand von Asch der Schlagbaum beiseite geräumt. Keine drei Jahre später, am 1. Januar 1993, zerfällt schon wieder ein Staat. Die Tschechoslowakei löst sich auf. Das Leben im Spiegelkabinett kennt keine Gewissheiten. Es hat allen anderen Lebensformen aber auch eines voraus: Langweilig ist es eigentlich nie.

Gerald Sammet ist Journalist und lebt in Bremen.


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