GOTT WOHNT IM INTERNET: Zumindest für Schwester Judith Zoebelein, die seit zwei Jahren das Internet-Zentrum im Vatikan aufbaut und leitet, ist das so. Natürlich hat auch die Franziskanerin und Computerspezialistin keine überirdische Homepage gefunden, die einen direkten Zugriff zum Allerhöchsten bietet. Aber sie sagt: «Gott wohnt dort, wo jemand sich am richtigen Platz weiss. Wo er seine Talente ausleben und sich mit aller Leidenschaft engagieren kann. Wo er sich herausgefordert und zugehörig fühlt.»
Vor dem Computer hat die 50jährige Ordensfrau ihren Ort gefunden. Die beiden Räume, in denen sie arbeitet, sind mit Maschinen vollgestopft. Lichter blinken, und selbst das unvermeidliche Papstkonterfei vermag die nüchterne Atmosphäre kaum aufzulockern, ragen doch zu allem Überfluss zu beiden Seiten des Bildes orange-graue Warmluftrohre aus der Wand. Aber Schwester Judith mag die Schmucklosigkeit der Räume, mag das «lineare Denken» des Computers: «Es zwingt einen, immer einen Schritt nach dem anderen zu tun.»
In ihrer Jugend hatte sie nach etwas gesucht, das dem Leben Ordnung gab. Unruhig sei sie gewesen, immer unterwegs, erzählt die aus New York stammende Amerikanerin. «Outdoor and overseas», sagt sie lächelnd und spart sich weitere Kommentare zu dieser Zeit ihres Lebens. Als sie mit dreissig in den in Connecticut ansässigen Orden der Franziskanerinnen von der heiligen Eucharistie eintrat, hatte sie englische Literatur studiert und schon in Thailand, Iran und Mexiko gelebt. Da ihr Vater als Programmierer arbeitete, waren ihr Computer vertraut, und so unterrichtete sie zuerst arbeitslose Einwanderer in den Grundbegriffen der Computerwelt. Dann wurde die junge Schwester nach Jerusalem geschickt. 1991 erfolgte der Ruf in den Vatikan, wo sie die Computerinfrastruktur aufbauen und Leute ausbilden sollte.
Luigi und Francesca, Schwester Judiths Kollegen im Zentrum, sind Laien. Judith selbst lebt mit anderen Schwestern zusammen in Rom, fern der Aura des Vatikans. «Das wollte ich immer: ganz normal im Arbeitsleben stehen - wie alle anderen. Der einzige Unterschied ist: Ich trage ein Ordenskleid. Wozu das? Für mich ist es ein Symbol, ein äusseres Zeichen dafür, dass ich noch woanders hingehöre als an meinen Arbeitsplatz oder zu bestimmten Menschen. Vielleicht kann ich damit Fragen provozieren. Denn wir alle haben doch Hunger danach, in unserer Arbeit einen tieferen Sinn zu sehen.»
Von der Wichtigkeit des Internet ist Schwester Judith überzeugt. «Das Internet ist ein Fenster zur Welt, die Kommunikationsform unserer Zeit. Wenn wir Jesus als eine heutige Botschaft vermitteln wollen, können wir das nicht in einer Sprache von gestern tun.»
Derlei Überlegungen motivieren die überzeugte Ordensfrau, die Website des Vatikans (http://www.vatican.va) immer besser zu strukturieren und weiterzuentwickeln. Denn dass alle, die vorwiegend technische Arbeit leisten, erst recht Zeit für Kreativität brauchen, steht für sie ausser Zweifel. Schliesslich besteht der grösste Teil ihres eigenen Arbeitstages in der Überwachung und Wartung der Maschinen. Fünfhundert E-Mail-Nutzer sitzen mittlerweile im Staat des Heiligen Vaters und können keine Störungen im hauseigenen E-Mail-Server gebrauchen.
Dass man sich wohl fühle mit dem Medium, sei so wichtig, wie es zu beherrschen, sagt Judith Zoebelein. Als nüchterne Realistin kann sie sich stets von neuem begeistern für die immer neuen Formen und Möglichkeiten der Kommunikation, die das Internet bietet.
Und wer weiss, so hofft sie, vielleicht könne sie mit ihrer Arbeit einen Beitrag dazu leisten, dass der eine oder die andere hinter den glasklaren Informationen plötzlich etwas anderes entdecke oder mindestens zu suchen beginne: «Nehmen Sie jemanden, der nie eine päpstliche Bulle lesen würde, aber sich sehr wohl die Sixtinische Kapelle angesehen hat. Dann sieht er ein Bild aus der Sixtina im Internet und fragt sich vielleicht: Warum ist denn dieser Adam überhaupt aus dem Paradies geworfen worden?»