«Letztes Jahr noch 90:10, in diesem Jahr 40:60», erklärt mir die Direktorin der Randolph Elementary School mit stolzem Lächeln. Erst später verstehe ich, was hier mit so viel Selbstverständlichkeit gemeint ist - das Verhältnis von schwarzen und weissen Schülern in ihrer Primarschule. Und ich verstehe auch ihren Stolz: Nicht gerade über Nacht, aber immerhin über die Sommerferien von 1991 ist aus der fast nur von schwarzen Kindern besuchten Randolph Elementary eine rassisch durchmischte Primarschule für Kinder aus ganz Asheville geworden. Ashevilles Schulen sind damit vollständig «integriert», das heisst, die Schüler jeder Schule spiegeln das Rassenverhältnis der gesamten Schülerpopulation wider. Endlich, muss man sagen - denn schon vor 20 Jahren erging an die Stadt der richterliche Befehl aus Washington, die Segregation in ihren öffentlichen Schulen zu beseitigen. In der Oberstufe, mit nur einer High-School (Klassen 9 bis 12) und drei Middle-Schools (Klassen 6 bis 8), war dies längst gelungen. Doch in der Primarschule schlich sich die Rassentrennung wieder ein; durch ihre Lage bekam eine der sechs Schulen, die Randolph Elementary, fast alle Schüler aus dem benachbarten (schwarzen) Sozialwohnungsquartier, was ihr einen entsprechenden Ruf eintrug, der weisse Schüler zunehmend fernhielt. In den Reagan-Jahren hatte die richterliche Wachsamkeit deutlich nachgelassen . . . Doch nun wollte die Stadt das Problem ein für allemal beheben und fand die Lösung darin, die «schwarze» Schule kurzerhand mit einer nahegelegenen «weissen» Primarschule zu vereinigen.
Um der Randolph Elementary auch noch den letzten Rest ihres alten Images zu nehmen, wurde sie, und mit ihr gleich alle Primarschulen, in eine sogenannte Magnet-School verwandelt. Damit ist eine Schule mit einem speziellen fachlichen oder pädagogischen Schwerpunkt gemeint - etwa musische Fächer, Naturwissenschaften, aber auch Unterricht nach der Montessori-Methode usw. -, der Schüler (oder besser: Eltern) über alle rassischen und geographischen Grenzen hinweg anzuziehen vermag. Auf dieses Konzept, verbunden mit freier Schulwahl - «Choice» - über den eigenen Schulbezirk hinaus, setzt man zurzeit auch in vielen amerikanischen Grossstädten, um überwiegend schwarze Schulen in armen Innenstadtbezirken für weisse Kinder aus den Suburbs attraktiv zu machen.
In Asheville ist die rassische Durchmischung durch das Magnet-System auf Anhieb gelungen: sozusagen alle Schüler bekamen einen Platz in der Schule ihrer Wahl, und alle Schulen spiegeln ungefähr das «korrekte» Rassenverhältnis wider. Den Transport bezahlt die Stadt - gerne, denn bei Nichterfüllung des richterlichen Befehls hätte der Entzug von Bundessubventionen oder gar die Verhaftung des Schulpräsidenten gedroht. Dank solcher Wachsamkeit ist heute rassische Segregation im ehemals segregierten Süden aus den Schulen weitgehend verschwunden, während die Grossstädte des Nordens in ihren verarmten Ghettos nach wie vor damit zu kämpfen haben. Doch die Rassenmischung ist nur eines der vielen Probleme der amerikanischen Schule, über die seit Jahren eine Mammutbildungsdebatte geführt wird. Die schlechten Leistungen amerikanischer Schüler in internationalen Tests (in denen dann auch noch ausgerechnet die Koreaner an erster Stelle stehen) werden dabei abwechslungsweise auf Geldmangel zurückgeführt (in armen Schulbezirken, da Schulen zum grössten Teil aus der Grundstücksteuer finanziert werden), auf schlechtbezahlte und schlecht ausgebildete Lehrer, auf das extrem kurze amerikanische Schuljahr (180 Tage), auf zuviel Sport und Spiel statt Büffeln und auf den hohen Fernsehkonsum amerikanischer Schüler. Alles mag zum Resultat beitragen - Tatsache ist aber auch, dass amerikanische Schulen ungeheure soziale und kulturelle Unterschiede zu bewältigen und mit Problemen zu kämpfen haben - Drogen, Gewalt, Armut -, die ausserhalb ihres Einflussbereichs sind.
Asheville polstert das Budget seiner High-School seit 30 Jahren mit einer Extrasteuer der Stadt, und man sieht es ihr an: neben dem ehrwürdigen Hauptgebäude ein luxuriöser Neubau für künstlerische Aktivitäten; Theater- und Musiksäle, Tanzstudios wie für Profis, ein Radio-TV-Studio mit modernster Elektronik, Keramikwerkstätten, sogar eine kleine Galerie für die Schülerwerke. Dazu natürlich die obligaten grossartigen Sportanlagen, ein Fussballstadion, Tennishallen - die 1100 Schüler sind zu beneiden. Amerikanische High-Schools sind Gesamtschulen. Die Verteilung von Kindern nach Begabung und Neigung auf verschiedene, leistungsmässig abgestufte Schulen widerspricht dem amerikanischen Ideal der demokratischen Chancengleichheit zutiefst und ist als sogenanntes «Tracking» verpönt. Natürlich gibt es dann aber genau dieses «Tracking» innerhalb der High-School doch wieder: diese bietet nämlich verschiedene Richtungen und Schwierigkeitsgrade parallel an, von den anspruchsvollen «Advanced placement»-Klassen (unserem Gymnasium entsprechend) bis zu technischen und berufsbildenden Fächern. «Cosmetology» wird etwa in Asheville angeboten oder «Parenting» (Elternschaft) oder gar ein Fach mit dem vielversprechenden Namen «Life after High-School». Die Betonung liegt auf dem «after», denn eines der meistbeklagten Probleme der amerikanischen Schule sind die Drop-outs, das heisst jenes runde Viertel aller amerikanischen Schüler, die die Schule vorzeitig und ohne Abschlussdiplom verlassen.
Das Dilemma besteht darin, dass das System nur die einheitliche zwölfjährige Schulzeit für alle und jeden kennt und erlaubt, die gesetzliche Schulpflicht aber mit 16 Jahren erlischt. Das High-School-Diplom ist auf dem heutigen Arbeitsmarkt absolute Minimalvoraussetzung für einen auch nur halbwegs einträglichen Job. Während die Hälfte der Schüler aus der Asheville High aufs College gehen, worauf man mit Recht stolz ist, gibt es auch hier das Viertel der Schulabbrecher am anderen Ende der Skala. Und dass an diesem Viertel die schwarzen Schüler dann auch noch überproportional vertreten sind (an allererster Stelle stehen die schwarzen jungen Männer), macht die Sache noch problematischer: Es ist viel die Rede in Asheville von einer innerschulischen Rassensegregation und ihrer Bekämpfung.
Bernhard Jones, ein grosser, tiefschwarzer junger Mann, ist Drop-out-Counselor und Sporttrainer in einem - eine gute Kombination, wie er meint. Er zeigt mir eine Liste aller Schüler, die in diesem Jahr eines oder mehrere Fächer nicht bestanden haben - hier setzt er ein. Denn Drop-out-Schüler sind meistens schlechte Schüler, sie sammeln sich zu leistungsschwachen Klassen an. Fast alle kommen aus schwierigen Familienverhältnissen, wo Bildung weder vorhanden ist noch geschätzt wird. Counselor Jones hat viel Spielraum: nach der Schule stehen eine Reihe von Lehrern für Nachhilfe zur Verfügung, er kann die Stundenzahl auf ein absolutes Minimum verkürzen, auf den Vor- oder den Nachmittag beschränken: für fast alles ist er zu haben - «wenn sie nur bleiben». Wichtig sei es, in jedem Fall dem wirklichen Grund auf die Spur zu kommen, aus dem ein Schüler nicht mehr in die Schule kommt: Hat ein Mädchen bereits ein Kind zu Hause? Ist einem jungen Mann das eigene Auto und damit das Geldverdienen wichtiger als die Schule?
Genau hier setzt die Idee an, Schülern bei ihrer Fluchtbewegung nicht immer nur von hinten, also von der Schule her, nachzulaufen, sondern sozusagen von vorne den Weg zu versperren, nämlich am Arbeitsplatz. «Education first» heisst die Initiative, die von der Handelskammer geleitet wird: Unternehmen, die Schüler beschäftigen (Fast-food-Restaurants, Supermarkets, Krankenhäuser) sollen sich freiwillig (aber immerhin vertraglich) verpflichten, Schüler nur unter der Bedingung anzustellen, dass sie in der Schule bleiben, sie also nicht mit einem verlockenden Ganztagesjob in Versuchung zu führen und zudem die Arbeitszeit in gewissen Grenzen zu halten. Bisher machen 65 Firmen mit - ein Anfang, aber viel zuwenig, wie Counselor Jones meint; in Asheville finde ein Schüler mit seiner billigen Arbeitskraft noch immer einen Job, wenn er wolle. Evelyn Smith ist eine jugendliche Grossmutter, die statt der eigenen acht Enkel, die weit weg wohnen, nun drei fremde betreut: Seit zwei Jahren verbringt sie wöchentlich mindestens je eine Stunde mit drei Mädchen aus der Primarschule. Alle drei Mädchen sind schwarz, alle kommen aus Familien ohne Vater, und alle haben grosse Schulprobleme. Evelyn liest vor, lässt sich Hausaufgaben zeigen, hört zu, manchmal macht sie eine kleine Handarbeit. «Ich rede mit den Kindern - und die Kinder lieben das; sie stürmen mir entgegen, wenn ich komme. Offensichtlich ist es für sie ein Erlebnis, wenn sich ihnen ein Erwachsener ganz widmet.»
Evelyn Smith ist eine von über hundert «Seniors in the Schools», die sich den Asheviller Schulen freiwillig zur Verfügung stellten: für Nachhilfestunden und Aufgabenüberwachung, als Lehrerhilfen im Unterricht, als Ratgeber und Mutmacher von Kindern mit Schulproblemen.
In Asheville mit seiner grossen Seniorenkolonie (16 Prozent der Bevölkerung sind über 65 Jahre alt) hat man erkannt, dass ältere Menschen ein grosses ungenutztes Potential darstellen: rüstig und mit der Erfahrung eines Lebens ausgestattet, sind sie oft finanziell unabhängig und zeitlich flexibel. Vor fünf Jahren hat deshalb die Universität Asheville (ein Campus der staatlichen University of North Carolina) ein in den USA bisher einzigartiges Unternehmen gestartet: das Center of Creative Retirement - ein Zentrum also für «kreativen» Ruhestand. Es bietet zum einen ein «College for Seniors» mit Vorlesungen für und zum grossen Teil auch von «Senioren» an. Zum anderen - und das ist das Besondere - werden die Senioren hier für ein aktives Engagement in vielen Bereichen des Gemeindelebens begeistert, geschult und vor allem auch vermittelt. Je nach Kenntnissen und Berufserfahrung, nach Neigung und Verfügbarkeit - alles in eine Datenbank des Centers eingespeichert und jederzeit abrufbar - werden fast 600 Senioren mit Personen und Organisationen in Verbindung gebracht, die ihre Hilfe wünschen: als Leiter von Diskussionsrunden oder Berater in Finanzfragen, als Betreuer und Gesprächspartner in Spitälern und Gefängnissen, als Mentoren und Tutoren von Studenten der Uni (fachspezifisch zugeteilt, also pensionierter Physiker zu Physikstudentin) oder eben als Bezugsperson für Erstklässler.
Es wird oft beklagt und ist wahr: ein Lehrlingswesen mit jahrelanger Ausbildung im Betrieb gibt es in Amerika nicht. Berufsausbildung dagegen gibt es sehr wohl. Sie erfolgt im Community College oder Zwei-Jahres-College (im Unterschied zum vierjährigen akademischen College), das meistens so ziemlich alles in sich vereint, was wir in der Schweiz zwischen Berufs- und Gewerbeschule, Technikum, Abendschule und Erwachsenenbildung kennen. North Carolina hat sein Ziel, dass kein Einwohner des Staates mehr als 25 Meilen zu einem Community College zurücklegen müsste, in den vergangenen 20 Jahren erreicht: insgesamt 59 derartige Bildungsstätten gibt es heute im Staat - in Asheville ist es das Asheville-Buncombe Technical Community College, kurz AB-Tech genannt.
Im AB-Tech lernen 4000 Studenten einen Beruf, und 20 000 weitere bilden sich weiter, vom Erwachsenen, der nicht lesen kann, bis zum Doktoranden, der umsatteln will. Das Durchschnittsalter ist 29 Jahre; die Schulkosten sind gering: um die 200 Dollar pro Trimester. Die Auflistung aller Berufe, Spezialausbildungen und Diplome, die man hier erlernen beziehungsweise erwerben kann, füllt ein Buch von 250 Seiten: im AB-Tech wird man, meistens in einem ein- oder zweijährigen Lehrgang, Polizist oder Schreiner, Heizungsmonteur, Schweisser oder Mechaniker, Hotelier, Buchhalter, Röntgenassistent oder Sanitäter, und selbstverständlich ist jede Art von kaufmännischer Ausbildung vorhanden. Doch der wirkliche Stolz des AB-Tech sind die Köche und die Krankenschwestern - Ausbildungen, für die Asheville in Fachkreisen des ganzen Landes bekannt ist.
Das Fach Kochen heisst hier grossartig «Culinary Technology». Der Chef der Abteilung ist ein Elsässer, seit 20 Jahren am AB-Tech - kein Wunder, das das enorme italienische Buffet, das die Kochlehrlinge am Tag meines Besuchs aufgebaut haben, ganz vorzüglich ist. Studenten und Lehrer können sich für ein paar Dollar an diesem Lehrstück satt essen - es hat auch seine Vorteile, wenn eine Ausbildung nicht im Betrieb, sondern nur in der Schule stattfindet. Die angehenden Hoteliers etwa «üben» ihre Kunst in einem kleinen, aber feinen Motel mit 14 Zimmern, das auf dem Campus des AB-Tech steht und in dem die Gäste des Colleges einquartiert werden. Die Krankenschwestern dagegen üben - an Puppen. Die zweijährige Ausbildung hat ausserordentlichen Zulauf (700 Bewerberinnen reissen sich jährlich um die 55 Ausbildungsplätze), da der Beruf ein gutes Einkommen garantiert und eine Stelle in einem der Asheviller Spitäler so gut wie sicher ist. Charlene, eine junge Frau von 30 Jahren, erklärt mir ihr Curriculum: 5 bis 7 Stunden Klassenunterricht an 5 Tagen, viel Hausaufgaben und am Samstag Praktikum (allerdings freiwillig) im Spital. Charlenes Bildungsweg ist geradezu typisch fürs Community College: nach der 10. Klasse verliess sie die Schule, um Geld zu verdienen, da beide Eltern vermindert arbeitsfähig waren. Sie servierte, arbeitete dann jahrelang in einem Blumenladen, während ihre jüngere Schwester die Schule beendete und den Sekretärinnenberuf erlernte. Dann, als die Schwester Geld verdiente, begann Charlene am AB-Tech die High-School nachzuholen, nahm über mehrere Jahre Abendkurse in Rechnen und Englisch, um sich auf den Aufnahmetest für die Krankenschwesterausbildung vorzubereiten.
In Charlenes Klasse gibt es nur eine einzige 18jährige Schülerin - sie kommt direkt von der High-School -, alle anderen sind älter. Es ist einer der ganz grossen Pluspunkte des amerikanischen Bildungswesens, dass alles Verpasste nachgeholt werden kann, wo aufgehört wurde. Diese zweite Chance darf angesichts des Problems der Drop-outs nicht geringgeschätzt werden: Mit 24 Jahren haben immerhin 84 Prozent aller Amerikaner ein High-School-Diplom.