NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . .   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren - Welches Tier wären Sie gern, Herr Cerutti?

© Renee Lynn/Corbis/Specter
Wunschtier Gepard? Höchstgeschwindigkeit 120 km/h – aber nur über 400 Meter. Linktext
Seit 15 Jahren beschreibt Herbert Cerutti im NZZ Folio die wundersame Tierwelt. Dies ist sein letzter Beitrag. Mit der Frage, die sich jeder von uns schon gestellt hat, tut er sich überraschend schwer.

Von Herbert Cerutti

«Ja, in meinem nächsten Leben möchte ich eine Katze sein», geht es mir zuweilen durch den Kopf, wenn ich Kira und Khan, unsere beiden Birmakatzen, betrachte.

Im Sommer liegen sie im Garten auf den Steinplatten an der Sonne oder dösen unter dem Kirschbaum im kühlen Gras. Im Winter ist ihr Lieblingsplatz beim Kaminfeuer auf unserem Schoss, wo sie sich schnurrend streicheln lassen. Sie schlafen, wenn es ihnen gerade passt. Sie spielen mit unseren Schuhen und Pullovern. Und wenn sie auch zuweilen ein unvorsichtiges Mäuschen erbeuten, ist es doch selbstverständlich, dass am Abend um sechs Uhr der Teller mit Futter vor ihnen steht.

Als wir allerdings Katze und Kater vom Tierarzt kastrieren liessen, hätte ich nicht in ihrem Fell stecken wollen. Zwar dürften die Tiere den Eingriff – abgesehen von der fremden Umgebung in der Veterinärpraxis und etwas Schmerzen – wohl kaum dramatisch empfunden haben. Ich finde jedoch, so schnipp-schnapp die Sexualität und die damit verbundenen Emotionen zu verlieren, muss wenig lustig sein. Aber gilt dies auch für Tiere?

Wenn ich an unseren früheren Kater Tüpfli denke, den seine Manneskraft jeweils auf der Suche nach sexuellem Frieden wochenlang durch die Gegend trieb, oder mich an Tina erinnere, wie sie während ihrer rolligen Tage fast pausenlos von einer Schar Machos verfolgt wurde und in den Wipfel der Föhre flüchten musste, dann scheint Sex für das Tier eher Mühsal denn Spass zu sein. Natürlich ist die Sexualität ein Grundstein biologischer Existenz. Zum Quell tiefer Gefühle ist sie jedoch vermutlich erst durch unsere Vorstellungskraft und die soziale Bereicherung geworden. Den Wunsch, Katze anstatt Mensch zu sein, sollte ich mir wohl genauer überlegen.

Ein Haustier wird vom menschlichen Betreuer (hoffentlich) anständig gehalten und gut versorgt. Auch wenn wie beim Schwein und beim Rind das Schicksal letztlich der Schlachthof ist. Das Leben in menschlicher Obhut schränkt jedoch die Bewegungsfreiheit und das angeborene Verhalten mehr oder weniger stark ein. Also doch lieber ein Tier in der freien Natur. Zwar möchte ich weder ein Regenwurm noch eine Mücke sein. Aber vielleicht ein Hirsch im Bergwald – in der herrlichen Natur, leichtfüssig über Stock und Stein, wo wir Menschen nur mühsam vorankommen.

Pausenloses Röhren im Harem

Wenn da nicht wiederum die existentiel­len Sorgen wären. Das Fortpflanzungsgeschäft ist auch beim Hirsch alles andere als romantisch. So hat der Platzhirsch im Herbst fast pausenlos zu röhren, um die Rivalen zu beeindrucken und um ­seinen Harem zusammenzuhalten. Nach wochenlangem Kraftakt ist der Held völlig abgemagert, falls er nicht schon früher von einem stärkeren Rivalen verjagt worden ist. Kommt jetzt ein früher Winter, bleibt dem Stier keine Zeit, sich ordentlich zu erholen; er bezahlt die kräftezehrende Brunft möglicherweise mit dem Leben.

Auch für Wildtiere mit weniger anstrengendem Sexleben bringt ein Winter mit grosser Kälte und viel Schnee nicht selten das Verderben, denn in der freien Natur gibt es niemanden, der ihnen einen Futternapf hinstellt.

Deshalb doch eher ein flinker Gepard in Ostafrika sein. Dort, in der unendlich weiten Savanne, ist es warm, und im hohen Gras tummelt sich das Futter gleich rudelweise. Hat die Raubkatze eine einzelne Gazelle ins Auge gefasst, beschleunigt sie schneller als ein Ferrari, um schliesslich mit 120 Kilometern pro Stunde im eleganten Spurt die Beute zu packen. Der Gepard ist allerdings nur erfolgreich, falls er das Opfer nach maximal 400 Metern am Boden hat. Sonst muss er die Jagd atemlos und weiterhin hungrig abbrechen. Das afrikanische Laufwunder ist nur in mageren 40 Prozent seiner Attacken erfolgreich.

Und selbst wenn die Beute tot am Boden liegt, ist der Erfolg noch keineswegs garantiert. Denn allzu oft lauern in der Nähe Löwen oder Hyänen. Sie vertreiben den Gepard von der Beute. Dieser hat mit seinen eher bescheidenen Waffen und dem kleinen Körpergewicht gegen die stärkeren Schmarotzer keine Chance und muss sich schleunigst verziehen.

Besonders schwierig ist das Leben für ein Gepardenweibchen mit Jungen. Als alleinerziehende Mutter muss sie fast täglich Beute machen. Bringt sie nicht genug Futter ins Nest zurück, verhungern ihre Kleinen. Aber selbst bei guter Jagd droht ihr der Verlust der Kinder, denn Löwen und Leoparden, Paviane und Adler schätzen das zarte Babyfleisch. Deshalb schleppt die Gepardin alle paar Tage die Kleinen im Maul in ein neues Versteck. Schliesslich erreicht im scheinbar paradiesischen Grasland nur eines von zwanzig Gepardenkindern das Erwachsenenalter.

Also doch nicht nach Afrika. Für den Landgänger Homo sapiens vielleicht reizvoll wäre ein freies Leben in drei Dimensionen – sei es schwerelos im riesigen Ozean, sei es fast ebenso bequem im grenzenlosen Luftraum. Die saisonalen Reisen der Wale über Tausende von Kilometern – von den winterlichen Jagdgründen in den kalten, nahrungsreichen Polarmeeren zu den Kinderstuben in den wärmeren, äquatornahen Gewässern – ­wecken den Neid des schneckenhaft langsamen Zweibeiners.

In der Luft dann der Adler, wie er sich in der Thermik mühelos hoch über das Gebirge schraubt. Oder der Mauersegler, der monatelang durch die Luft sichelt, ohne je landen zu müssen. Fliegerische Sehnsucht weckt auch der Albatros, der dank Jet-Design mit 100 Kilometern pro Stunde nur eine Handbreite über den Wellenkämmen in den stürmischen Winden der Subantarktis segelt.

Denkt man über solche geographische Freiheit vertiefter nach, zeigt sich aber, dass auch die Herrscher der Meere und der Lüfte keineswegs ungebundene Vagabunden sind. Ihre Reisen folgen ebenfalls den unerbittlichen Gesetzen der Nahrungssuche und der Fortpflanzung. Und nur wenn die Meeresbewohner oder die Vögel das genetisch programmierte Ziel ohne grosse Zwischenfälle zur rechten Zeit erreichen, haben sie eine Über­lebenschance. Für spontane Abstecher und Zusatzpirouetten bleibt wenig Raum. Auch wenn uns beim kurzen Hingucken das meisterliche Schwimmen und Fliegen noch so unbeschwert und lustvoll erscheinen mag.

So eifrig ich die Liste der zoologischen Wesen nach weiteren Wunschtieren abklopfe, immer finde ich nach der ersten Euphorie auch die kreatürlichen Schattenseiten. Von Räubern immerzu Bedrohte wie der Hering im Haifischrevier oder das Murmeltier im Adlerland fallen schon nach kurzem Überlegen aus der Wahl. Aber auch der Koala und der Elefant, das Nashorn und der Eisbär, die alle keinen natürlichen Feind zu fürchten brauchen, sind trotzdem auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, dass der ­Eukalyptuswald gedeiht, das Wasserloch nicht austrocknet, die verdorrte Steppe wieder blüht und das Eis entlang der Küste im Herbst fest genug für die Jagd auf Robben wird. Und bei all den Evaluationen habe ich noch gar nicht die für sehr viele Tiere wohl grösste Gefahr bedacht: den Menschen mit seinen Gewehren und Fallen, die umweltzerstörenden Abfälle und Gifte, die Vernichtung von Wäldern, Sümpfen und weiteren Biotopen.

Dann doch lieber Mensch bleiben. Was aber macht das Menschsein gegenüber einem hypothetischen Leben als Tier besonders attraktiv? Der Mensch hat ein stark entwickeltes Gehirn und kann damit Maschinen erschaffen, die ihn schneller als jedes Tier über Land, in die grössten Meerestiefen und sogar bis zum Mond bringen. Prähistorische und archäologische Funde erweitern unsere Erinnerung bis in die fernste Vergangenheit, und mit wissenschaftlichen Methoden lässt sich sogar künftiges Geschehen prognostizieren. Das Tier aber lebt nur in der Gegenwart. Und die menschliche Intelligenz hat eine kulturelle Vielfalt geschaffen, die aus Geräuschen beglückende Musik, aus Farben Bilder, aus Buchstaben Literatur werden lässt.

Ist der Mensch glücklicher?

Trotzdem: Bei allen zivilisatorischen Segnungen beschleicht mich zuweilen die Angst, dass ich vor lauter Fahren und Fliegen den Boden nicht mehr spüre, dass zu viel Denken an gestern und morgen mich das Hier und Jetzt verpassen lässt. Auch kann die zärtlichste Stimmung zur quälenden Eifersucht werden; sprühender Tatendrang sich zur Hoffnungslosigkeit wandeln. Was heute noch heitere Zukunft war, ist vielleicht morgen schon traurige Realität. All dies bringt mir seelisches Leiden, während das Tier Ungemach vermutlich nicht bewusst empfindet.

Selbst der gepriesene freie Wille ist allzu oft Sklave genetischer Veranlagung oder gesellschaftlicher Zwänge. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass in gar mancher Ecke der Welt der Mensch – gleich wie das Tier – um sein tägliches Futter bangen muss oder von den Naturgewalten vertrieben wird. Und schlägt dereinst das letzte Stündchen, bleibt von der Kreatur nur eine tote Hülle, sei sie vorher ein Nobelpreisträger oder ein Stinkkäfer gewesen.

Menschen und Tiere haben also im kurzen Erdendasein ihre spezifischen Freuden und Nöte. So möchte ich zwar meistens Mensch, zuweilen aber doch ganz gerne Katze, Fisch oder Vogel sein.

Herbert Cerutti ist Wissenschaftsjournalist; er lebt in Wofhausen.


Tierisch gut

Kein anderer NZZ-Folio-Kolumnist hatte einen längeren Atem als er: Seit 1993 hat Herbert Cerutti für unsere Zeitschrift 180 Tierkolumnen verfasst. Für einen Physiker war es nicht das naheliegendste Betätigungsfeld, aber Herbert Cerutti erwies sich schlicht als tierisch gut: Seine spannenden und lehrreichen Tiergeschichten zeugten immer vom Sachverstand des vielseitigen Wissenschaftsjournalisten. Und vor allem waren sie vergnüglich, in klarer Sprache und mit Respekt vor jeder Kreatur geschrieben – viele treue Leserinnen und Leser haben ihm dafür ihr Lob ausgesprochen. Auf eigenen Wunsch hört Herbert Cerutti mit dem obenstehenden Text als Kolumnist nun auf. Wir danken ihm ganz herzlich für die inspirierende Zusammenarbeit in all den Jahren und freuen uns, dass er als Autor weiterhin im Folio zu lesen sein wird.

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