NZZ Folio 04/93 - Thema: News   Inhaltsverzeichnis

Die ganze Wahrheit?

Die Schwächen der Kriegsberichterstattung aus der Sicht einer Kriegsberichterstatterin.

Von Julie Flint

APRIL 1991. Eine Gruppe westlicher Journalisten im Nordirak sah sich unversehens umzingelt von erbosten Jash, kurdischen Milizionären, die mit Saddam Hussein kollaboriert hatten, bis die Alliierten dessen Armee in Kuwait angriffen und die Kurden in ihrer eigenen Region selbst die Macht übernahmen. Jetzt hatte sich das Kriegsglück erneut gewendet, und Saddam machte sich daran, das Kurdengebiet zurückzuerobern. Die Jash waren nervös und hatten Angst; es fehlte nicht viel, und sie hätten an diesem Samstag abend alle umgebracht, deren Staatsführer für sich in Anspruch nahmen, Saddam Hussein besiegt zu haben.

Wir konnten uns noch einmal herausreden und kamen mit heiler Haut davon, beschlossen aber, am nächsten Morgen abzureisen. Alles war in Auflösung begriffen, niemand konnte mehr für unsere Sicherheit garantieren. Im Morgengrauen fuhren wir los und steckten Minuten später in einem viele Kilometer langen Stau. Die irakische Armee hatte das einige Kilometer weiter südlich gelegene Erbil zurückerobert, und die Kurden flüchteten in überladenen Privatwagen, auf Lastern und Traktoren oder zu Fuss ins Gebirge. In diesem Chaos hörten wir über dem fernen Donnern schwerer Artillerie das Geknatter von Helikoptern, und ein Mann mit Blut an den Händen kam von der Anhöhe her auf uns zugelaufen. Sein Wagen sei getroffen worden, berichtete er, Frau und Kind seien tot, die Helikopter dicht hinter ihm.

Nichts vermag einen Stau so schnell aufzulösen wie der Anblick eines Verwundeten. Während die Fahrzeuge langsam bergab rollten, blieben wir eine Weile am Strassenrand stehen und liessen die Karawane an uns vorüberziehen. Es war ein unvergesslicher Anblick: Tausende von Männern, Frauen und Kindern, von denen viele ein einziges Wort - «Bush» - mit den Lippen formten und einen Finger in der Luft kreisen liessen; «Helikopter» sollte das heissen.

Wir, die Journalisten, waren im eigentlichen Sinn des Wortes auf unsere eigene Geschichte hereingefallen. Im letzten halben Jahr hatten sich die für die öffentliche Meinung repräsentativen westlichen Medien - mit wenigen Ausnahmen - völlig in die Dienste der westlichen Alliierten gestellt, indem sie unbesehen deren Ansicht übernahmen, es sei (ob das zutraf oder nicht, ist für meine Kritik nicht wesentlich) unabdingbar, Kuwait mit Waffengewalt zu befreien, und später die Behauptung des Pentagons nachplapperten, eine mächtige Armee mit nuklearem, biologischem und chemischem Waffenarsenal sei in einem «sauberen» Krieg dezimiert worden, bei dem die Sorge um das Leben der Zivilisten an erster Stelle gestanden habe. Saddams Armee, so hiess es, könne niemandem mehr gefährlich werden. Seine gefürchteten Republikanischen Garden seien im Mark getroffen. Die Alliierten hätten einen Befreiungsschlag geführt. Oder wie der britische «Sunday Telegraph» es in einer Schlagzeile formulierte: «Bravo for American Power!» Wie war es dann knapp zwei Monate danach möglich, dass mehrere Divisionen der Republikanischen Garden uns - ohne Widerstand zu finden - mit Panzern, Artillerie und Helikoptern in eine rauhe, unwirtliche Bergwelt trieben?

Wohl bei keinem anderen Krieg der neueren Zeit klafften Informationsmenge und Informationsqualität derart auseinander wie beim Golfkrieg. In den USA sprachen angesehene Fernsehmoderatoren von «wir» und von «unseren Truppen»; Zeitungen bezogen sich in ihren Berichten auf «höhere Verwaltungsstellen», selbst wenn deren Darstellungen dem widersprachen, was die Reporter mit eigenen Augen gesehen hatten. Im Golf zappelte das grösste je versammelte Medienaufgebot im Netz des vom Pentagon gesteuerten Pressepools. Der Pool war die erfolgreichste Waffe dieses Krieges; mit ihm hatte das Militär ein Informationsmonopol. Man sagte uns - und wir wiederholten es brav -, dass der grösste Teil von Saddams Armee in Kuwait stehe; dass er Saudiarabien zu seinem nächsten Ziel ausersehen habe; dass es praktisch keine zivilen Opfer gebe; dass dies ein Krieg mit «intelligenten» Bomben von Laserpräzision sei, ein Krieg, dem die Technik das Grauen genommen habe.

«Norm Schwarzkopfs Videovorführungen legten anschaulich dar, dass amerikanische Bomben stets ihr Ziel treffen, keine Folgeschäden verursachen und nur die bösen militärische Ziele zerstören», schreibt Douglas Kellner in «The Persian Gulf TV War», einer ausführlichen Studie über diese ruhmlosen Stunden der Medien. «Krieg war somit etwas, was man geniessen, bewundern und bejubeln konnte. Krieg war ein ästhetisches und fesselndes Vergnügen.»

Dies war Krieg à la Hollywood, ein Kinospektakel, in dem man nicht mehr von «body counts» sprach, von den Gefallenenzahlen, um die es im Vietnamkrieg soviel Ärger gegeben hatte, sondern von «sortie counts», von der Zahl der Einsätze. Zu dem am Golf tätigen Team des Verteidigungsministeriums gehörte auch ein PR-Mann, der die Paramount Studios bei der Produktion des Films «Hunt for Red October» beraten hatte. Erst als die Alliierten zurückweichende irakische Truppen auf den Mutla-Höhen mit Flächenbombardements belegten und eine lange Todesspur hinterliessen, kam allmählich die Wahrheit ans Licht, aber gern gesehen war sie auch jetzt noch nicht. Mein eigenes Blatt, «The Observer», wurde in Grossbritannien scharf kritisiert, weil es das Foto eines verkohlten Opfers auf den Mutla-Höhen gebracht und mit der Unterschrift «Das wahre Gesicht des Krieges» versehen hatte.

Die Alliierten machten viel Aufhebens um ihre Verluste und nutzten den Propagandawert «zusammengeschlagener» Flieger, die sich ihre Verletzungen, wie sich später herausstellte, beim Ausstieg mit dem Schleudersitz zugezogen hatten, während die irakischen Opfer verschwiegen wurden. Mit Ausnahme einiger weniger Israeli waren auf den Fernsehschirmen bis fast zum Ende des Krieges praktisch keine Gefallenen oder Verwundeten zu sehen. Und erst Monate später gelang es Journalisten herauszufinden, wie es wirklich gewesen war: Dass «intelligente» Bomben nur sieben Prozent der insgesamt abgeworfenen Bombenlast ausmachten; dass die zivile Infrastruktur des Iraks sehr stark beschädigt war; dass die Republikanischen Garden nach wie vor bestanden; dass die Opferbilanz 100 000 zu 150 betrug - eine in der ganzen Kriegsgeschichte beispiellose Zahl.

Seit dem Vietnamkrieg, in dem die Presse auf der amerikanischen Seite sich weitgehend frei hatte bewegen können, alles gesehen, über alles berichtet und damit die Antikriegsbewegung in den Vereinigten Staaten in Gang gesetzt hatte, bemühen sich die Streitkräfte, den Medien den Zugang zu den Geschehnissen zu erschweren. Die im Falklandkrieg vom britischen Verteidigungsministerium in Szene gesetzte hocheffiziente Zensur wurde zu einem Lehrstück für spätere Konflikte, namentlich die Praxis, die Informationen in der Frühphase so zu steuern, dass ein kriegsfreundliches Meinungsklima entstand. Zu Beginn des Golfkrieges erklärte der internationale Journalistenverband zutreffend, das Poolsystem stelle «eine klare Verletzung der Pressefreiheit dar. Wichtige Informationen werden nicht freigegeben, und das System diskriminiert nichtbritische und nichtamerikanische Journalisten.»

Nietzsche hat einmal gesagt: «Wie gut schlechte Musik und schlechte Argumente doch klingen, wenn wir gegen einen Feind marschieren.» Und wie recht er hatte. 1983 lief der britische Journalist Max Hastings, der für seine Berichterstattung von den Falklands mit einem Preis ausgezeichnet wurde, mit offenen Augen in diese Falle. In der Titelstory «Warum keiner von uns in diesem Krieg neutral sein kann» schrieb er: «Die meisten von uns wussten schon vor unserer Ankunft, dass es unsere Aufgabe war, so wohlwollend wie möglich zu berichten, was die britischen Streitkräfte heute hier tun.» Der Fernsehreporter Mike Nicholson formulierte es so: «Das war Grossbritanniens Krieg. Es war mein Krieg.»

Vor lauter Hurrapatriotismus bleibt der grösste Teil der für die öffentliche Meinung repräsentativen Presse stumm, indes die westlichen Regierungen ihre Neue Weltordnung feiern - eine harmlose kleine Phrase, hinter der sich jedoch eine sehr viel dubiosere Realität verbirgt: die Legitimität einer unter amerikanischer Führung stehenden Intervention um amerikanischer Motive willen in einer Welt, die durch den Niedergang und Sturz der Sowjetunion aus dem Gleichgewicht geraten ist. In einer Zeit, da der Kreislauf imperialen Machtstrebens aus dem vorigen Jahrhundert sich zu wiederholen droht, sind zu viele von uns nicht einfach Journalisten, sondern britische Journalisten oder amerikanische Journalisten, denen der nationale Blickwinkel wichtiger ist als die weltweite Wahrheit.

Das beste Beispiel dafür dürfte die Saga der westlichen Geiseln in Libanon sein, jener zehn oder zwölf Männer, deren Schicksal Woche für Woche Schlagzeilen machte - auf Kosten auch an anderer Stelle bedrohter Menschenwürde oder bedrohten Lebens. So war die Beschiessung Südlibanons durch israelische Granaten offenbar nicht berichtenswert, obschon Frauen und Kinder dabei umkamen; mörderische Luftangriffe gegen Palästinenserlager mit dürftigsten Verteidigungsmöglichkeiten fanden bestenfalls in ein, zwei Absätzen Erwähnung. Dass FBI-Agenten einen schiitischen Verdächtigen in eine Falle lockten und zum Krüppel machten, wurde als Erfolgsstory und nicht als Verbrechen dargestellt. Zuweilen war die Parteinahme subtiler und tarnte sich als Sorge um die «Objektivität». So wurde in der Story einer Nachrichtenagentur während der Invasion in Libanon 1982 die Formulierung «Israelische Flugzeuge griffen heute palästinensische Stellungen an . . .» geändert in «Israeli und Palästinenser lieferten sich eine Luft- und Bodenschlacht . . .», ganz so, als gäbe es keinen Aggressor, als sei dies ein Krieg zwischen gleich starken Gegnern, als besässen die Palästinenser eine für derlei Schlachten ausgerüstete Luftwaffe.

Einen neuen Höhepunkt erreichte der Chauvinismus der westlichen Journalisten in Somalia, wo die Presse durch Abwesenheit glänzte, bis die Hungersnot so schlimm geworden war, dass die Kinder auf offener Strasse starben. Viel zu spät entschloss sich die internationale Gemeinschaft zum Handeln: Die USA - während ein paar Monaten in den Schlagzeilen mit versprochenen Lebensmittellieferungen, die ihr Ziel nie erreichten - setzten ihre Marineinfanteristen in Marsch. Am 9. Dezember gingen sie mit geladener Waffe an Land, und nachdem sich ihnen nichts Bedrohlicheres in den Weg gestellt hatte als eine Hundertschaft am Strand versammelter Journalisten, sicherten sie einen Flugplatz, der bereits von einer Handvoll Uno-Soldaten gesichert worden war.

Als sich nach einigen Wochen die Sicherheitslage verschlechterte, weil die somalischen Sippen auf den Fremdkörper in ihrer Mitte reagierten, sah man darin nicht ein Zeichen dafür, dass Amerikas Muskelspiel eine bestenfalls zweischneidige Sache war, sondern den Beweis, dass die Marines gebraucht wurden, um Somalia vor sich selbst zu retten. Nur wenige erinnerten sich daran, dass vor ihrer Ankunft in weiten Teilen des Landes während Monaten relativer Frieden geherrscht hatte.

Jeder Bezug zur Realität ging schliesslich über Neujahr verloren, als Präsident Bush, der zwar die Wahlen, aber noch nicht seinen Platz in den Geschichtsbüchern verloren hatte, Somalia besuchte und verkündete, Amerika habe die moralische Pflicht, das Land zu retten. Das klang gar prächtig und bestimmte die Tonart der Presseberichte. Aus den schönen Klängen wurden schöne Worte, und aus den Worten wurden Fakten. Niemand fragte nach, wo denn das moralische Bewusstsein vor vielen Monaten, vor dem Höhepunkt der Hungersnot, geblieben war; kaum einer wies darauf hin, dass bei weitem nicht alle Lebensmittel in Somalia aus internationalen Hilfslieferungen stammten; kaum einer fragte, wie diese neuerliche amerikanische «Invasion» auf eine muslimische Welt wirken mochte, die sich ohnehin schon im Belagerungszustand sah.

Die Sprache von Presse und Fernsehen spiegelt die zunehmende Schieflage der Kriegsberichterstattung. So hatte beispielsweise im Golfkrieg Saddam eine «Kriegsmaschinerie», während es bei den Alliierten «Streitkräfte» waren; Saddam «tötete», die Alliierten «neutralisierten». Der Irak hatte eine «Zensur», die Alliierten «Leitlinien für die Journalisten». Da ist es nur noch ein kleiner Schritt zum offenen Chauvinismus von T-Shirt-Aufschriften wie «Scud the Scum» («Scud-Raketen für den Abschaum») und zur Frage unter dem Bild eines mit vorgehaltener Waffe bedrohten Arabers: «Wieviel soll denn das Öl jetzt kosten?» Eine solche Sprache impliziert die Überzeugung, dass unsere Gewalt der ihren moralisch überlegen ist.

«In der Welt jener, die einen Joystick-Krieg führen, ist kein Platz für reale Probleme, gibt es kein verbranntes Menschenfleisch, haben die Befindlichkeiten in der Dritten Welt keine Bedeutung, und das Verständnis für die politischen oder moralischen Konsequenzen dessen, was man am anderen Ende der Welt anrichtet, fehlt», schrieb der jordanische Journalist Rami Khouri kurz nach dem Wüstensturm. «Es gibt nur den Triumph der Technik über die Menschlichkeit, des Militarismus über das Gewissen. - Knallt das Irakerpack ab!»

Die durch Sprache geschaffenen Vorurteile werden noch verstärkt durch die Art, wie sich der Journalist seine Quellen sucht, wobei da oft wohl eher Faulheit denn bewusster Chauvinismus im Spiel ist. So kamen in den Berichten während der Kriegshandlungen in Somalia und der dadurch verstärkten Hungersnot gewöhnliche Somalier überhaupt nicht zu Wort. Zitiert wurden nur die sogenannten Warlords, die «Kriegsherren». Zur Deutung der Wahrheit in diesem Konflikt wurden die «zuständigen Stellen der Hilfsorganisationen» herangezogen, was zugegebenermassen besser ist, als auf «höhere Verwaltungsstellen» Bezug zu nehmen, aber noch immer nicht zufriedenstellen kann.

Die meisten Reporter, die nach Somalia kamen, sprachen fast ausschliesslich mit Mitarbeitern der Hilfsorganisationen, in deren Büros sie schliefen, mit denen sie assen, deren Fakten und Meinungen sie weitergaben. So verfestigten sie die Vorstellung von Somalia als einem Land, das völlig auf Hilfe von aussen angewiesen ist. Es war eine Offenbarung für mich, als ich bei meinem ersten Besuch in Somalia feststellte, dass somalische Dorfälteste eine Art Regierung gebildet hatten, dass es Spitäler mit ausschliesslich somalischem Personal gab - selbst wenn darunter ein fachlich nicht ausgebildeter 24jähriger sein mochte, der bei anderen abgeguckt hatte, wie man Gliedmassen amputiert. Wir begriffen, dass nicht überall Anarchie und Chaos herrschten und dass es auch unter den Bösewichten ein paar Gute gab.

Manche halten es nicht für ausgeschlossen, dass die westlichen Medien den Jugoslawienkrieg - diesen schrecklichen Krieg im Herzen Europas - deshalb so zögernd angingen, weil nach Beendigung des kalten Krieges keine Klarheit darüber bestand, wer der Bösewicht war. Das bekam auch Tony Borden, Herausgeber des Spezialbulletins «Yugofax», zu hören, als er versuchte, in der Frühphase des Krieges Interesse an diesem Konflikt zu wecken. «Mir wurde ganz klar gesagt, die Redaktoren wüssten nicht, wie sie über Bosnien berichten sollten, weil sie nicht wüssten, wer die Guten und wer die Bösen seien», sagt er. «Später haben sie's dann kapiert: Die Schurken sind die Serben.» Und so wurde der Krieg auf dem Balkan zu einem ethnischen Konflikt, bei dem politische und wirtschaftliche Faktoren nur wenig Berücksichtigung fanden. «Es fällt auf, wie wenig die Berichterstattung in die Tiefe geht», sagt Tony Borden.

Die wachsende Neigung zur unkritischen, einseitigen Berichterstattung über Kampfhandlungen stärkt den Herdentrieb - einen Trieb, der Schutz gibt, wenn es Granaten hagelt, aber in der Regel nicht zu optimalen Ergebnissen führt. So setzten sich ein paar von uns während der Entführung der TWA-Maschine im Jahre 1985 von der Journalistenmeute im Beiruter Commodore Hotel ab, wo sie sich fast ständig aufhielt, und quartierten sich im «Summerland» ein. Zwar hatten wir auf den Insiderklatsch an der Bar zu verzichten, dafür kamen wir an Informationen, an die wir im «Commodore», das von allen gemieden wurde, die nicht einer Horde Journalisten in die Fänge geraten wollten, nie gekommen wären: darunter als wichtigste die Interviews mit etlichen amerikanischen Geiseln des Fluges 847.

Die Herde verzerrt auch, manipuliert, ohne dass sie das will. Menschen benehmen sich in der Regel anders, wenn Presseleute anwesend sind. Der Revolverheld, der munter herumballert, wenn kein Gegner in Sicht ist, verliert schlagartig sein flottes Gehabe, wenn er einen Feind im Visier hat. Der Mann von der Strasse, der vor laufenden Kameras sprechen soll, spricht in Klischees. Die unverstellten Aussagen findet man oft an den einsamsten Orten: in dem vom Schlachtschiff «New Jersey» zerstörten libanesischen Bergdorf etwa, wo ein alter Drusenscheich angesichts eines riesigen Granatenblindgängers in seinem Wohnzimmer feststellt: «Wenn sie uns das Ding bescheren konnten, müssen sie's auch wieder wegschaffen»; auf einem vereisten Berggipfel im Nordirak, wo eine junge Frau uns ihr Erstgeborenes entgegenstreckt und sagt: «Nehmt es mit nach England, hier wird es sterben»; in einem somalischen Haus, wo die Hausfrau die grimmig vorrückenden Marineinfanteristen betrachtet und fragt: «Was müssen die jetzt kommen? Es wird nicht gekämpft, und die Ernte ist gut.»

Die Tochter eines angesehenen unabhängigen Journalisten aus Belgrad, die als Übersetzerin für einige über den Krieg im früheren Jugoslawien berichtende Journalisten tätig ist, ist ziemlich ernüchtert über die westliche Presse. «Da haben die Journalisten eine Idee für eine Story, und dann laufen ihr alle zusammen nach», sagt sie, als sie ihre zugegebenermassen sicherlich pauschalen Eindrücke schildert. «Sie gehen, wo sie auch sind, geradewegs zum Pressezentrum. Um andere Informationsmöglichkeiten bemühen sie sich gar nicht erst. Sie gehen nicht auf die Strasse. Sie sitzen im Hotel vor dem Fernseher, schauen sich die englischsprachigen Nachrichten an und reden nur untereinander. Sie lesen nichts, ehe sie herkommen. Sie geben sich keine Mühe, den Krieg zu verstehen. Und ständig sind sie damit beschäftigt, ihre Spesenrechnungen zu türken . . .»

Solcher «Hit-and-run-Journalism», «Schnellschussjournalismus», nimmt Somalia wahr und sieht den Sudan nicht, bringt dramatische Bilder von Schlachtengetümmel und von «unseren Jungs im Einsatz», blendet aber die Ursachen aus und vermittelt mit Katastrophenpornographie, mit Blutvergiessen und Gemetzel bis zum Überdruss, eine eindimensionale Realität.

Da man oft kaum damit rechnen muss, dass einer aus der Herde ausbricht und ihre Nachlässigkeit denunziert, ist die Versuchung gross geworden, sich auf Kosten des aufwendigeren grösseren Bildes ausschliesslich mit den raschen 35-Millimeter-Schnappschüssen zu behelfen, zu spät zu kommen und zu früh zu gehen. So wird Somalia zu sehr auf Fotos verhungerter Kinder reduziert, das frühere Jugoslawien auf Elendsbilder aus Sarajewo und der Krieg gegen den Irak auf «intelligente» Bomben, die ihre Ziele klar zu unterscheiden wissen. Dann zieht die Meute weiter, das «Warum?» und das «Wohin?» sind vergessen. Die Autoren des vorzüglichen Buches «Triumph of the Image» von Westview Press weisen darauf hin, dass der Golfkrieg der erste grössere Medienkrieg war, der Sofortgeschichte machte - und die politische Landschaft veränderte. Ihren Schlussfolgerung kann man schwer widersprechen: dass «die Welt, wenn einmal die Bilanz der kritischen Ereignisse der neunziger Jahre unseres Jahrhunderts gezogen wird, sich sehr darüber wundern dürfte, wieviel Unheil das neue Szenario der Sofortgeschichte angerichtet hat». Im Zeitalter des Fernsehens und des Triumphs der Bilder über die Wirklichkeit besteht die Gefahr, dass der Mythos unser Verderben wird - wie wir zu unserem Schrecken auf der Strasse nach Erbil feststellen mussten.

Julie Flint war von 1978 bis 1988 für den «Observer» und anschliessend für den «Guardian» immer wieder als Berichterstatterin in Kriegsgebieten tätig. Derzeit lebt sie in London und in Beirut.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.