NZZ Folio 12/07 - Thema: Rätsel   Inhaltsverzeichnis

Vom Fach -- Neulich am Ärztekongress

Von Benno Maggi
«Wir reden hier doch von einem adaptiven Prozess.»

«Kollege, da bin ich nicht daccord.»

«Aber der adaptive Prozess ist lebenslang, mit individueller Variabilität und diskontinuierlich. Ganz im Gegensatz zur Reifung, die genetisch determiniert ist. Brötchen?»

«Nein danke. Ich…»

«’tschuldigung, dass ich unterbreche, wir sollten… gleich beginnt das nächste Referat.»

«Bitte lassen Sie mich noch ausreden: Wir sind uns doch in einem Punkt einig, neuronale Netze entstehen nur durch Erleben, primitive Reflexe in utero und sub partu hin oder her, da kann die Kollegin noch lange etwas anderes behaupten.»

«Ich bin ganz bei Ihnen: ‹Furcht-Lähmungsreflex in der 5. bis 7. Woche nach Empfängnis›. Da hat die Kollegin ganz schön ein Fass aufgemacht.»

«Das Augentier Mensch ist voller Widersprüche.»

«Tja. Was ist das nächste Referat?»

«Es geht um ‹Anatomische Besonderheiten des occi­pitocervicalen Übergangs beim Säugling und Kind›.»

Adaptiver Prozess: durch Erfahrung lernen. Diskontinuierlich: Entwicklung mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und mit Sprüngen. Neuronale Netze: Struktur und Informationsarchitektur des menschlichen Gehirns und Nervensystems. Primitive Reflexe: menschliche Grundreflexe, die im Laufe der Entwicklung verschwinden sollten. Etwa Glieder anspannen. In utero: während der Schwangerschaft. Sub partu: unter der Geburt. Furcht-Lähmungsreflex (FPR): der Embryo zieht sich als Antwort auf Berührung – weg vom Stimulus – zurück. So werden taktile Rezeptoren angelegt. Occipitocervicalbereich: der Übergang vom Kopf zum Hals.

Benno Maggi ist Art Director und Bildredaktor bei NZZ Folio.



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