NZZ Folio 02/08 - Thema: Steuern   Inhaltsverzeichnis

Wer wohnt da? -- Reiche Innenwelt

© Heinz Unger
Das Arbeitszimmer zum Lesen, Schreiben, Archivieren und Dokumentieren. Linktext
Ein bewegter Geist mit Kater? Ein romantischer Prediger?
Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.

Von Gudrun Sachse

Die Psychologin

Hier wird gerne gewohnt. Und gerne gearbeitet. Und gerne gekocht. Im begrünten Büro herrscht kreative Ordnung; es wird gelesen, geschrieben, dokumentiert, visioniert und besprochen, der Besuch der Hauskatze ist geduldet.

In der edlen Hightech-Küche im rustikalen Gemäuer wird unter Lämpchen- und Trockenblumenschmuck zu Kerzenschein getafelt, Frischeres im Teller als an der Decke.

Von allem hat es viel: Bücher, Videos, Lampen, Trockensträusse und lebendiges Grünzeug, Kerzen, Teppiche, Holz … dennoch kommt kein Gefühl der Enge auf. Die Bewohner haben nicht nur Girlanden im Gebälk, sondern auch eine farbige Phantasie mit einer reichen Innenwelt und einem weiten Horizont; stattliche Höhe hat ihr Heim jedenfalls. Vielleicht sind es aber auch ganz Sesshafte mit echt schönen Sesseln am Tisch, die ebenso gerne reisen? Frankophone Bistrolampen, Teppiche aus dem Orient, Rattan aus dem Fernen Osten, die innere Reise und Heimkehr findet auf der Meditationsmatte statt.

Sie verstehen es geschickt, mit all ihren nützlichen und dekorativen Siebensachen viel Leerraum zu lassen; Weitsicht und Oberlicht im Gebälk, viel Auslauf auch drinnen. Überhaupt scheinen Licht und Raum in Fülle vorhanden und wichtig. Vielleicht jemand, der berufshalber mit Rampenlicht und Auftritt zu tun hat, Videos nicht nur im Regal lagert, sondern auch Filme im Kopf produziert, Platz hat und sich ihn auch zu nehmen weiss? Ein Kulturschaffender, eine tanzfreudige Person, die über den edlen Teppich schwebt, jemand mit Bewegung im Geist und im Körper?

Die Gretchenfrage: Wohnen da der Hänsel, die Gretel oder zwei, die sich gern haben? Eine lebensfrohe Lady mit Kater?

Ingrid Feigl


Der Innenarchitekt

Ein Wohnraum unter einem grossen Dach und Arbeitsplätze ein Geschoss darunter. Offensichtlich wurde der Wohnraum nachträglich umgenutzt: Die Fenster in den Dachluken sind nicht für den Alltag gedacht, vielmehr brachten sie etwas Licht in den ehemaligen Windenraum.

Hoffentlich befindet sich gegenüber der Küche ein grosses Fenster, oder hat dieser Dachraum nur die kleine Öffnung unterhalb des Dampfabzuges? In einem Kessel zu wohnen, in den nur Oberlicht hereinfällt, ist unangenehm und einengend.

Balken, Fensterrahmen, Tische, Stühle und Bücherregale sind aus verschiedenen Holzarten. Im Dachraum hat man als Aufhellung die Wandverkleidung weiss lasiert und die Holzbalken roh belassen, was einen verhaltenen Kontrast erzeugt.

Die Bewohner müssen sich unter dem schützenden Dach mit so viel wärmendem Holz sehr geborgen fühlen. Wie in einer Jurte, mit Teppichen am Boden und schmalem Lichteinfall von oben, sind fast alle Funktionen des Wohnens in einem Raum vereint. Sie haben anscheinend Toleranz und Gemeinschaftssinn bewahrt. Haben wir es vielleicht mit der Familie eines Geistlichen zu tun, der in seiner Stube im Untergeschoss Schriften studiert und Predigten schreibt?

Dass Licht ihnen wichtig ist, davon zeugen kandelaberartige, doppelflammige Kugelleuchter und viele Kerzen am Boden und auf dem Esstisch. Könnten diese sinnliche Kerzenbeleuchtung sowie die Menora über der Balkontür des Arbeitszimmers auf eine jüdische Herkunft hinweisen, oder sind sie einfach nur romantisch?

Stefan Zwicky


Theres Gautschi Hess, Gymnasiallehrerin, und Samuel Hess-Gautschi, Buchantiquar

«Als Lehrerin muss ich an mir arbeiten: Ich beginne jeden Tag mit dem Sonnengruss. Die 27 Jahre, die ich am Gymnasium unterrichte, habe ich bisher sehr gut über die Runden gebracht. Vielleicht, weil ich gelernt habe, vor den Schülern gelassen zu bleiben und auch von ihnen zu lernen. Mein Mann nimmt nach dem Aufwachen ein kurzes Bad im Thunersee. Bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit. Er taucht ein und schwimmt zwei Züge – bei warmer Witterung auch mal mehr. Ob ich winters schon mal im See war? Genau zwei Mal, mit Müh und Not. Nach dem Bad meditiert Sämu eine halbe Stunde. Wenn möglich frühstücken wir anschliessend gemeinsam.

Wir sind seit 13 Jahren ein Paar. Die Meditation haben wir bereits unabhängig voneinander betrieben. Mein Mann lernte es von seinem Aikidolehrer, einem Zen-Mönch. Sämu macht seit 23 Jahren Aikido. Er trainiert zwei bis drei Mal pro Woche. Das Faszinierende an diesem japanischen Kampfsport ist die umfassende Bewegung. Aikido war unser Schicksal: Ich besuchte in Bern eine Aikidoschule, Sämu war der Lehrer – und um mich war es geschehen. ‹Le coup de foudre›, wie man sagt, Liebe auf den ersten Blick. Es dauert ungebrochen an.

In dieses Haus in Hilterfingen zogen wir vor neun Jahren. Mein Mann ist in Spiez aufgewachsen und wollte ins Berner Oberland zurück. Ich bin gerne dort, wo er ist. Ausserdem hatte ich genug vom Pendeln. Als ich noch in der Stadt Bern wohnte, musste ich morgens um fünf Uhr aufstehen. Heute bin ich mit dem Velo in 20 Minuten an meinem Arbeitsplatz in Thun. Ich könnte mich überall niederlassen, in Italien, London, ich bin eine Kosmopolitin. Schon in jungen Jahren war ich viel unterwegs. Wenn immer möglich arbeitete ich im Ausland, was mich mehr befriedigte, als nur herumzureisen.

Einzig in Indien, dem Land, welches mir am nächsten steht, mit dem ich mich verwurzelt fühle, habe ich leider nie gearbeitet. Vor 30 Jahren war ich das erste Mal dort, das letzte Mal vor einem Jahr zu einer Ayurveda-Kur. Gemeinsam waren wir noch nie in Indien. Aus Zeitmangel. Man sagt zwar immer, Lehrpersonen hätten viele Ferien, aber das erlebe ich anders. Zudem lohnt es sich nicht, für eine oder zwei Wochen so weit zu reisen – der Kulturschock ist zu gross, für Indien muss man sich Zeit nehmen.

Unser Haus wurde 1950 im alpenländischen Stil gebaut, es ist ein Halbchalet mit Krüppelwalmdach. Ein Kunstmaler bewohnte es. Er nutzte den obersten Raum, unser heutiges Wohn-, Ess- und Schlafzimmer, als Atelier. Das Haus hat drei Stockwerke und ist sehr geräumig, dennoch leben wir hauptsächlich auf diesem obersten Plateau. Hier gibt es keine Türen, nur Nischen. Der Architekt, der das Haus nach unseren Wünschen umgebaut hat, ist an dieser Idee verzweifelt.

Unser Wohnraum hat ein riesiges Panoramafenster, mit Sicht hinaus auf den See und die Berge. Wir erleben Stimmungen, die zu schön sind, als dass man sie in Worte fassen könnte. Wenn wir uns auf den Balkon setzen, um zu lesen, vergessen wir vor lauter Gucken das Buch vor uns. Im Sommer zügeln wir oft die Matratze hinaus auf den Balkon und schlafen unter dem freien Himmel. Letzten Sommer übernachteten wir jede Nacht draussen. Wir haben beide eine romantische Ader.

Im Erdgeschoss befinden sich unsere Büros. Dort lagert ein Teil von Sämus antiquarischen Büchern. Sein Arbeitsplatz ist ordentlich aufgeräumt, meiner etwas lebendiger. Ich muss immer alle Dossiers in Reichweite um mich haben. Mein Mann arbeitet zu Hause. Er verkauft antiquarische Bücher übers Internet. Bücher verbinden uns zusätzlich. Ich bin zwischen Büchern gross geworden, schon meine Eltern waren Buchhändler.

Wenn ich gegen sechs Uhr heimkomme, koche ich. Heute gibt es Feuilletés mit Lachs und Salat. Nach der Arbeit am Herd zu stehen, ist für mich ein Entspannungsritual. Sämu zügelt dann seine Arbeit nach oben, damit wir zusammen sind. Das finde ich sehr schön. Vor dem Zubettgehen trinken wir einen Tee, anschliessend mache ich noch eine halbe Stunde Yoga. Ich bin kein Nachtmensch. Ich schlafe tief, auch wenn Sämu nebenan noch fernsieht oder liest, wir haben ja keine Türen und auch keine Vorhänge. Wir leben mit den Gezeiten, oder anders gesagt mit der Katze, die morgens um sechs Uhr miaut.»

Aufgezeichnet von Gudrun Sachse



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