NZZ Folio 01/98 - Thema: Der Boss   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Wenn der Konjunktiv stürbe

Von Wolf Schneider

DIE DUDEN-GRAMMATIK benötigt 25 Seiten, um den Gebrauch der beiden deutschen Konjunktive zu erläutern, wobei sie in irrealen Konditionalgefügen schwelgt; und wer davon noch nicht entmutigt wäre, den ohrfeigt ein Professor der Germanistik in einer deutschen Sonntagszeitung mit Sätzen wie: «Fällt der im Vergleich zum geläufigen Wirklichkeitsmodus höhere geistig-sprachliche Anstrengung erfordernde Möglichkeitsmodus den modernen Trends zur Nivellierung und Gleichmacherei zum Opfer?» Stirbt der Konjunktiv, weil wir ihn zu anstrengend finden? wollte der Professor fragen.

Schwer hat es der Konjunktiv unstreitig; sterben müsste er nicht, falls sich die Einsicht wachhalten liesse, dass er (a) ein ebenso kluger wie bunter Bestandteil der Sprache ist, der (b) zu seiner Einübung nicht mehr Aufwand erfordert als der Fachjargon der Tennisturniere oder die Abseitsregel im Fussball - nur dass man eben die Sprache genauso wichtig finden müsste wie den Sport. Vielleicht hülfe es ja, das etwas komplizierte Regelwerk übersichtlich darzustellen, unter Meidung aller Modi und Gefüge. Dies sei hiermit versucht.

Der Konjunktiv I wird vom Präsens abgeleitet (er hat - er habe), dient überwiegend der Kennzeichnung der indirekten Rede und ist damit ein Standardwerkzeug aller Nachrichten in Zeitung, Radio und Fernsehen. Wenn wir von einem Parteivorsitzenden hören, er sei entschlossen . . ., so bleibt natürlich offen, ob er wirklich entschlossen ist; der Redaktor macht diesen Unterschied mit Hilfe des Konjunktivs deutlich, er gibt das Signal: Selbstverständlich hafte ich nicht für die vielen dubiosen Meinungen, die ich über den Sender schicken muss - ein anderer hat das gesagt. Am Rande wird der Konjunktiv I zur Aufforderung verwendet: Er lebe hoch, sei endlich still, man nehme vierzehn Eier.

Der Konjunktiv II drückt die Unwirklichkeit aus: Was hätte aus Fritz werden können! (Nichts ist aus ihm geworden.) Er benahm sich, als ob er der Scheich von Kuwait wäre (er war es nicht). Abgeleitet wird der Konjunktiv II von den Formen des Imperfekts: Ich ging - ich ginge ja gern, aber . . . Doch hier beginnen die Schwierigkeiten.

Problem 1: Die Grundform «er sang - er sänge» sollte die Ableitung starb - stärbe und half - hälfe nach sich ziehen; es heisst aber stürbe und hülfe, in Anlehnung an untergegangene Formen der Vergangenheit. Problem 2: Einige Verben lassen zwei Formen zu: stand - stände - stünde. Problem 3: Verben mit einem tragenden e wie nennen müssten die Ableitung nannte - nännte bilden; sie heisst aber nennte und ist höchst unpopulär: «Ich rennte ja gern, doch mein Knie tut weh» sagt kein Mensch. Hier duldet die Grammatik die Umschreibung «Ich würde rennen», ebenso wie bei Problem 4, wenn Vergangenheit und Konjunktiv II zusammenfallen: Er liebte sie zwölf Jahr lang - er liebte sie, wenn sie nur . . .? Nein: Er würde sie lieben.

Ja, die Grammatik hat ihre Tücken. Doch tief ist der Konjunktiv, wie die Mundarten zeigen, in der Sprache verwurzelt: Vom bayerischen «I mechat» (ich würde mögen, mit possierlichen Formen wie: «Freili mechatnma!») bis zum Dialog zweier Kölner über die Lösung eines Problems: Ginge das nicht? fragt der eine. Der andere antwortet: «Et jinge schon, aber et jeht nicht.» Nirgends wird anschaulicher, wofür wir den Konjunktiv II brauchen: Das Unwirkliche, das Unmögliche grenzt er gegen unsern Alltag ab.

Da sollten wir auch mit den restlichen Erschwernissen fertig werden. Zur Kennzeichnung des Konjunktivs der indirekten Rede stellt nur das Verbum sein alle Formen zur Verfügung: Ich sei, wir seien. Wollen, sollen, dürfen, müssen haben eigene Formen für den Singular (ich müsse), aber nicht für den Plural («wir sollten» ist ja identisch mit dem Imperfekt), und die meisten Verben bieten die Differenzierung überhaupt nur in der dritten Person Einzahl an: er komme, er bleibe. Der Satz «Er sagte, sie kommen» enthält keinen Konjunktiv - also müssen wir uns für die indirekte Rede den Konjunktiv der Unwirklichkeit borgen und schreiben: Er sagte, sie kämen.

Der häufigste Verstoss gegen diese Regeln besteht darin, dass man den Konjunktiv I immer durch den Konjunktiv II ersetzt, also schreibt (und spricht erst recht): «Sie sagte, sie hätte keine Zeit, ihr Mann wäre betrunken.» Schade - so schwierig wäre es ja auch wieder nicht, statt dessen habe und sei zu sagen (wie es in der Schweiz überdurchschnittlich oft geschieht). In Bayern und Österreich zieht man statt dessen das falsche würde vor: «Sie sagte, sie würde die Nase voll haben.» Richtig ist würde entweder als Konjunktiv II für die Zukunft: «Ich würde ja Ostern gerne kündigen, jedoch . . .», für die Gegenwart aber nur in den beiden erwähnten Ausnahmefällen.

Wer das nun alles zu schwierig fände, der könnte sich natürlich der modischen Faulheit im Umgang mit der Sprache anschliessen und so sein Scherflein zu ihrer Verarmung beitragen. Et jinge ohne Konjunktiv, aber nich jut. Niemand braucht ihn ja zu solchen Höhen zu treiben wie Christian Morgenstern in seiner Forderung an den idealen Korbsessel: Wenn ich sitze, will ich nicht Sitzen, wie mein Sitz-Fleisch möchte, Sondern wie mein Sitz-Geist sich, sässe er, den Stuhl sich flöchte.




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