Als «Labyrinth» und «Tumult» beschrieb der Philosoph Georg Simmel die Grossstadt, und das Leben in ihr empfand er als «Choc». Das war vor rund 90 Jahren, als die Städte noch so waren, wie sie viele heute noch gerne hätten, überschaubar, ohne Smog, Verkehrslärm und verwahrloste Quartiere. Erst zehn Prozent der Menschheit lebten am Anfang dieses Jahrhunderts in der Stadt, und London war mit 7 Millionen Einwohnern die grösste Metropole der Welt.
Ende Jahrhundert wird jeder zweite Mensch ein Städter sein; Mexico City mit seinen über 25 Millionen wird die Rangliste der grössten Städte anführen - wobei dort, und nicht nur dort, keiner mehr so recht weiss, wo die Stadt beginnt und wo sie endet. Städte und Landschaften drohen zu Grossagglomerationen zusammenzuwachsen, in denen weder das Urbane noch das Rurale zweifelsfrei auszumachen ist. Längst herrscht in amerikanischen und europäischen Innenstädten nach Geschäftsschluss nicht mehr der bei Simmel allgegenwärtige «Tumult», sondern oft gespenstische Stille; der Flughafen im Grünen dagegen ist - wie Paul Virilio meint - zum neuen urbanen Ort geworden, weil dort der Umschlag von Menschen am grössten ist. Und wo der «Tumult» noch anzutreffen ist, erstickt man in den Abgasen jener Errungenschaft, der die rasant wachsenden Städte in der Dritten Welt noch weit weniger gewachsen sind als die der westlichen Welt.
Von der Stadt «als Ort der grösstmöglichen Gleichzeitigkeit aller menschlichen Möglichkeiten» hat Hugo Loetscher sich faszinieren lassen; er tritt in seinem Essay für einen polygamen Umgang mit Städten ein, für ein neugieriges Sich-einlassen. In Grossstädten verdichten sich zwar Krisen und Konflikte; als scharfes Bild der Zeit sind sie aber auch Herausforderung für Erfindungskraft und Organisationstalent. Städte künden vom Niedergang und sind gleichzeitig der Ort der Entwürfe, der Visionen. Die in diesem Heft versammelten Beiträge aus verschiedenen Metropolen sind deshalb nicht als Stadtportraits zu verstehen, sondern als Suche nach Ansätzen zur Bewältigung urbaner Probleme, wie sie in den Grossstädten manifest sind und sich in der überschaubaren eigenen Stadt vielleicht erst abzeichnen - oder auch nur als ihre Relativierung.