Auf einem Campingplatz in Queensland in Nordaustralien war an einem Oktobermorgen 2004 die Hölle los. Beim Zelt eines jungen Mannes tauchte plötzlich ein Krokodil auf, packte den Schlafenden und zog ihn ins Freie. Todesmutig eilte eine ältere Camperin dem schreienden Opfer zu Hilfe. Sie sprang der Bestie auf den Rücken – und wurde nun ihrerseits gepackt. Einem dritten Camper gelang es schliesslich, das Krokodil zu erschiessen, worauf die beiden Opfer schwer verletzt geborgen werden konnten.
Die Bestie von Queensland war ein Leistenkrokodil (Crocodylus porosus). Mit einer Länge von bis zu sechs Metern und einem Gewicht von bis zu 1000 Kilogramm ist dies die grösste und am meisten gefürchtete der heute noch existierenden 23 Krokodilarten.
Die Vorfahren des Leistenkrokodils lebten schon vor 200 Millionen Jahren als Zeitgenossen der Dinosaurier. Sie überlebten die legendären Riesen wohl nicht zuletzt wegen ihrer enormen Anpassungsfähigkeit. Leistenkrokodile legen ihre Eier entlang den Ufern von Flüssen und Seen. Als Lebensraum bevorzugen sie aber das brackige Wasser von Mangrovensümpfen oder das offene Meer. Deshalb kennt man sie auch unter dem Namen Salzwasserkrokodile – «salties» im australischen Englisch. Weil sie in den Ozeanen Tausende von Kilometern zurücklegen und an entfernten Flüssen neue Kolonien gründen, haben sie sich entlang fast sämtlichen Küsten des Indischen Ozeans, von Sri Lanka bis Indonesien sowie in Nordaustralien, Neuguinea und auf den Philippinen, etabliert.
Das Leistenkrokodil lebt von Krebsen, Fischen, Fröschen, Schlangen, Schildkröten und anderen Krokodilen. Angetrieben von seinem kräftigen Schwanz, kann das Reptil wie eine Rakete hochschiessen und einen ahnungslosen Reiher noch zwei Meter über der Wasseroberfläche vom Ast pflücken. Grosse und entsprechend kräftige Tiere attackieren auch Rinder und Wildschweine. Mit Nasenlöchern und Augen knapp über der Wasserlinie lauern sie unbemerkt stundenlang in Ufernähe. Kommt das Huftier zur Tränke, packt der Räuber blitzschnell dessen Schnauze, dreht sich um die eigene Körperachse und bringt so die Beute zu Fall. Dann wird das Opfer ins Wasser gezerrt und ertränkt. Eingeklemmt unter einer Baumwurzel oder zwischen Steinen, lagert das Futter im nassen Grab, bis die feste Haut nach Tagen und Wochen so weit verwest ist, dass das Krokodil den Kadaver fressen kann.
Menschenfresser
Und wo Menschen im Krokoland sorglos baden oder zum Fischen im seichten Wasser stehen, werden auch sie zur leichten Beute. Wenn man das Krokodil sieht, ist es meist schon zu spät. In Sarawak wurde 1992 ein «Menschenfresser» zur Strecke gebracht, der in 30 Jahren 13 Menschen konsumiert haben soll. Trotzdem, wer das Leistenkrokodil als Raubtier zu respektieren weiss, braucht sich nicht übermässig zu fürchten. Seit in Nordaustralien die Leute über die Medien und durch lokale Hinweistafeln vor der Krokodilgefahr gewarnt werden, fallen fast nur noch Betrunkene beim nächtlichen Baden dem Reptil zum Opfer. Im Lauf der letzten drei Jahrzehnte sind noch ein gutes Dutzend Menschen getötet und doppelt so viele verletzt worden.
In den brackigen Sümpfen von Arnhemland an der australischen Nordküste gibt es besonders viele Krokodile. Für die dort ansässigen Aborigines ist das Raubtier heilig; sie verehren es als Verkörperung der Gottheit Bäru. Die Urbewohner glauben, dass sie vom Krokodil abstammen und nach dem Tod wieder in den Leib eines Krokodils zurückkehren.
Trotz aller Verehrung wird zuweilen ein Krokodil erlegt und das schmackhafte Fleisch gegessen. In der Regel lässt man das Reptil aber in Frieden. Schon dem Kleinkind wird der Respekt vor dem tückischen Ufer beigebracht, ähnlich wie wir die Kleinen vor den Gefahren der Strasse warnen.
In Australien legen die Krokodile ihre Eier in den feuchten Monaten von November bis März. Dazu sucht sich das Weibchen einen Platz über dem Wasserniveau, baut aus Ästen, Gras und Schlick einen halbmeterhohen Hügel und legt 40 bis 60 Eier hinein. Das Bauwerk ist derart ausgeklügelt, dass in der Brutkammer durch die Verrottungswärme konstant eine Temperatur von etwa 30 Grad Celsius herrscht. Da sich Warane und Wildschweine stark für den Haufen mit den leckeren Eiern interessieren, buddelt sich das Krokodilweibchen in Nestnähe eine grosse Badewanne und hält im trüben Wasser Wache. Nach rund drei Monaten sprengen die jungen Krokodile den gänseeiergrossen Schalenpanzer und melden sich bei der Mutter mit quäkenden Rufen. Diese gräbt den Nachwuchs aus, trägt ihn einzeln oder im Multipack in der Schnauze zum seichten Wasser und schaut weitere zwei Monate nach dem Rechten.
Trotz aller Fürsorge erreicht nur etwa jeder hundertste Nestling das Erwachsenenalter. Schon im Bruthügel können Überschwemmungen die Eier verfaulen lassen. Und den Jungtieren droht Gefahr durch gefrässige Stelzvögel und Fische. Die Halbwüchsigen schliesslich werden von alten Krokodilmännchen, die im Territorium keine Konkurrenz dulden, gefressen. Im besten Fall flieht der Nachwuchs aus der elterlichen Bucht und sucht sich an fremder Küste ein eigenes Revier. Die Weibchen der Leistenkrokodile werden mit 12 Jahren, die Männchen mit 16 geschlechtsreif. Da manche Tiere über 70 Jahre alt werden, kann sich die Spezies tüchtig fortpflanzen.
Wenn da nicht der Mensch wäre. Nach dem Zweiten Weltkrieg entdeckte die Modewelt die besonders schön gemusterte und weiche Bauchhaut der Leistenkrokodile. Mit Scheinwerfern, Kriegswaffen und Booten ging man jetzt hordenweise auf Krokodiljagd. Zwischen 1945 und 1970 wurden allein aus Australien und Neuguinea 250 000 Krokodilhäute exportiert.
Erst nachdem das Krokodil vielerorts verschwunden war, zog die australische Regierung die Notbremse. Ab 1969 wurde die bedrohte Tierart in den einzelnen Landesteilen unter Schutz gestellt; 1972 verhängte die Bundesregierung ein totales Ausfuhrverbot für Krokodilerzeugnisse. In den 1970er Jahren klebte Harry Messel, ein exzentrischer Physiker aus Kanada und nun Professor an der Universität Sydney, Leistenkrokodilen kleine Funksender auf den Rücken, um ihre Wege auch über grosse Distanzen im Meer zu verfolgen. Im Laufe der Jahre ergab sich daraus ein detailliertes Bild der Krokodilpopulation, wobei sich eine erfreuliche Erholung der Bestände zeigte.
1985 änderte Australien deshalb seine Politik. Nach dem Motto «Use it or loose it» wollte man Krokodile kontrolliert «ernten» und die Landbesitzer mit solchem finanziellen Anreiz für den Erhalt gesunder Krokodilbestände motivieren.
Feiner «Crocburger»
Der Biologe Grahame Webb entwickelte ein Konzept, wie man durch das Sammeln von Eiern aus den Nestern wildlebender Krokodile die Bestände nachhaltig nutzen könnte. Hauptsächlich von Aborigines werden jetzt jährlich 30 000 Eier eingesammelt und dann in lokalen Betrieben künstlich ausgebrütet. Das frischgeschlüpfte Krokodil wird für 30 bis 40 Dollar an eine Krokodilfarm verkauft; 5 Dollar gehen an den Besitzer des Landes, wo das Ei gefunden wurde. Die Jungtiere werden im Alter von drei Jahren getötet. Eine einzige Haut bringt in guten Zeiten um die 400 Dollar; das zarte, fettarme Fleisch liefert als «Crocburger» weiteren Profit.
Indem die Jäger manche Nester gezielt schonen, hat sich in den letzten zwanzig Jahren in Australien der Bestand an Leistenkrokodilen wieder auf fast 1 50 000 Tiere erholt. Problemkrokodile, die etwa die grosse Bucht von Darwin Harbour unsicher machen, werden im Auftrag des Staates eingefangen. Da solche Störenfriede meist besonders gross und kräftig sind, ist ihr Panzer zu dick, als dass man daraus zierliche Handtäschchen schneidern könnte. Sie werden an Krokodilfarmen verkauft, wo sie als Zuchttiere wertvolle Dienste leisten.
Dank einem ähnlichen Schutzkonzept haben auch in Papua-Neuguinea und neuerdings in Indonesien die Krokodile wieder eine Zukunft. Im übrigen Verbreitungsgebiet, wo das Leistenkrokodil zwar offiziell umfassend geschützt ist, lassen Wilderei und Zerstörung der Mangrovensümpfe und Flussläufe das urtümliche Reptil jedoch immer seltener werden.