|
|
NZZ Folio 06/09 - Thema: Am Schwarzen Meer Inhaltsverzeichnis
Sotschi unter Palmen
© Arid Ocean (Reliefkarten)
|
| Sotschi hat 330 000 Einwohner und ist das grössteFerienparadies der Russen. Jährlich kommen um die 4 Millionen Touristen in den Kurort, der sich über 145 Kilometer entlang der Küste ausdehnt. Das Klima der Küstenzone Sotschis ist subtropisch mit langen, heissen Sommern, einem warmen Herbst und kurzen, milden Wintern. Zum ersten Mal werden hier 2014 Olympische Winterspiele in subtropischem Klima stattfinden. |
|
 |
Der beliebteste russische Kurort rüstet sich für die Olympischen Winterspiele 2014. Noch spricht keiner Englisch. Aber der Bürgermeister ist schon mal der Richtige.
Von Lorenz Schröter
Wahlkampf in Sotschi, der südlichsten Stadt Russlands: Junge Frauen verteilen in den Fussgängerunterführungen Parteizeitungen, ein junger Mann, der entfernt an den verstorbenen österreichischen Populisten Jörg Haider erinnert, lächelt von Plakaten, auf dem riesigen Vorplatz des Rathauses wird ein Kandidat von Journalisten umringt, die Passanten gehen achtlos an ihm vorbei. Der Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014 sucht einen neuen Bürgermeister. Bei der Wahl wird sich zeigen, ob bei der Eröffnungsfeier ein Oppositioneller neben Premierminister Wladimir Putin stehen kann.
Es geht natürlich auch um Geld, um viel Geld. 1,5 Milliarden Dollar soll allein die Bewerbung Sotschis gekostet haben. In der Nacht, als die Entscheidung für die beliebte Schwarzmeerstadt fiel, haben sich die Wohnungspreise verdoppelt. 12 Milliarden Dollar werden in Hotelanlagen, Sportstadien, Strassen und sonstige Infrastruktur investiert. Die Projekte wurden allesamt in Moskau beschlossen.
Die russische Opposition – also all jene, die Wladimir Putin nicht für den grössten lebenden Russen halten – hat nur auf kommunaler Ebene eine Chance. Es kandidieren: eine Primaballerina, die das Moskauer Bolschoi-Theater verklagt hat, weil sie wegen Übergewichts entlassen wurde (sie wog 47 Kilo bei einer Grösse von 171 Zentimetern); ein ehemaliger Weltmeister im Armdrücken; eine Pornodarstellerin; ein Grossmeister einer russischen Freimaurerloge (er war der einzige unabhängige Kandidat bei der russischen Präsidentschaftswahl von 2008; Stimmenanteil: 1,3 Prozent); ein ehemaliger KGB-Agent (er wird verdächtigt, am Mord des KGB-Agenten Alexander Litwinenko beteiligt gewesen zu sein, der in Ungnade gefallen war und in London mit Polonium vergiftet wurde); ein Milliardär, dem die englische Tageszeitung «Evening Standard» und ein Drittel der Fluglinie Aeroflot gehören. Und ein Putin-Anhänger: Anatoli Pachomow.
Sotschi ist kein verschlafenes Nest. An der zentralen Kreuzung geht zur Rushhour nichts mehr. Zu Fuss wäre man schneller. Wenn man denn den Weg fände. Kein Passant, kein Taxifahrer, keiner an der Hotelréception – hier spricht niemand Englisch. Vielleicht war es ja Zufall: Im ersten Hotel war das warme Wasser abgestellt; im andern Hotel, wo es Internet gab, fiel der Strom aus; im Internetcafé geriet ich immer auf die russische Google-Website, «google.com» war gesperrt; und die Vorwahl für Auslandsgespräche kannte auch keiner.
Unvorstellbar, was hier los sein wird, wenn 2014 Tausende internationale Gäste einfallen, wenn die Herrschaften des Internationalen Olympischen Komitees in den Hotels ihre Laptops aufklappen, vergeblich ein Wireless-LAN suchen und mit der hübschen, aber leider des Englischen unkundigen Réceptionistin zu verhandeln beginnen.
Sotschi ist eine geschäftige und widersprüchliche Stadt, sie tönt wie ein Akkord aus überholten Regeln und gelebter Anarchie. Der schöne Park im Zentrum wird von der Hauptverkehrsstrasse umkreist. Wo der Hafen am attraktivsten ist, gibt es keine Bänke. Die üblichen Stahl-Glas-Neubauten verdrängen den traditionellen Chruschtschow-Stil. Freundliche Kellner und Fahrkartenverkäufer lächeln, können aber nicht weiterhelfen. Bis zu den Winterspielen soll Sotschi – mit 145 Kilometern nach Honolulu die längste Stadt der Welt – eine ultramoderne S-Bahn bekommen, wie sie in Russland bis heute nur Moskau und St. Petersburg kennen. Hinter Sotschi geht es steil hinauf, die Küstenstrasse windet sich in Serpentinen um die Quertäler. Bambus, Bananenstauden, Palmen und Akazien stehen im spitzen Winkel zum Abhang.
Weiter oben wird die subtropische Fauna von gemässigtem Regenwald mit Eichen, Stechpalmen und Eiben abgelöst. Drei Naturparks bilden eine Biosphäre mit Wildkatzen, Bären, Bartgeiern. Kaukasische Hirsche und die letzten Berg-Wisente Europas grasen hier. 1999 wurde der Westkaukasus von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt.
«Der Westkaukasus erinnert mich an die Westalpen», schrieb der Schweizer Bergsteiger Andreas Fischer 1913, «aber die Schönheit und der Reichtum an Gletschern, die prachtvollen Wälder und Blumen übersteigen alles, was es in den Alpen zu sehen gibt.» Damit könnte schon bald Schluss sein: In die sensible Pufferzone des Biosphärenreservats werden nun eine Bobbahn, das olympische Dorf und die Biathlonanlagen gebaut. Eine Zeitlang protestierten russische Umweltschützer, die Leiter der Nationalparks äusserten sich besorgt und wurden in westlichen Medien in kritischen Artikeln zitiert. Jetzt sagt niemand mehr etwas. Anfragen werden nicht beantwortet. Bleibt man hartnäckig, verweisen die Nationalparkdirektoren auf ihre vorgesetzte Behörde in Moskau.
Es sind diese kleinen Zeichen, an denen man merkt, wie schwer sich das postsowjetische Russland immer noch damit tut, ein modernes Land zu werden. Man wundert sich, wie in diesem schwerfälligen Betrieb überhaupt Neues entstehen kann.
Sotschi gilt als die Riviera Russlands. Hier, zwischen den Palmen des Schwarzen Meeres und dem Schnee des Kaukasus, geniessen die Reichen und Schönen auf sonnigen Terrassen und unter blendend weissen Säulengängen neoklassizistischer Prachtbauten Belugakaviar und Wodka. Diese Bilder existieren tatsächlich. Sie sind aber oft nur gross genug für eine kleine Postkarte. Lässt man seinen Blick weiter schweifen, geraten unweigerlich die Bausünden in den Fokus. Die ganze Küste südlich des beliebtesten russischen Bade- und Kurorts ist mit veralteten Industrieanlagen und rostigen Piers verbaut, aus den Betonmolen ragen Abwasserrohre.
Beim Ticketkauf für die Bahnfahrt südwärts muss ich den Pass vorlegen. Die Daten werden auf die schöne Fahrkarte mit Goldprägedruck übertragen. Zum Glück erledigt das Hotel jeweils die polizeiliche Registrierung der Touristen, denn man braucht für jede Nacht eine neue. Diese schon in Sowjetzeiten bewährte Kontrolle der Auswärtigen und Ausländer hat Wladimir Putin, damals noch Präsident, während des zweiten Tschetschenienkriegs wieder eingeführt. Moskau muss wissen, was ausserhalb Moskaus geschieht.
Gut dreissig Kilometer die Küste hinunter liegt Veseloe. An der Busstation warten die Taxis auf die Fahrgäste. Es gibt in dem kleinen Ort nichts Besonderes, ausser das in Fachkreisen international berühmte Institut für medizinische Primatologie.
Wer den Taxifahrern begreiflich machen will, dass er dorthinmöchte, sieht sich gezwungen, einen Tanz aufzuführen. Ich gehe in die Hocke, schlenkere mit den Armen und schiebe mir die Zunge unter die Lippe. Bis sich nach langer Zeit endlich ein Zuschauer einmischt und ruft: «Makak!»
Das Institut ist eine mehrere Hektaren grosse, mit hohen Stahlzäunen geschützte Anlage. 4000 Affen leben hier, 2000 Makaken, Paviane und andere Meerkatzenarten, in Hunderten von Käfigen. «Makaken waren leicht zu bekommen», erklärt der Institutsdirektor Boris Lapin. Vor fünfzig Jahren hätten sie in Indien ein-, zweitausend Tiere gekauft. «Jetzt werden hier jedes Jahr Hunderte geboren.»
Mehr als 900 Studien verdankt die Wissenschaft den Institutsaffen aus Veseloe. Boris Lapins Forschungsgebiet umfasst Mikrobiologie, Pathologie, Virologie, Infektionsepidemiologie, Krebs- und Stammzellenforschung sowie Weltraumbiologie und Gerontologie. Sein Buch über die vergleichende Pathologie der Affen gilt als Standardwerk. «Wir testen Impfstoffe gegen verschiedene Viren, zum Beispiel gegen H5N1, die Vogelgrippe. Wir haben auch Aidsforschung betrieben. Ich persönlich glaube aber nicht an einen Impfschutz», sagt Lapin. Dafür hat er die Pille für die ewige Jugend gefunden. «Wir haben die endokrinologischen Daten aller Altersstufen unserer Tiere untersucht und festgestellt, dass sich der Alterungsprozess in den Zellen mit einem bestimmten Hormon aufhalten lässt. Unser Epitalon hat sich als Geroprotektor erwiesen», sagt er. Und wie alt kann man mit der russischen Anti-Aging-Pille werden? 100 Jahre? 120?
«Das weiss ich nicht», sagt Lapin. Er selbst nimmt kein Epitalon. Dabei ist er schon 86 Jahre alt. «Ich brauche das nicht», sagt er.
Über einem Stuhl hängt eine Jacke mit vielen bunten Ehrenabzeichen der UdSSR. Im Zweiten Weltkrieg war Lapin Pilot und Fallschirmspringer. Nur 10 Prozent der Männer seines Jahrgangs haben den Krieg überlebt. «Es waren schreckliche Zeiten», sagt er. Seit fünfzig Jahren leitet Boris Lapin das Institut, das 1927 in Sochumi, in der heutigen (von der Uno nicht anerkannten) Republik Abchasien gegründet worden ist.
Ein gewisser Professor Ilja Iwanow hat damals afrikanischen Frauen Schimpansensperma eingeführt, um Hybriden zu zeugen, kann man in seriösen wissenschaftshistorischen Zeitschriften lesen. Professor Lapin widerspricht: «Iwanow hat sich in Afrika Sperma von Afrikanern besorgt und hat es in Affen eingeführt», erklärt er. Diese seien aber alle während der Überfahrt zurück in die UdSSR gestorben. Iwanow sei kein Mitglied seines Instituts gewesen, er sei nur ein paarmal zu Besuch gekommen. Und er sei im Gefängnis gestorben.
An der Wand hängen Diplome und Urkunden – Lapin ist Mitglied zahlreicher angesehener Akademien – und Fotos von Regierungschefs, sowjetischen Generälen, Virologen, Pathologen und Kosmonauten. «Zwischen 1983 und 1996 haben wir Affen für fünf Tage bis zwei Wochen in den Weltraum geschickt. Sechs Flüge mit jeweils zwei Insassen», erzählt er.
Auf dem Gelände des Instituts steht eine Originalraumkapsel mit zwei ausgestopften Makaken drin. Sie sind angeschnallt, vor sich ein Nahrungsspender für Wasser und Brei. «Einer, der im Weltraum war, lebt noch mit seinen Kindern und Enkeln», sagt Lapin. Man erkennt den letzten Kosmonaffen daran, dass er keinen Schwanz hat. Er wurde den Versuchstieren amputiert, damit sie besser sitzen und ihre Notdurft hygienischer verrichten konnten.
Die Kosmonaffen haben Boris Lapin weltberühmt gemacht. Der Weltraum fasziniert ihn noch heute. «In Moskau betreuen wir derzeit ein Marsprogramm. Dabei werden Testpersonen 500 Tage lang in eine Raumkapsel gesperrt, um einen Flug zum Mars zu simulieren», erzählt er. Im Weltall sind Kosmonauten Strahlungen ausgesetzt, die ihr Immunsystem angreifen. Um die Auswirkungen auf den Menschen zu untersuchen, werden Affen bestrahlt.
Von Veseloe aus mag es vielleicht einmal zum Mars gehen – aber weiter nach Süden geht es nicht. Unweit der Stadt beginnt die Republik Abchasien. In die Provinz, die sich 1992 in einem wüsten Bürgerkrieg von Georgien gelöst hat und in der Boris Lapins Institut bis 1991 gestanden hatte, darf nur einreisen, wer ein spezielles russisches Reentry-Visum besitzt. Zwischen Abchasien und Georgien liegt eine unsichtbare, aber unüberwindbare Grenze.
Am Hohen Kaukasus also ist Schluss. So hat man das auch in der Schule gelernt: Uralgebirge, Uralfluss, Kaspisches Meer und Kaukasus – hier liegt die Grenze zwischen Asien und Europa. Tatsächlich ist das eine Frage der Konvention. Der europäische Fussballdachverband Uefa lässt ja auch Kasachstan in seinem Cup mitspielen, beim Eurovision Song Contest singen sogar Israel und Aserbeidschan mit.
Philip Johan von Strahlenberg aus Stralsund verortete die Grenze 1730 im russischen Inland, 300 Kilometer nördlich vom Schwarzen Meer. Strahlenberg hatte in der schwedischen Armee Karriere gemacht, bevor er in russische Kriegsgefangenschaft geriet und Studien veröffentlichte, in denen er die Manytsch-Niederung zwischen dem Don und der Kaspischen Senke als den Endpunkt Europas bezeichnete. Diese Niederung ist ein Sumpf, gespeist von der Manytsch, einem Nebenfluss des Don, und der Kuma. Die Flüsse wechseln oft ihren Lauf, eine ungenaue Angelegenheit.
Oder man legt die Grenze auf den Kaukasus, wie der griechische Historiker Herodot. Dann wäre nicht der Mont-Blanc mit 4808 Metern der höchste Berg Europas, sondern der Elbrus mit 5642 Metern. Er wird, wenn der Aletschgletscher in hundert Jahren geschmolzen sein wird, der letzte Berg Europas sein, auf dem man Ski fahren kann.
Bei der Bürgermeisterwahl von Sotschi sind übrigens fast alle Kandidaten kurz vor dem Urnengang ausgeschlossen worden. Oder sie zogen sich im letzten Moment freiwillig zurück. Die Wahlbeteiligung lag bei 38 Prozent. Gewonnen hat der übliche Verdächtige: Anatoli Pachomow – der Mann von Moskaus Gnaden.
Lorenz Schröter ist freier Journalist; er lebt in Berlin.
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|