NZZ Folio 05/98 - Thema: Auto   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Die «Sex-Affäre», sprachlich gesehen

Von Wolf Schneider

MIT DEN WORTEN, die sie wählen, machen Journalisten Politik. Viele wollen das auch. Die es nicht wollen, tun es allzuoft trotzdem - mit einer Fahrlässigkeit, die zumindest dann schwer begreiflich und kaum entschuldbar ist, wenn es sich um die Redaktoren seriöser Blätter handelt.

«Weiterer Fehlschlag des israelischen Geheimdienstes» meldete die «Frankfurter Allgemeine» über jene Agenten, die erwischt wurden, als sie mit Abhörgeräten in eine Wohnung bei Bern eindrangen, und die erste Überschrift der NZZ über diesen Vorfall hiess: «Mossad-Fehlschlag in der Schweiz?»

Merkwürdig. Ein Fehlschlag ist doch ein Misserfolg. Den aber verzeichnete allein Israel. Die Schweiz dagegen hatte den Erfolg, den Übergriff eines fremden Geheimdienstes verhindert zu haben, das Wort Fehlschlag war eine kuriose Parteinahme für diesen. So hiess es denn in späteren Ausgaben der NZZ korrekt: «Verletzung der Schweizer Souveränität» oder «Einer Anwohnerin war das Scheitern der Aktion zu verdanken.»

Im Dutzend sündigen auch seriöse Journalisten seit Monaten, wenn sie über den Streit berichten, ob Präsident Clinton eine sexuelle Beziehung zu Monica Lewinsky hatte oder nicht. «Clintons Sex-Affäre» war die häufigste Floskel. Mit dieser Wortwahl wurde unterstellt, dass es zwischen dem Präsidenten und der Praktikantin Sex gegeben habe; wenn nicht, wäre es ja eine Lügen-Affäre, und vielleicht ist es das sowieso. War es juristisch zulässig, von Sex zu sprechen, solange kein Gericht dem Präsidenten etwas nachgewiesen hat?

Sollte aber über kurz oder lang eine Entscheidung gegen Clinton fallen (oder gefallen sein, während dieses Heft gedruckt wird), so wäre dennoch kein Redaktor, der vorher von der «Sex-Affäre» sprach, entschuldigt: Denn vor dem Urteil hätte er erstens juristisch unkorrekt gehandelt und zweitens - viel schlimmer - seinen Lesern eine Gewissheit vorgegaukelt, in deren Besitz er sich nicht befinden konnte.

In der Wahl anfechtbarer Wörter waren die Journalisten höchst erfinderisch. Da las man, Clinton leugne eine Beziehung, oder: Monica Lewinsky überlege noch, ob sie weiter leugnen soll. Das Leugnen aber ist etymologisch und für jeden hörbar mit dem Lügen verwandt; mal ihm, mal ihr wurde also unterstellt, gelogen zu haben. «Clinton wiederholte seine Behauptung, er habe nicht . . .» Eine Behauptung ist eine emphatische, aber unbewiesene Äusserung; die Wortwahl legt also nahe, dass Clinton gelogen habe. «Monica Lewinsky gibt vor, mit dem Präsidenten intim gewesen zu sein», aber Vorgeben ist ein höfliches Synonym für Lügen.

Andauernd wurde da die Pose des Bescheidwissens kultiviert und dabei eine Vorverurteilung in Kauf genommen, und dies wahrscheinlich nicht in parteilicher Absicht, sondern wegen eines erschreckend sorglosen Umgangs mit den Wörtern. Was aber tun? Das amerikanische Nachrichtenmagazin «Time» erzählte «the sordid tale that imperils the presidency» - die schmutzige Geschichte, die das Amt des Präsidenten in Gefahr bringt. Und natürlich wäre es erlaubt, von einer Affäre im Weissen Haus zu sprechen. Und Clinton leugnet nicht - er bestreitet; er behauptet nicht - er sagt. Und Monica Lewinsky gibt nicht vor, sie gibt an, sie sagt aus. Das mag ja weniger süffig klingen. Aber noch gibt es ziemlich viele Menschen, die am liebsten eine Zeitung lesen, in der sie auf jedes Wort tausend Franken wetten können.

Nicht einmal eine Mark wert war neulich die Schlagzeile der «Süddeutschen Zeitung»: «Wirtschaft erwartet 500 000 neue Arbeitsplätze.» Der Inhalt lediglich: Die Spitzenvertreter der deutschen Wirtschaft haben gesagt, sie erwarteten . . . Und die Redaktion? Sie glaubte ihnen nicht. Drei Seiten später erfuhr der Leser derselben Ausgabe in einem Kommentar, die Ankündigung sei «eine Mär» und «der platt geratene Versuch einer Parteinahme». Es geschah also wider besseres Wissen, dass die Redaktion in der Schlagzeile die Behauptung aufstellte, sie kenne die wahren Erwartungen der Wirtschaftsvertreter.

Sollte man von einer seriösen Zeitung nicht fordern dürfen, dass sie nichts hinschreibt, was sie nicht beeiden kann, und zweimal nicht das, wovon sie selber mitteilt, dass es wahrscheinlich gelogen ist? Beweisen liess sich nur, dass die Wirtschaftsvertreter eine Erwartung äusserten. In welchem Verhältnis öffentliche Äusserungen zu wahren Erwartungen stehen, ist indessen eine völlig offene Frage. Hier offenbar in einem besonders gespannten: Denn zwei Tage später schob der Präsident der deutschen Arbeitgeber nach, er sei missverstanden worden; zusätzlich seien nur 200 000 neue Arbeitsplätze zu erwarten.

«Unsere Leser ordnen das schon richtig ein», bekommt man aus solchen Redaktionen gern zu hören. Soll das heissen: Wir haben unsere Leser daran gewöhnt, das richtig zu verstehen, was wir falsch hingeschrieben haben? Wörter wägen! heisst der journalistische Imperativ.




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