«Britische Wirtschaft führend in Europa»; «Britische Industrie weiter auf Talfahrt»; «Schlechtbezahlte Jobs halten die Armen arm»; «In den Spitälern lässt man Patienten verhungern»; «Immobilienpreise ziehen an»; «Lesefähigkeit der Primarschüler auf neuem Tiefstand» - Schlagzeilen, die in den letzten Wochen in englischen Zeitungen zu lesen waren. Sie geben eine Ahnung von den Widersprüchen, in denen England am Vorabend der Parlamentswahlen steckt.
Margaret Thatcher war 1979 als Premierministerin mit dem Vorsatz angetreten, «Britain» wieder «Great» zu machen. Radikal veränderte sie das Land, in dem allenthalben von «decline» und «disease» die Rede war. Sie brach die lähmende Macht der Gewerkschaften, sie privatisierte die Steuergelder verschlingenden Staatsbetriebe, sie machte viele Engländer zu Aktionären und Hausbesitzern. Britannien wurde effizienter - und unwirtlicher für jene, über die der Aufschwung hinwegging.
Nach 18 Jahren scheinen die Engländer der Herrschaft der Tories müde zu sein. «What happened to us?» fragte das Magazin «Granta» letzten Dezember und diagnostizierte eine «fundamentale Verunsicherung» im Land. Ist der desolate Zustand des Königshauses das Spiegelbild der Nation? Die Autoren, die wir um Innenansichten von der Insel baten, zeichnen ein Bild, auf dem vieles im Schatten liegt, ob es um die soziale Frage, Englands gespanntes Verhältnis zu Europa oder seine Rolle in der Welt geht. Wenn im Juni Hongkong an China zurückfällt, werden noch eine Handvoll kleiner Inseln mit 168 000 Bewohnern vom stolzen Empire übrigbleiben, in dem einst 800 Millionen unter britischer Flagge lebten.
Vielleicht müssen wir uns daran gewöhnen, von liebgewordenen Vorstellungen einer Nation, die mehr als andere ihre Traditionen bewahrt, Abschied zu nehmen. Und uns, wenn wir das nächstemal in einem Pub am Tresen stehen, darüber im klaren sein, dass die Sägespäne unter unseren Sohlen aus Schweden importiert wurden.