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NZZ Folio 09/08 - Thema: Traumreisen Inhaltsverzeichnis
Sportmärchen -- Die Hochzeit der eiskalten Königin
© Markus Roost
Von Richard Reich
Es war einmal eine Königin, die herrschte über alle Tennisplätze des Erdballs. Sie war blond wie Schnee, trat kühl und unbeirrbar auf wie Eiswind, so dass man sie die eisige Jungfrau nannte. Jede Gegnerin, die sie mit ihren eisblauen Augen fixierte, erstarrte auf der Stelle und musste sich kampflos geschlagen geben. Und wenn sich eine Widersacherin gleichwohl zu wehren wagte, schlug die kalte Königin beidhändig zu, bis jeder Widerstand wie ein fallen gelassener Eiswürfel zersplitterte. Eintausenddreihundertundacht Siege hatte die eisige Jungfrau dergestalt bis dahin erzielt, stolz trug sie die Kronen von Paris, London, Berlin, Rom, Australien und Amerika, am Tag ihres eintausenddreihundertundneunten Triumphs jedoch sprach sie: «Jetzt ist genug Ball gespielt. Ich will heiraten!»
Da geriet der ganze Königshof in Aufregung, und der Hofmarschall stotterte: «Äh, ja…, das ist schön, Majestät, doch nach welcher Art Gatte steht Euch, äh…, der Sinn?» – «Nach einem aparten Sportsmann, der meiner würdig ist», antwortete die Königin, «aber bringt mir auf keinen Fall einen Tennisspieler. Von braungebrannten Kerlen in kurzen Hosen habe ich genug!» – «Nun, Majestät, wenn Euch nicht nach Sandkönigen gelüstet, darf es vielleicht ein Fussballer sein?»
«Nein, die haben zu dicke Waden.»
«Oder ein Handballer?»
«Die haben zu fleischige Hände.»
«Oder ein Gewichtheber?»
«Zu feiste Nacken.»
«Ein Radrennfahrer?»
«Igitt, die rasieren sich die Beine!»
Und so ging es weiter, bis dem armen Hofmarschall keine einzige Sportart mehr einfiel und er kläglich in seinem Sessel versank. Statt seiner trat eine arme Magd vor, die sonst nie zu Wort kam, und wisperte: «Wollen es Majestät eventuell mit einem Wintersportler versuchen?» Da kicherte die kalte Königin klirrend und sprach: «Was für eine hübsche Idee! Ich ernenne dich hiermit zu meiner ersten Kammerzofe!»
So schwärmten umgehend Boten in die umliegenden Berge, und es dauerte nicht lange, dann strömten aus allen Windrichtungen ebenso austrainierte wie heiratswillige Schnee- und Eiskönige herbei. Die kalte Jungfrau besah sich einen nach dem anderen von oben bis unten – allein, sie konnte sich für keinen erwärmen, wie feurig der Hofmarschall die Freier auch anpries:
«Aber, Majestät, nehmt diesen süssen Skispringer da!»
«An dem ist doch nichts dran!»
«Oder den langbärtigen Langläufer?!»
«Niemals! Der sagt nur jeden vierten Winter ein Wort!»
«Oder den bulligen Bobfahrer?!»
«Lieber nicht. Der trägt seinen Sturzhelm sicher sogar im Bett!»
«Oder den tollkühnen Abfahrer?!»
«Ach nein, bei dem geht doch alles viel zu schnell!»
Und so ging es weiter, bis der hinterste und letzte Freier abgewiesen war.
«Ich fürchte, Majestät», seufzte der Hofmarschall erschöpft, «der Euch genehme Sportsmann ist noch nicht geboren. Am Ende werdet Ihr doch einen Tennisspieler nehmen müssen.» – «Kommt nicht in Frage!» fauchte die Königin, «diese Schlägertypen schauen alle gleich lächerlich aus in ihren kurzen Hosen!»
Da erhob sich wiederum die Magd, welche nun erste Kammerzofe war, und sprach: «Was hielte Majestät von einem Gatten, der zwar wie ein Tennisspieler Bälle schlägt, jedoch niemals kurze Hosen trägt? Von einem prächtigen Mannsbild, das nicht hechelnd durch die Gegend rennt, sondern elegant über gediegene Grünflächen flaniert? Von einem Sportsmann, der schon ein älterer Herr ist, aber gleichwohl noch immer ein grosser Champion?» – «Ach, Zofe, wenn du mir so einen bringst», rief die Königin, «soll niemand anders als du meine Brautjungfer sein!» Und siehe, schon sieben Tage darauf läuteten im ganzen Königreich die Hochzeitsglocken.
PS: Die Tennislegende Chris Evert, wegen ihrer Coolness auch «Ice Maiden» genannt, hat neulich auf den Bahamas den frühpensionierten, aber immer noch erfolgreichen Golf-Professional Greg Norman geheiratet – ihren dritten Gatten nach einem Tennis-As und einem Abfahrts-Champion.
Richard Reich ist Autor; er lebt in Zürich.
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