NZZ Folio 04/97 - Thema: Kost und Körper   Inhaltsverzeichnis

Fundstücke -- Mit Goethe zu Tisch

Von Johann Peter Eckermann

Montag, den 7. April 1827

ICH GING HEUTE um ein Uhr zu Goethe und fand ihn in der strahlendsten Laune zu Tisch. «Ich habe den Vormittag über mit unserem geschätzten Doktor Rehbein einiges über Ernährungslehre erörtert», sagte er, «und wir fanden beide das Mysterium der Verdauung unzureichend ergründet. Wie kommt es, dass sich unserem Leib jedwelche Speise so harmonisch anverwandelt? Dass aus Ente, Karotte und Gewürz - setzen Sie sich doch, mein Freund - Fleisch von unserem Fleische wird, und wie Hofrat Rehbein trefflich scherzte, dass, wo Huhn war, plötzlich Rehbein wird? Und ist es nicht der Logik gemäss, dass bei diesem Prozesse einiges an Eigenschaften der Speise sich in den Speisenden wiederfindet? Dass also, wie beim Weine leicht beweisbar, sich das sonnige Gemüt des Rheinländers auch bald in unserem Kopfe breit macht?»

Auch ich hatte die Ernährungslehre Hofrat Rehbeins studiert und ergänzte, Flüssigkeiten würden dem Blute schneller anverwandelt - daher ihre raschere Wirkung. Und was feste Speise betreffe: So seien Vegetarier wohl deshalb oft bittere Menschen, da sie nur nuss- oder gemüsehafte Empfindungen aufnehmen könnten.

«Ganz recht», stimmte Goethe zu, «und da, wie wir gesehen haben, bereits vegetarische Grünkost solche Auswirkungen auf die Charakterbildung übt, wie stark müssen die Reaktionen erst bei verwandtem Fleische sein? So bewundert man zu recht das Einfühlungsvermögen der Ärzte - und vergisst, dass jene als Studiosi oft bettelarm und vom Hungertod bedroht, sich nicht anders zu helfen wissen, als in der Anatomie den kärglichen Speisezettel aufzubessern. Hier die Leber einer fallsüchtigen Wäscherin, dort ein wegen Wundbrand amputierter Fürstenfuss - so vollzieht sich die Einverleibung fremder Charaktere auf denkbar natürlichste Art.»

Ich äusserte mein lebhaftes Befremden über diese mir neue Tatsache.

«Mein liebes Kind», tadelte mich Goethe, «nur wer das Menschliche in allen Erscheinungsformen nicht scheut, sollte den Beruf des Arztes oder Dichters ergreifen. Ist es nicht schon bei den Wilden ehrfürchtige Sitte, das Herz der Ahnen zu braten? Und wer einwendet, das seien Heiden, der lässt ausser acht, dass auch beim heiligsten Ritual der Christenheit symbolisch Blut wie Fleisch des Erlösers genossen werden.»

So ist das Christentum der Theorie geneigt, Eigenschaften würden durch Essen übertragen? fragte ich.

«Ganz recht - aber lassen Sie mich von eigenen Erfahrungen reden, denn nur am eigenen Leibe vollzieht sich, was überzeugt. Im Jänner 1806, als ich mit der Vollendung meines FaustStücks nicht recht weiterkam, habe ich mit Justizrat von **** gesprochen. Ihrem Mephisto mangelt es noch an Teuflischem, sagte dieser, aber ich weiss Ihnen Rat. Morgen wird der Raubmörder Rampow mit dem Beil gerichtet. Wenn Bedarf an ein wenig Auffrischung in Boshaftigkeit bestehe, so könne ich ja am Abend zum Essen vorbeikommen . . . Sie können sich denken, mit welch widersprüchlichen Gefühlen ich die Stunde des Diners erwartete. Nicht gering war meine Überraschung, als ich auch den Richter des Prozesses sowie den Vorsteher der chirurgischen Abteilung antraf. Es wurde viel gescherzt, nicht zuletzt auf die Kosten des Richters, welcher uns das seltsame Wildbret verschafft hatte; schliesslich wurde eine Marksuppe aufgetragen. Man liess ihren Spender, den Raubmörder, für seine letzte gute Tat hochleben und fand die Suppe sehr schmackhaft und wohlgeraten. Nun wurden zum Hauptgang ein paar geschmorte Schenkel in Rotkraut serviert, die mächtig waren, denn der Raubmörder war an Körperkräften ein wahrhaftiger Bär gewesen.

Leider war dem Fleisch wegen der intensiven Dünstung, zu welcher die Gefahren des Leichengifts den Koch gezwungen hatten, eine gewisse Fadheit nicht abzusprechen . . . Aber was die Hauptsache betrifft, so wirkte die Therapie, und man kann nicht behaupten, dass der Raubmörder Rampow meinem Mephistopheles nicht noch ein wenig Pfeffer gegeben habe.»

Ich bemerkte, dass der Behandlung nicht der Erfolg abzusprechen sei - alle Welt halte Mephistopheles für einen gelungenen Schurken.

«Das Wesen des Dichters», fuhr Goethe fort, «ist die glückliche Verwandlung fremder Dinge in Eigenes. So kann ein Happen Raubmörder eine wahrhaft poetische Natur nur veredeln. Sie ersehen daraus die Wichtigkeit, sich der Gattung entsprechend zu ernähren, etwa mit Litschis zu Chinoiserien oder Zwieback zu poetologischen Abhandlungen.

Und ihnen, mein lieber Eckermann, empfehle ich zu Ihrem biographischen Werke eine Diät, die leider zu meinen Lebzeiten nicht zu haben ist.»

Ich fragte, worin diese bestünde.

«Ganz einfach, mein lieber Freund», sagte Goethe und machte sich mit Appetit an die eben aufgetragene Ente, «Sie sollten mich essen.»

Transkription: Constantin Seibt.


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