NZZ Folio 08/91 - Thema: Wege der Schweiz   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Attribute, die im Leeren baumeln

Von Wolf Schneider

Gegenüber der «menschlichen Komödie» hat die Comédie humaine einen messbaren Vorzug: Im Französischen erfahren wir zunächst, um welche Sache es sich handelt, und dann erst, welche Eigenschaft diese Sache hat; während wir im Deutschen den logischen Ablauf auf den Kopf stellen.

Nun ist dies bei einem einzelnen Adjektiv sicher ein geringer Fehler, und die romanischen Sprachen nehmen sich die Freiheit, ihn wahlweise ebenso zu machen («Divina Commedia»). Doch bei gehäuften Adjektiven hat der deutsche Zwang, sie allesamt voranzustellen, kuriose Folgen: «Der begabte, hochgebildete, schlagfertige, ausdrucksstarke, charaktervolle Regierungsrat Meier» - da hätten wir gern schon auf halbem Weg gewusst, wer es denn ist, dem all diese Eigenschaften zugesprochen werden; ja es fragt sich, ob wir, endlich beim erhellenden Hauptwort angelangt, noch die Kraft und Lust besitzen, seine fünf Eigenschaften aus dem Gedächtnis abzurufen, wie es nötig wäre, wenn wir uns den Sinn der Aussage komplett vergegenwärtigen wollten.

Auch dies ist noch eine geringe Not, verglichen mit der Zumutung, die viele Schreiber an uns richten, indem sie dem Substantiv die Attribute im Dutzend voranstellen. Attribute: Das sind Adjektive und alle anderen Wörter, die zwischen den Artikel und das Hauptwort zu schieben die Grammatik uns leider erlaubt - liaisons dangereuses also, überaus gefährliche Wortverbindungen. «Das als alternatives Wohnmodell zur Erprobung neuer Lebensformen von ihren Befürwortern gepriesene und von dem Druck der Strasse in einem Pachtvertrag auch rechtlich abgesicherte Vorhaben» lesen wir da - ein Vorhaben also, das wir jedoch erst dann als solches identifizieren können, wenn wir nach dem Artikel nicht weniger als 23 Wörter überwunden haben; Attribute, die beziehungslos im Leeren baumeln, bis das Substantiv sie endlich nachträglich mit Sinn erfüllt.

Angenommen, ein Gedächtniskünstler wäre imstande, die 23 Wörter präsent zu halten, bis das erlösende Bezugswort fällt. So würde der Schreiber ihm immer noch eine merkwürdige Springprozession aufnötigen: 25 Wörter lesen - von Wort 25 auf den Sinn der Wörter 2 bis 24 zurückschliessen - mit Wort 26 fortfahren. Aber Gedächtniskünstler sind wir nicht, und der Schreiber konnte das wissen. Folglich muss in ihm eines von dreien geschehen sein. 1. Er dachte sich: «Sollen meine Leser doch die 23 Wörter zurücklesen, wenn sie meinen Text verstehen wollen.» 2. Er dachte sich: «Ob ich verstanden werde, ist mir ziemlich egal, wenn nur die Grammatik stimmt.» 3. Er dachte sich überhaupt nichts.

Während das Verhalten 2 und 3 wenig Sympathien auf sich zieht, wird der Gesichtspunkt 1 nicht selten treuherzig vorgetragen. Zurücklesen! Ja, bei allem Gedruckten gibt es, anders als im Radio, diese Möglichkeit, und viele schreibende Journalisten berufen sich auf sie, Arm in Arm mit Professoren und Bürokraten. Doch zweierlei ist ihnen entgegenzuhalten.

Zum einen: Wer liest schon zurück - wenn nicht der Lehrer ihn dazu zwingt oder der Schriftsatz eines Rechtsanwalts ihm Angst einjagt! In 98 von 100 Fällen deckt sich das Nichtzurückhörenkönnen des Hörers total mit dem Nichtzurücklesenwollen des Lesers. Zum anderen: Welcher Hochmut gehört dazu, verschachtelte, überfrachtete Sätze in die Welt zu blasen und dann achselzuckend darauf zu verweisen, dass der Leser sie gefälligst zweimal lesen soll! «Die Probe der Güte ist», schrieb Jean Paul 1804, «dass der Leser nicht zurückzulesen hat.» Wer einen Beruf daraus macht, seinen Mitmenschen etwas mitzuteilen, der sollte sich verpflichtet fühlen, dies in einer Form zu tun, die den Fähigkeiten und den Gewohnheiten seiner Leser entspricht. Einer muss sich immer plagen: der Leser oder der Schreiber. Transparente Sätze bauen kann nur der, der sich beim Schreiben plagt. Wer zwischen Artikel und Substantiv 23 Attribute klemmt, der schiebt die Plage auf den Leser ab. Auch 26 Attribute sind für ihn kein Problem.

«Es war die in Posen geborene, in Berlin aufgewachsene, nach England emigrierte, in den USA zu Hollywood-Ruhm gelangte und schliesslich von den Schweizern adoptierte Erfolgsschauspielerin und - inzwischen auch - Bestsellerautorin Lilli Palmer.» Aus einer ganz kleinen Revolution im Hirn des Schreibers, der Bereitschaft nämlich, sich seine Leser vorzustellen, hätte ein überaus einfacher Umbau des Satzes folgen können: «Es war die Bestsellerautorin Lilli Palmer - in Posen geboren, in Berlin aufgewachsen . . .» und nun weitere Einzelheiten in fast beliebiger Zahl. Dies wäre nicht nur die allein verständliche, es wäre auch eine elegantere Abfolge der Wörter; man vergleiche das, was der grosse Spötter Georg Christoph Lichtenberg geschrieben hat - «Der Esel kommt mir vor wie ein Pferd, ins Holländische übersetzt», - mit dem, was typische Deutschlehrer daraus machen würden: «. . . wie ein ins Holländische übersetztes Pferd.»

Schreiber, die uns ratlos lassen, wie das Wortknäuel sich wohl entwirren wird, sündigen noch nicht einmal so schlimm wie solche, die uns mitten im Satz einen mutmasslichen Unsinn mitteilen. Was erfährt der, der sich im sechsbändigen Duden-Wörterbuch informieren möchte, was genau bei einer Kirche das Querhaus ist? «Das Langhaus einer Kirche . . .» Er traut seinen Augen nicht: Dachte er nicht immer, das Querhaus heisse Querhaus, weil es quer zum Langhaus steht? Verwirrt liest er weiter: «Das Langhaus einer Kirche vor dem Chor von Norden nach Süden rechtwinklig kreuzender Raum.» Aha! Der Raum also, der das Langhaus von Norden nach Süden kreuzt. So hätten sie es sagen können. Statt dessen nennen sie 13 nähere Bestimmungen einer Sache, ohne die Sache genannt zu haben. Komödie, alberne.




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