NZZ Folio 01/93 - Thema: Verschwunden   Inhaltsverzeichnis

Carte blanche -- Geheime Höllensache

Von Stanislaw Lem

Erst jetzt wurde - zwar weder dem «Spiegel» noch dem «Stern» - bekannt, dass vor etwa zehn Jahren eine geschlossene Plenarsitzung des Höllenpolitbüros stattfand, in der über die Zukunft debattiert wurde. Laut Gerüchten sind in einigen Folteraggregaten eilends von Engeln eingeschmuggelte Abhörgeräte installiert und eingeschaltet worden. Andere Stimmen reden von einem Doppelagenten, der sich als Teufel getarnt habe. Erstmals in diesem Jahrhundert wird das Stenogramm hiermit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

«Anwesende: Belial, Beelzebub, teuflischer Generalstäbler Astaroth und Luzifer als Protokollant. Im weiteren mehrere Experten und Fachteufel: Infernalisten, Infernatoren, Inferneure und des Oberteufelführers Hauptbeauftragte für die Verbreitung des infernalischen Gedankengutes Teufelsdreck, bzw. Assa foetida, im All. Die Sitzung wurde vom präsidierenden Astaroth eröffnet:

- Meine Herren Geschmorenen! Ich habe zum ersten eine peinliche, für die Hölle besonders fatale Nachricht: das Imperium des Bösen wird in etwa zehn Jahren kollabieren!

 Stimmen aus dem Saal:

- Was heisst kollabieren?

- Geht es um Amerika?

- Um die Sowjetunion, Sie blöder Teufel!

Astaroth: Jawohl! Die liebe, gute, das heisst schreckliche Sowjetunion wird auseinanderfallen!

- Lässt sich nichts dagegen machen? Das wäre doch tragisch!

- Natürlich! Wir müssen sofort deren Lage verbessern, das heisst verschlechtern!

- Ruhe! Es wird nichts so heiss gegessen wie geschmort! Der Tod des Imperiums wird uns viel Gutes, das heisst Böses bringen!

- Wieso? Reden Sie keinen Unsinn! Vielleicht sollten wir Lenin aus dem Schwefelsitzbad herausholen und zur Beratung einladen?

- Lassen Sie den Mann bitte in ewigen Flammen weiterruhen! Das Ende der Sowjetunion bringt uns lauter Segen, pardon, lauter irdisches Unglück, wollte ich sagen. Zum ersten kommt es zum allgemeinen Chaos in Europa, Afrika und Amerika! Allein in Afrika werden mehrere Millionen Neger Opfer des Hungertodes!

- Vortrefflich! Wenn die Vereinten Nationen aber Luftbrücken für Hilfsgüter organisieren . . .

- Die Flugzeuge werden abgeschossen.

- Von wem? Von unserer Höllenflak?

- Geistesgestört sind Sie! Wissen Sie denn nicht, dass uns laut Konkordat jegliche unmittelbare Intervention verboten ist? Die Hungernden werden unser Werk allein erledigen.

- Schön! Das Böse soll siegen!

- Aber das ist noch gar nichts. In Jugoslawien, was sage ich, überall kommt es zu Bürgerkriegen . . . Zudem wird ein Valutenbeben den gesamten europäischen Raum erschüttern! Das Pfund wird vom Schlag getroffen, und . . .

- Unglaublich, was Sie uns da erzählen!

- Ja, sind Sie denn ein Teufel oder nur ein Idiot?

- Werft ihn hinaus!

- Meine Herren Teufel, lassen Sie mich ausreden! Was ich über Europa, die USA, Russland, Jugoslawien, das Auseinanderbrechen der Tschechoslowakei bisher gesagt habe, ist gar nichts im Vergleich zur Hauptsache: unserem Sieg und Triumph über alle Engelscharen! In der -Operation Desert Storm- wird es nämlich für die USA zu einer totalen Niederlage kommen, die deren Präsident zwar in einen Sieg umbenennen, aus der unser Mann in Bagdad aber, der liebe Völkermörder Saddam, mit erhobener Stirn herauskommen wird. Und das ist noch nicht alles! Das Dessert habe ich hier parat  in diesem streng geheimen Plan.

- Wer war das? Ein Ball? Ein Fussball?

- Und dies also sind die Helden, mit denen ich die Hölle führen muss! Lauter Dummköpfe! Das ist ein von unseren Infernalisten und Seuchenexperten genial entworfenes Virus. Hundertprozentige Mortalität und keine Schlupfwinkel für die Menschen, weil es sich auf sexuellem Wege verbreitet. Zehn Jahre lang Qualen! Verseuchte werden das Virus unwissentlich oder - getreu dem höllischen Lustprinzip - wissentlich weiter übertragen. Und jetzt kommt die Blume, die Rose unseres Sieges:

 - Hurra, wir siegen! 

- Halt die Klappe! Was also, sagen Sie es uns endlich . . .

- Die römisch-katholische Kirche wird unser Hauptverbündeter in der globalen Enfachung der Pademie!

- Nein! Das können Sie Ihren Kindern erzählen! Die Kirche ein Heiler der Hölle? zu Schön, um wahr zu sein! Ich kann es nicht glauben!

- Wer war das? Belial? Sie sind ein unverbesserlicher Zweifler an jedem Guten, das heisst Bösen. Natürlich wird die Kirche, das heisst ihre Würdenträger, nicht persönlich als Virenträger mithelfen. Es soll noch besser, das heisst schlimmer, werden: Da sich das Virus ausschliesslich auf genitalem Menschenwege überträgt, können allein Kondome . . .

- Moment mal! Und Arzneien gegen das Virus?

- Wird es keine geben! Unsere Geningenieure-Terminatoren-Infernalisten haben sich auch mit allen möglichen Impfstoffen befasst. In diesem Jahrhundert wird es keine geben!! Hier die Garantie! Also, ich komme auf die Kirche zurück. Rom wird jedes Kondom gleich welcher Art strengstens verbieten, seine Benützung zur Sünde erster Klasse erklären und uns auf diese Art tatkräftig behilflich sein! In zehn Jahren soll es bis zu zehn Millionen Angesteckte geben, die an Aids krepieren, im Jahr 2000 bereits fast hundert Millionen, und gegen diese Eskalation werden sich die Erdenbewohner nicht wehren, weil sie sich ausschliesslich auf sexuelle Art vermehren . . .

- Ist das ganz sicher?

- Werfen Sie den Trottel raus! Was macht dieser teuflische Analphabet hier?

Stimmengewirr im Saal.

- Maul halten und weiter dienen! Das hier ist die Hölle und kein Bordell! Also, meine werten Satane, aus dem Schlechten wird nur das Feine und Schöne, ich wollte sagen das Hässliche, entspriessen. Und nun kommt noch die Mär, die uns als Krönung des Ganzen schwarz leuchten soll, das Vorzimmer des Sieges . . .

- Heil!

- Was sagt er?

- Durchaus richtig! Die Wiedergeburt des Nazismus in Deutschland steht vor der Tür, und um sie zu beschleunigen, wird die Regierung so gut wie lauter gar nichts machen! Die Pyromanen, Brandstifter, Mörder, Kinderschänder, Frauenfolterer werden von der Polizei mit lauwarmem Wasser begossen, ein bisschen auseinandergetrieben, und wenn man schon jemanden verhaftet, so wird er nach zwei Stunden wieder auf freien Fuss gesetzt. Das gibt unseren Höllenehrengästen Wunderauftrieb und Freude: Goebbels, Hitler, Göring . . .

- Und die Uno?

- Und das Asylrecht?

- Und die deutsche Demokratie?

- Schein und Trug, Nacht und Nebel, meine lieben Kollegen! Es wird alles abbröckeln, zu Staub werden . . .

- Vielleicht aber kommt ein Befehl zum Scharfschiessen und zur Einkerkerung?

- Dass ich nicht lache! Zu gar nichts kommt es. Also: Virusseuche, Bürgerkriege, Fremdenhass, Hungertod, Massenflucht, neue Völkerwanderung, alles schön mit viel Blut begossen und als Schmaus im Fernsehen zur Musse serviert. Und wir stehen bereits nicht mehr nur auf einem irdischen Brückenkopf, sondern alles in Europa fällt in Scherben, und morgen die ganze Welt! Dreimal Sieg Heil, Dreck und Feuer, meine Herren Geschmorenen! Zum Schwefel, prost! Jetzt bitte ich die Herren Belial und Beelzebub, noch eine Weile dazubleiben.

Astaroth bittet zum Geheimgespräch mit dem Nuntius, um alles genau zu belegen. Alles Böse - die <Operation Aids> hat begonnen. Adieu, das heisst, zum Teufel mit Ihnen!»


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