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NZZ Folio 09/08 - Thema: Traumreisen Inhaltsverzeichnis
Zerlegt -- Das Korsett lebt
© Patrick Rohner
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| Masskorsett, Baumwollsatin, Entre Nous, 2600 Franken. |
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Von Jeroen van Rooijen
Es gibt einen guten Grund, warum das Korsett vor hundert Jahren aus der Mode verbannt wurde: Es war nachweislich nicht gesund, den Leib der Frau derart einzuschnüren, wie es davor während 350 Jahren gemacht worden war. Das Zusammenzurren der Frau verformte das Skelett, beeinträchtigte die inneren Organe und ihre Funktion. Überdies widersprach das Korsett dem Geist der aufkeimenden Frauenbewegung und der neuen, freieren Mode. Es wurde deshalb nach 1910 aus dem Bekleidungsrepertoire der modernen Frau gestrichen. Was aber nicht heisst, dass das Korsett nicht weiterhin Anhänger – und Anhängerinnen! – hatte. Weltberühmt wurde in den 1960ern die Britin Ethel Granger, die es auf einen Taillenumfang von 33 Zentimetern brachte. Und bis heute wird das Korsett in der Bühnengarderobe sowie als erotischer Fetisch hoch geschätzt.
Sinn und Zweck des Korsetts ist es, die weibliche Silhouette zu dramatisieren: eine schmale Taille und eine durch die Einschnürung üppig herausgedrückte Brust. Die Schnittlinien werden mit kontrastierenden Bändern abgesteppt, um den Effekt zu maximieren. Das Korsett ist nicht mit einer Corsage, einem Corselet oder Mieder zu verwechseln: Diese flexiblen Massnahmen, den Körper präziser zu zeichnen, sind im Vergleich zu einem echten Korsett Zweitklasslösungen.
Ein echtes Korsett hat keine Kunststoffversteifungen oder leichte Fütterungen, sondern wird aus metallenen Spiralfedern und mehreren Lagen Stoff genäht. Es baumeln keine feinen Strapse daran herunter, sondern breite Gummibänder mit Haltern für die halterlosen Strümpfe. In so einem Korsett steht die Frau bolzengerade und atmet kurz und flach. Und so ein Korsett hat ein ordentliches Eigengewicht: 350 Gramm bringt die hier zerlegte Kreation der Winterthurer Korsettspezialistin Beata Sievi auf die Waage. Um dem Konstrukt am Ende einen femininen Liebreiz zu geben, wird es den Kanten entlang mit Stickereien besetzt, so wie es 1905 in Mode war.
40 Stunden braucht Beata Sievi für eine solche Sonderanfertigung. Am Anfang stehen das Massnehmen und die Anprobe von Modellmustern, dann wird ein Probemodell aus einfacher Baumwolle genäht, bevor das effektive Modell aus Seide, Taft oder Leder zugeschnitten und in aufwendiger Handarbeit gefertigt wird. Am Schluss werden die leicht elastischen Bänder für die Schnürung in die Ösen eingezogen. Schnüren kann man das Korsett mit etwas Übung selbst, aber die Korsettmacherin gesteht, dass ein zweites Paar Hände hilfreich ist. Ihre Faszination für das Korsett entdeckte die gebürtige Polin während ihres Psychologiestudiums in Warschau. Vor zehn Jahren nähte die Autodidaktin ihr erstes Korsett für eine Theateraufführung. Kurz darauf eröffnete Beata Sievi unter dem Label «Entre Nous» in Winterthur ein Atelier und nannte sich fortan Corsetière.
Aber wer trägt heute noch Korsetts? «Es sind Frauen, die ihre Weiblichkeit betonen möchten», sagt Beata Sievi. «Doch die wenigsten wollen eine ganz enge Schnürung, die sie einschränkt, sondern ein Korsett als Modeartikel, das einem eine gewisse Haltung gibt und verführerisch aussieht.»
Jeroen van Rooijen ist Moderedaktor bei der NZZ.
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