Ausser ihrem Äusseren - darin sind sie (sich) allerdings etwas gleicher als andere - haben A und B nicht allzu viele Gemeinsamkeiten, ihre Lebensgeschichten sind denkbar unterschiedlich. A kommt aus einer betulichen Kleinstadt, in der er mit Einfallsreichtum und List soeben eine äusserst bedrohliche Situation gemeistert hat. B hat sich für das Treffen mit A aus einem wahren Siedetopf politischer Turbulenzen davongemacht, aus denen sie sich freilich fast stets herauszuhalten wusste. Sie verschlief eine geschichtsschwere Rede und war, wenn es Pflichten zu übernehmen galt, meistens verschwunden.
A: Wie? Ich hätte mich, so wie du, aus den Dingen heraushalten sollen? Nichts hätte ich lieber getan. Als in der Blüte meiner Jahre meine Herrin starb, war dies das erste Unglück, welches mir widerfuhr. Geübt im Lebenskampf war ich somit nicht. Aber wie hätte ich, jenem Bösewicht in dem miesen Kuhhandel völlig ausgeliefert . . .
B: (unterbricht ihr Gähnen kurz durch Lachen) Kuhhandel ist gut! Grossartiger Witz!
A: . . . wie hätte ich den miesen Handel überleben sollen, ohne die Dinge selbst an die Hand zu nehmen? Man ist ja schliesslich kein Hexenmeister.
A, dem man die ausgestandenen Nöte nicht mehr ansieht, streicht sich, nicht ohne Selbstgefälligkeit, übers glatte, glänzende grau-schwarze Haar.
B: Hand, ha, ha. Ach Gott - hier darf man Gott doch noch anrufen? -, bei uns haben auch alle gemeint, sie müssten die Dinge selbst an die Hand oder was immer nehmen. Was dabei herauskam, weiss man ja jetzt. Aber was kümmert mich, was die andern tun.
A: Bei mir gab's keine andern. Ich war unter meinesgleichen so ziemlich allein, ich kam nicht zuletzt gerade deswegen in Nöte; darum war das, worüber ich verfügte, für meinen neuen Meister so begehrenswert, dass er zu allen Schandtaten bereit war, um es zu bekommen. Aber dem habe ich den Meister gezeigt, dem habe ich . . .
B: Du redest zuviel. Dein Meister hat dich zu Recht ein Plappermaul genannt.
A: Immerhin hat mir das Reden Kopf und Kragen gerettet. Hätte ich vielleicht schweigen und mir den Kopf abschneiden lassen sollen?
B: So schweig wenigstens jetzt. Ich will meine Ruhe und habe nie etwas anderes als meine Ruhe gewollt. Aber ruhig ist diese Zeit ja wohl nicht gerade gewesen, all die Reden, und dann immer dieser Gesang. Von den Schlachten und der Plackerei ganz zu schweigen. Und es wird kaum bald viel besser werden.
A: Madame geruhen, wenn ich mich nicht täusche, weder viele Reden gehalten noch gesungen, noch sich sehr geschlagen, noch sich sehr mit Arbeit geplagt zu haben?
B: Ich wollte ja auch nicht, wie du, Titelfigur werden. Mir gab man ja noch nicht einmal einen Namen.
A: Dafür hatte dein Schöpfer deren zwei.
B: Übrigens habe ich durchaus auch einmal geredet . . .
A: Ja, zu ein paar Spatzen.
B: . . .und mich politisch engagiert. . .
A: Ja, du hast in einer Abstimmung für beide Seiten gestimmt.
B: . . . und mich in einer Schlacht geschlagen!
A: O. k., o. k., du hast einen Kuhknecht ein bisschen am Hals verletzt. Du hältst dich deswegen aber wohl nicht für eine Revolutionärin?
B: Sollte ich mich, indem ich es täte, denn dereinst unnötig zur Närrin machen? Nein, keine Revolutionärin und auch keine Heldin.
A: Ach, genau besehen haben mich auch nur die Umstände zum Helden gemacht, nachdem sie mich zuerst gierig, kriechend und feig hatten werden lassen. Wohlgenährt und wohlgelitten ist es leicht, anständig zu sein und in Ehren zu leben. Aber behalte deine Würde, wenn man dich hungern lässt, dich beschimpft und dich schlägt!
B: Bei uns haben die Hungernden und die Geschlagenen ihre Würde allerdings besser bewahrt als die Satten. Ich habe freilich nie begriffen, dass sie bei halber Essration auch noch doppelte Arbeit leisteten, zumal jede Zusatzarbeit rein freiwillig war.
A: Halbe Rationen sind gar nicht immer so schlecht. Ich selber habe den Gebrauch der Tugend und Philosophie, die mir schliesslich das Leben gerettet hat, auch erst bei halber Ration, beim Masshalten, wiedererlangt, nach einer Zeit der Völlerei und Schlemmerei.
B: Das ist etwas anderes, du hast freiwillig verzichtet . . .
A: . . . so wie man bei Euch «freiwillig» doppelte Arbeit geleistet hat! Du hast wohl gar nichts von dem, was um dich herum vorging, verstanden. Kein Wunder, dass du in deiner Geschichte nicht aufrechten Ganges . . .
B: Bewahre!
A: . . . dass du in deiner Geschichte nicht zur Heldin geworden bist, dir fehlt jeder Sinn für Ideale.
B: Ich habe sehr wohl alles verstanden. Auch das Nichtmitmachen kann ein Ideal sein. Mir fehlt nicht der Sinn für Ideale, mir fehlt höchstens der Sinn für Traumtänzereien, für Märchen.
A: Schlecht für dich. Ich mag Märchen.
B: Gut für dich. (Gähnt.)
A und B haben Zeit, Raum und Sprachgrenzen ein Schnippchen geschlagen: Sie haben sich auf halbem Weg zwischen den Hauptstädten ihrer Herkunftsländer getroffen, sagen wir: in Reims, im Jahre 1861, zeitlich in der Mitte der Geburtsjahre ihrer Schöpfer, die übrigens im gleichen Sternzeichen geboren wurden und beide vier Tage vor ihrem Geburtstag starben, A's Schöpfer betagt, B's Schöpfer mit nur 47 Jahren.
Auflösung Rätsel Folio Nr. 10: A ist Spiegel das Kätzchen aus Gottfried Kellers gleichnamiger Novelle (1856); B ist die namenlose Katze aus George Orwells «Animal Farm» (1945).