NZZ Folio 08/00 - Thema: Las Vegas   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Herbert und Liliane Haas' Den

© Wes Isbutt, Las Vegas
Der Geologe Herbert Haas und seine Frau Liliane, sie aus Winterthur, er aus Biel, leben seit 36 Jahren in den USA, vorher in Dallas, seit zehn Jahren in einem Haus im Valley von Las Vegas. Linktext
Von Lilli Binzegger

«DIESES HAUS HABEN WIR seit Frühling 1994. Ich hatte von der Universität Nevada ein sehr gutes Angebot bekommen, mit meinem Forschungslabor für Isotopenchemie von Dallas nach Las Vegas zu ziehen. Isotopenchemie wendete ich vor allem in der Archäologie an zur Altersbestimmung von Fundgegenständen, dann auch in der Umweltforschung, der Meeresforschung, der Klimaforschung.

Das Haus liegt im Valley, wie wir hier sagen, in der Nähe des Flugplatzes und der Universität. Es ist ein Four-Bedroom-Haus, in Amerika zählt man immer nur die Schlafzimmer, die anderen werden separat aufgeführt. In unserem Fall wären das ein Esszimmer und zwei Wohnzimmer, das eine davon diese Den. So nennt man in Amerika Orte des Rückzugs, die ein wenig von der Welt abgeschlossen sind. Wenn wir für uns sein, uns nicht mit den täglichen Sorgen umgeben wollen, dann kommen wir hierher. Da nehmen wir nichts herein wie Zeitungen oder Fernsehen. Hier haben wir unsere Musikanlage, unsere Bücher, Dinge, die wir sammeln, an denen wir Freude haben, wie etwa meine Sammlung antiker Radios.

Ich bin aus Biel, meine Frau Liliane ist in Winterthur aufgewachsen. Eigentlich kamen wir 1964 nur für zwei Jahre nach Amerika. Wir hatten kurz zuvor geheiratet, damit wir einen gemeinsamen Visumsantrag stellen konnten. Da kannten wir uns gerade ein halbes Jahr. Ich habe dann in Dallas noch Geologie studiert, Liliane hat während meines Studiums den Lebensunterhalt bestritten. 1974 kam unser Sohn zur Welt, der jetzt in San Antonio lebt. Seit 1971 sind wir Amerikaner, wir sind aber auch Schweizer geblieben.

Dieses Quartier ist etwa 20-jährig, das ist für Las Vegas schon ziemlich alt. Zum Teil haben die Häuser hier noch so viel Umschwung, dass man sich ein Pferd halten kann. Jetzt wird der Platz in der Stadt langsam eng, sie ist ja rundum von Bergen umstellt. Also werden die Parzellen kleiner und kleiner. Zu unserem Haus gehören aber immer noch etwa 1000 Quadratmeter Land, zu zwei Seiten Garten, ein grosser Swimmingpool.

Die Behörden halten die Leute zum Wassersparen an und offerieren Mithilfe, auch finanzielle, wenn sie Rasen in Wüstenlandschaft umwandeln. Wir haben das gemacht und sehr Freude daran bekommen. Es ist erstaunlich, was da alles an Blumen, Bäumen und Sträuchern wächst und blüht und duftet, alles Wüstenpflanzen. Die bewässert man mit einem System von einer Art Pipetten, aus denen das Wasser nur tropfenweise herauskommt. Daneben haben wir aber auch noch einen kleinen Gemüsegarten.

Hier lässt sich sehr gut leben. Las Vegas ist ja nicht nur die Stadt, die man als Tourist kennen lernt, mit den Casinos, den Hotels, dem Entertainment. Die Leute, die das alles betreiben, wohnen auch hier, aber auch andere. Das ist der andere Teil von Las Vegas, eine relativ gut funktionierende Stadt. Einer unserer Nachbarn hat ein Baugeschäft, ein anderer eine Versicherungsagentur, ein dritter arbeitet in der Stadtverwaltung.

Man wird als Neuzuzüger sehr offen aufgenommen. Aber heute haben alle immer so viel zu tun, dass man abends kaum zusammensitzt. Man würde es unter Nachbarn auch nicht schätzen, wenn man oft oder unangemeldet vorbeiginge. Wir haben unsere Freunde mehr aus meiner beruflichen Tätigkeit oder der meiner Frau, die, seit wir in Las Vegas wohnen, Teilzeit arbeitet, nicht mehr in ihrem Beruf als Krankenschwester, eher auf dem Büro. Und dann natürlich aus dem Swiss Club of Southern Nevada, dessen Präsident ich bin. Der Schweizer Club hat etwa 50 Mitglieder, viele sind in der Hotellerie tätig, einige geniessen den Ruhestand. Vor zwei Wochen hatten wir zum Beispiel ein Bratwurstbraten, den 1. August werden wir auf dem Mount Charleston feiern, dem höchsten Berg der Umgebung. Und kürzlich konnte ich einen Ausflug zur Test Site etwa 100 Kilometer von hier in der Wüste arrangieren, wo früher bis zu 10 000 Leute gearbeitet haben. Wir hatten einen wunderbaren Tag, konnten all die Stätten anschauen, wo man in den fünfziger Jahren die oberirdischen Atomtests machte.

Theoretisch kann man hier ohne Auto leben, es hat ein Bussystem. Wir haben fünf Minuten bis zur Haltestelle. Man braucht aber Zeit, die Busse fahren nicht sehr fleissig, und man muss oft umsteigen. Quer durch die Stadt hätte man etwa zwei Stunden. Wir können aber zu Fuss einkaufen gehen, und es hat in der Nähe auch kleine Restaurants. Trotzdem haben wir zwei Autos.

In die Casinos gehen wir fast nur mit Besuch. Wir haben natürlich oft Besuch aus der Schweiz oder von Bekannten aus Amerika. Ab und zu besuchen wir ein Konzert, kürzlich gab es eine vereinfachte Opernaufführung. Wir würden später vielleicht gerne in eine Stadt ziehen, die mehr von der Art Kultur hat, die uns interessiert, Seattle etwa. In die Schweiz zurückkehren? Eher nein. Es ist nicht mehr die Schweiz, die wir verlassen haben. Dort ist alles so hektisch geworden, und das Land wird langsam, aber sicher komplett überbaut. Und die Schweiz ist nicht mehr das saubere Land, das sie einst war.

Wir haben gerne hie und da einen Regentag, davon gibt es hier nicht viele. Den Schnee vermissen wir nicht. Kalt kann es schon werden, es ist im Winter oft unter Null. Im April kann die Luftfeuchtigkeit bis auf 10 Prozent heruntergehen. Wir haben Luftbefeuchter, zum Teil auch wegen der Möbel, das Holz leidet unter der Trockenheit. Wenn wir an Tagen wie heute im Pool schwimmen gehen, bei über 40 Grad, dann friert man für eine Minute, wenn man aus dem Wasser kommt, weil in dieser trockenen Luft das Wasser am Körper so rasch verdunstet.»


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