WIE VERHÄLT SICH EIN Jahrhundertsturm zu einem Weltklassesturm oder zur Mutter aller Stürme? Russell Baker, der Satiriker der «New York Times», grübelte dieser Frage nach, als ein Blizzard an der amerikanischen Ostküste in allen Nachrichten das Prädikat Jahrhundertsturm verliehen bekommen hatte. Wer die Arbeitsgewohnheiten von Journalisten kennt, kann sich leicht ausmalen, wie der Superlativ zustande kam.
«Ist dies der schwerste Sturm, den Sie je registriert haben?» fragt der Reporter den Meteorologen. Nein, sagt der. «Aber vielleicht der schlimmste Schneesturm?» Wie wollen Sie das messen - an der Schneemenge oder an der Windgeschwindigkeit? Der Reporter bohrt weiter, für seine Schlagzeile braucht er die griffige Formel. «Könnte man von einem Jahrhundertsturm sprechen?» Ich weiss nicht, was das ist, sagt der Meteorologe. «Sie würden es also nicht dementieren?» Da lässt sich nichts dementieren, weil es sich nicht definieren lässt, sagt der Meteorologe. Der Reporter ist zufrieden und schreit es hinaus: «Wetteramt spricht von Jahrhundertsturm!»
So pusten die Journalisten, Arm in Arm mit den Werbetextern, noch mehr Übertreibungen in die Umgangssprache, als darin ohnehin herumgeistern: Denn wir lieben das sprachliche Maximum - sei es in der grammatischen Form des Superlativs oder mit Hilfe extremer, massloser Wörter; ja in den Wortvorrat, den wir geerbt haben, ist das Übermass schon eingebaut.
Als unsere Ahnen die Sprache erfanden, muss es für sie immer nahegelegen haben, nicht die Regel zu benennen, sondern die Ausnahme, nicht die Mittellage, sondern das Extrem: den Riesen und den Zwerg, die Kälte und die Hitze, das Lachen und das Weinen. Für kalt und heiss haben wir auch schwächere Formen zur Verfügung, nämlich kühl, lau, warm, und das Lachen können wir zum Lächeln mildern; aber wer nicht weint, nicht lacht und von normaler Grösse ist, für dessen Miene und Statur fehlt uns der Begriff.
Auch gehen wir arglos mit Worten um, in deren schlichte Silben eine unsinnig übertriebene Behauptung eingeschlossen ist: «vorurteilslos» - obwohl mehr als eine gewisse Armut an Vorurteilen sich nicht erreichen lässt; «selbstlos» - als ob es erstrebenswert und möglich wäre, ohne Selbst zu sein! Schon bei vierzig Beinen beginnt für uns der Tausendfüssler, und leicht gehen uns Gelöbnisse von den Lippen wie «ewige Liebe» oder «unsere Anstrengungen verzehnfachen».
Mythen, Märchen und Romane haben unsere Lust an der Übersteigerung zum äussersten getrieben: Odysseus, Herkules, Münchhausen. Thor, der gewaltige germanische Donnergott, nächtigt in einer Kammer, von der er erst am Morgen merkt, dass sie der Daumen des Handschuhs des Riesen Skrymir ist. Rabelais lässt im Harnstrahl des Gargantua 260 418 Pariser «eines bitteren und feuchten Todes sterben, Weiber und Kinder gar nicht eingerechnet».
Heute ist es vor allem die Presse, die unseren Bedarf an Superlativen deckt. Sie hütet sich vor der durchschaubar lügnerischen Übertreibung und spezialisiert sich daher auf folgende fünf Methoden: Erstens, dreimal wöchentlich sind die meisten Zeitungen mit Kollaps, Skandal und Katastrophe zur Stelle, wählen also überall dort, wo sich nichts definieren und folglich nichts widerlegen lässt, die äusserste Steigerung. (Nein, die äusserste nicht - «Katastrophe» ist manchen Zeitgenossen viel zuwenig: «Echte Mega-Katastrophe» hört man Studenten sagen.) Zum zweiten: Wo die meisten den schon eingebauten Superlativ nicht mehr heraushören wie beim «grössten anzunehmenden Unfall», dem GAU, ist, wenn er denn eintritt, in den Schlagzeilen vom Super-GAU die Rede; einen GAU hat es für sie noch nie gegeben.
Zum dritten lieben die Nachrichtenjournalisten jenen Superlativ, der so korrekt ist, dass er irreführt. «Der kälteste 5. Februar seit fünfzig Jahren» kann bedeuten: Am 4. Februar war es schon im Vorjahr viel kälter. Viertens schrecken sie nicht vor dem ebenso korrekten wie lächerlichen Superlativ zurück: «Das schwerste Unglück in der Geschichte der peruanischen Kriegsmarine» (drei Schiffe, zwei Unglücke). Und schliesslich geben sie kritiklos die albernen Superlative Dritter weiter; so jenen der durch niemanden und nichts legitimierten Jury, die frech behauptet, sie habe «die schönste Frau der Welt» gekürt - in Wahrheit nur unter denen, die sich gemeldet haben, nach Massstäben, die keiner kennt und die keiner haben kann.
Dass es Wörter gibt, die sich einfach nicht steigern lassen wie eindeutig, dreiseitig, schulfrei oder tot: Das passt vielen Leuten nicht. «Der einzigste» sagen sie und «in keinster Weise» - als wollten sie Christian Morgensterns Karikatur auf ein Liebesgedicht nacheifern: «Ich bin deinst - sei du meinst! Ich sehne dich sprachlosestest.» Wenn ein Glas voll ist - kann es noch voller sein? Das Glas nicht, entschied 1993 das oberste deutsche Arbeitsgericht in Kassel, wohl aber die Zufriedenheit: Es gab einem Kläger recht, der sich in seinem Zeugnis die «vollste Zufriedenheit» des Arbeitgebers ertrotzen wollte. Wenn der Verfasser dies als dreist bezeichnet, muss er unter solchen Umständen wohl betonen, dass er damit keinen Superlativ zu drei gebildet haben möchte.