Estée Lauder und Guerlain haben etwas gemein: Sie sind keine Modehäuser, und beider Erfolg und Überleben hängt allein vom Schicksal ihrer Düfte ab. Beide haben sie jüngst ein neues Herrenparfum herausgebracht, Beyond Paradise Men beziehungsweise L’Instant Pour Homme.
Diese Verschiebung von Namen aus dem Reich der femininen Düfte ins Maskuline entbehrt nicht einer gewissen Komik: Bei Lauder wird angedeutet, dass eine der Verheissungen, die das Jenseits bereithält, in der radikalen Trennung der Geschlechter bestehen könnte, während bei Guerlain etwas von dem gestrengen Charme eines «Fasse dich kurz»-Schilds mitschwingt, das dem Besucher vom Schreibtisch eines CEO entgegenblitzt.
Beginnen wir mit dem Duft aus dem Hause Guerlain, dessen Schaffen ich in letzter Zeit eher kritisch begleitet habe. Kein Makel. Da ist zunächst die exquisite schwarze Verpackung. Seit Jahren wieder einmal hat Guerlain ein Gesicht – markant, elegant, stimmig. Der Duft ist wie ein perfekter Sprung vom Zehnmeterbrett. Ein Absprung von Zitrusfrische nach Art von Shalimar Lite, zwei halbe Drehungen, einmal Richtung Anis, einmal Richtung Vetiver, bis er sich geschliffenem Sandelholz anverwandelt, das an Samsara Lite gemahnt. Ellbogen tadellos angewinkelt, perfektes Eintauchen, kein Spritzer, nichts. Man wünscht sich sofort eine Wiederholung in Zeitlupe.
Zwei weitere Dinge sind an L’Instant Pour Homme bemerkenswert. Erstens, und dies ist das Markenzeichen eines guten Parfums: es duftet sogar in den Versionen als Deodorant, Shower Gel usw. vortrefflich. Es ist wie mit Barbers Adagio in der Version für Streichquartett: Sie haben einfach die Melodie hinbekommen. Und zweitens: Während das Medley an Guerlain-Zitaten in L’Instant Femme an jemanden erinnert, der zwar eine Vergangenheit, aber keine Zukunft hat, lassen die Zitate im maskulinen Kontext an einen Kerl denken, der ein gut Teil seiner Lebenskunst von Frauen gelernt hat und sich nicht schämt, dies zuzugeben.
Ganz anders der Duft von Lauder: Er gehorcht Ernst Haeckels Gesetz, gemäss dem jede Entwicklung die Evolution wiederholt. Es kommt jedoch darauf an, für welche Lebensformen man sich unterwegs entscheidet. Hier verläuft die Entwicklung mit der nahtlosen Grazie, die das Markenzeichen von Calice Becker ist: von Joops All About Adam über Cool Water bis hin zu Grey Flannel.
Während der Duft von Guerlain einem vertrauten Bogen von Kühl zu Warm folgt, verlässt Beyond Paradise Men kein einziges Mal den Ur-Ozean, um am Strand in der Sonne zu baden: Es bleibt konsequent graugrün, verschwommen und dunstig, von der Kopfnote bis zum Fond. Beide Parfums begegnen der Geschichte mit der Ehrerbietung des Klassizismus. Ich möchte wetten, dass beide in nicht allzu ferner Zukunft selbst Klassiker sind.